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Krieg im Sudan: Frauen müssen am Straßenrand entbinden

Sudanesische Familien finden in einer Schule Unterschlupf, 23. März 2025
Sudanesische Familien finden in einer Schule Unterschlupf, 23. März 2025 Copyright  Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved
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Von Laura Fleischmann
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Mehr als 150.000 Tote, Millionen Vertriebene – und kaum Hilfe. Im Sudan bricht das Gesundheitssystem zusammen, Hilfsgelder schrumpfen. UN-Vertreterin Fabrizia Falcione schildert im Euronews-Interview eine Krise, die Frauen und Mädchen besonders hart trifft.

Seit mehr als drei Jahren dauert der Krieg im Sudan an. Schätzungen zufolge wurden bei den Auseinandersetzungen mehr als 150.000 Menschen getötet. Etwa 14 Millionen Menschen wurden vertrieben.

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Mittlerweile hat sich der Konflikt zur größten humanitären Krise der Welt entwickelt. Doch weil bisherige finanzielle Unterstützer zunehmend ihre humanitären Hilfen einstampfen oder kürzen, müssen Hilfsorganisationen vor Ort den Gürtel immer enger schnallen.

Ende 2025 haben die USA etwa ihre humanitären Hilfsmittel für die UN von 17 auf zwei Milliarden US-Dollar gekürzt. Auch der deutsche Anteil ist geschrumpft: Um 30 Prozent wurden die Gelder des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zwischen 2022 und 2026 gekürzt.

Etwas Abhilfe schaffen könnten zumindest Gelder in Höhe von 1,3 Milliarden Euro. Sie wurden jetzt bei einer Geberkonferenz in Berlin gesammelt, so Außenminister Johann Wadephul (CDU).

Patienten in einer improvisierten Klinik, Chuil, Sudan, 10. April 2026
Patienten in einer improvisierten Klinik, Chuil, Sudan, 10. April 2026 Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved

Zu spüren bekommen die wegfallenden Mittel Organisationen wie die UNFPA, die UN-Agentur für sexuelle und reproduktive Gewalt. Nur ein Bruchteil der benötigten Gelder sind bisher zusammengekommen, so Fabrizia Falcione zu Euronews. Seit Oktober 2025 ist Falcione als UN-Vertreterin vor Ort. Im Euronews-Interview spricht sie über die Gewalt, die insbesondere Frauen in Sudan erleben und wie schlimm die Krise wirklich ist.

Inzwischen sei die Gesundheitsversorgung so schlecht, dass Frauen während der Flucht am Straßenrand gebären müssten, so die UNFPA. 93 % der Frauen und Mädchen fühlen sich unsicher, wenn sie grundlegende Gesundheits- oder Hilfsangebote in Anspruch nehmen wollen.

Hintergrund der Krise ist ein andauernder Krieg zwischen der sudanesischen Armee "Sudanese Armed Forces" sowie der paramilitärischen Gruppe "Rapid Support Forces". Seit 2023 bekriegen sie sich im Kampf um Macht und Kontrolle in Sudan. Inzwischen ist der Großteil des Gesundheitssystems zerstört.

Euronews: Sie sind gerade in Sudan. Wie sieht der Alltag für Frauen und Mädchen dort aus – jenseits der Statistiken?

Falcione: Ich spreche mit Ihnen aus Khartum. Ich weiß nicht, ob Sie das Generatorgeräusch hören – aber das sagt schon alles: Es gibt keinen Strom in der Stadt. Kein fließendes Wasser. Nachts liegt die Stadt im Dunkeln.

Für Frauen ist es extrem schwierig. Ich bin selbst eine Frau. In einer Stadt zu leben, die komplett dunkel ist, ohne Licht, ohne fließendes Wasser, mit Kindern – oft allein, weil Ehemänner, Väter, die männlichen Familienmitglieder nicht mehr da sind. Das gibt einem ein sehr tiefes Gefühl von Unsicherheit.

Fabrizia Falcione, UN-Vertreterin in Sudan
Fabrizia Falcione, UN-Vertreterin in Sudan United Nations

Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass viele Menschen nach Khartum zurückkehren wollen. Trotz aller Schwierigkeiten. Was sie brauchen, ist Zugang zur Grundversorgung: Gesundheitsversorgung, Schulen für ihre Kinder – und vor allem Einkommensmöglichkeiten. Diese Frauen sind die einzigen Ernährerinnen ihrer Familien geworden. Und stellen Sie sich vor: Sie müssen für ihre Familien sorgen, ohne irgendetwas zu haben, weil sie alles zurücklassen mussten.

Euronews: Was sind die Ursachen für dieses tiefe Unsicherheitsgefühl der Frauen und Mädchen?

Falcione: Licht ist tatsächlich eines der Dinge, die Frauen immer wieder ansprechen – auch in Vertriebenensiedlungen und Lagern. Nachts gibt es kein Licht. Stellen Sie sich vor: Sie müssen in einem Vertriebenenlager nachts eine Toilette aufsuchen, die weit weg ist. Es gibt nicht einmal genug Toiletten. Und Sie sind eine Frau oder ein Mädchen – allein, in der Dunkelheit.

Soldaten der Sudanesischen Streitkräfte auf dem Allafah-Markt in Kartum, Sudan, 27. März 2025
Soldaten der Sudanesischen Streitkräfte auf dem Allafah-Markt in Kartum, Sudan, 27. März 2025 Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved

Sie haben keine sichere Unterkunft, vielleicht nur ein Zelt oder etwas sehr Einfaches. Alles um Sie herum fühlt sich unsicher an – weil Sie nachts kein Licht haben, weil Sie lange Wege zurücklegen müssen, um Wasser zu holen oder Holz zum Kochen. Die Märkte sind überfüllt. Es gibt viele Gründe. Und das alles spiegelt sich in unserer jüngsten Erhebung wider: Wir haben als UNFPA eine sehr umfangreiche Befragung durchgeführt, mit einer großen Anzahl von Fokusgruppendiskussionen. Das Ergebnis: 93 Prozent der befragten Frauen und Mädchen gaben an, dass sie sich auf dem Weg zu Versorgungseinrichtungen – gleich welcher Art – unsicher fühlen.

Euronews: In den Unterlagen, die Sie mir vorab zugeschickt haben, stand, dass Frauen teils am Straßenrand entbinden. Wie konnte das Gesundheitssystem im Sudan an diesen Punkt gelangen?

Falcione: Zunächst ist es wichtig festzuhalten: Dieser Krieg hat einen großen Teil der Gesundheitseinrichtungen zerstört. Heute sind etwa 40 Prozent der Gesundheitseinrichtungen im Sudan vollständig außer Betrieb. Ein weiterer großer Anteil funktioniert nur noch teilweise. Wir schätzen, dass insgesamt nur noch 30 Prozent der Einrichtungen funktionsfähig sind. Das ist eindeutig eine direkte Folge des Krieges – er hat Gesundheitseinrichtungen, Gesundheitspersonal und Patienten direkt ins Visier genommen.

Dazu kommt, dass das Gesundheitssystem im Sudan bereits vor dem Konflikt sehr fragil war. Auch das muss man berücksichtigen.

Zerstörter OP-Saal des Al Shaabi Krankenhauses in Khartum, 18. April 2026
Zerstörter OP-Saal des Al Shaabi Krankenhauses in Khartum, 18. April 2026 Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved

Euronews: Wie erreichen UNFPA und andere Organisationen Frauen trotz zerstörter Kliniken, Straßen und Lager?

Falcione: Wir als UNFPA – gemeinsam mit unseren Partnern, NGOs, nationalen und internationalen zivilgesellschaftlichen Organisationen und frauengeführten Organisationen – nutzen mobile Teams und mobile Kliniken. Das ist unser Weg, um auch die am schwierigsten erreichbaren Menschen zu versorgen.

In manchen Fällen nutzen wir auch teilweise oder gar nicht mehr funktionierende Gesundheitszentren: Wir entsenden medizinische Teams, die das Gebäude als Basis nutzen, während wir die eigentlichen Leistungen in der mobilen Klinik erbringen. Das Angebot umfasst reproduktive Gesundheitsversorgung, pränatale und postnatale Betreuung, Familienplanung sowie allgemeine Primärversorgung – inklusive Laboruntersuchungen, zum Beispiel auf sexuell übertragbare Infektionen. Dinge, zu denen Frauen sonst keinen Zugang hätten – oder für die sie Geld und Zeit aufwenden müssten, die sie schlicht nicht haben.

Euronews: Gibt es Gebiete, in die Sie aus Sicherheitsgründen nicht mehr vordringen können?

Falcione: Es gab Momente, in denen wir den Betrieb einstellen mussten – wenn die Kämpfe so heftig waren, dass es für uns und unsere Partner schlicht unmöglich und zu gefährlich war, Dienste zu erbringen. Ein deutliches Beispiel ist Al-Faschir, als die Stadt von der RSF [Anm. der Red.: Rapid Support Forces sind eine paramilitärische Gruppe im Sudan] eingeschlossen wurde.

Aber ich möchte betonen: Das Gesundheitspersonal hat weitergemacht, auch wenn die Einrichtung, in der sie arbeiten, bombardiert wurde. Insbesondere die Hebammen. Sie haben ihrem Eid treu Geburtshilfe geleistet, unter Beschuss, unter den gefährlichsten Umständen. Sie haben Frauen weiterhin bei der Geburt geholfen, weil sie ihr Menschsein nicht aufgegeben haben.

Euronews: UNFPA hat auch auf eine wachsende Krise rund um getrennte und verlassene Kinder hingewiesen. Was beobachten Sie, insbesondere bei Mädchen?

Falcione: Durch die Massenmorde gibt es definitiv Kinder, die ohne Eltern zurückgeblieben sind. Was wir sehen: Die Frauen, denn in den Vertriebenensiedlungen sind es meistens Frauen, Mädchen und Kinder, nehmen diese Kinder mit. Eine Frau lässt ein Kind niemals allein zurück. Sie nehmen sie auf, als wären sie Teil der Familie. Das schafft allerdings auch Probleme: Diese Kinder sind oft nicht registriert, was Zugang zu Schule und anderen Diensten erschwert.

Ich habe hier in der Gegend von Khartum eine Hebamme getroffen, der kurz vor meiner Abreise ein kleiner Junge übergeben wurde. Er war etwa drei Jahre alt, schätze ich.

Was Mädchen betrifft, sind Kinderehen ein Problem. Sie existieren im Sudan weiterhin. In Krisen wie dieser werden sie oft als eine Form des Schutzes gesehen: Ein Mädchen unter 18 Jahren an einen Mann zu verheiraten, weil die Familie glaubt, sie nicht vor der Gewalt schützen zu können. Manchmal auch, weil die Familie sie nicht mehr ernähren kann.

Mädchen in einem Flüchlingscamp in Port Sudan, Sudan, 15. April, 2026
Mädchen in einem Flüchlingscamp in Port Sudan, Sudan, 15. April, 2026 Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved

In einem Krankenhaus in Weißer Nil [Anm. der Red.: Bundesstaat im Sudan] habe ich ein Mädchen getroffen, das 16 Jahre alt war und gerade ihr viertes Kind zur Welt gebracht hatte. Dieses vierte Kind war gestorben. Ich betrat das Krankenhaus, sah zwei Betten – in einem lag eine junge Mutter neben ihrer eigenen Mutter. Ich dachte, das Neugeborene würde neben ihr liegen, und fragte danach. Die Mutter des Mädchens flüsterte mir zu, damit die Tochter es nicht hören konnte, dass das Kind bei der Geburt gestorben war. 16 Jahre alt, viertes Kind, gestorben. Man kann sich vorstellen: Wenn dieses Mädchen wieder schwanger wird, überlebt sie es möglicherweise nicht.

Euronews: Haben Sie Zahlen dazu, wie viele Frauen und Mädchen von sexualisierter Gewalt betroffen sind?

Falcione: Wir veröffentlichen keine Zahlen gemeldeter Fälle – und das aus einem einfachen Grund, der für alle Länder und Krisen gilt: Diese Zahlen spiegeln nur die Frauen wider, die tatsächlich Dienste zur Reaktion auf geschlechtsbezogene Gewalt in Anspruch genommen haben und die bereit waren, anzugeben, dass sie sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. Jede Zahl, die wir nennen könnten, würde das tatsächliche Ausmaß der sexuellen Gewalt in diesem Konflikt bei weitem nicht erfassen.

Wenn ich in ein Lager gehe, treffe ich viele Frauen, die berichten, selbst betroffen oder Zeuginnen sexueller Gewalt geworden zu sein. Ich treffe Frauen, deren Neugeborene aus Vergewaltigungen hervorgegangen sind. Jede Zahl wäre zu klein, um das Ausmaß auch nur annähernd wiederzugeben. Unsere Partner und NGOs erfassen die Zahlen intern – für uns zur Analyse und zur Verbesserung der Versorgung.

Euronews: International werden Mittel für humanitäre Hilfe massiv gekürzt. Wie lange können Sie Ihre Operationen im Sudan noch aufrechterhalten?

Falcione: Der humanitäre Hilfsplan für Sudan ist derzeit, Stand dieses Monats, zu etwa 15 Prozent finanziert. Wir alle erkennen an, dass im Sudan eine Schutz- und eine Gesundheitskrise stattfindet. Und doch sind genau diese beiden Bereiche noch schlechter finanziert als der Rest: Gesundheit und Schutz liegen aktuell bei knapp unter 9 Prozent der notwendigen Finanzierung.

Für UNFPA bedeutet das: Wir sind massiv von den Kürzungen betroffen. Wir müssen mit sehr kurzen Planungszyklen arbeiten, unsere Prioritäten regelmäßig überprüfen und uns auf das konzentrieren, was wirklich zählt. Wenn wir früher auf Prioritäten geschaut haben, müssen wir jetzt die Prioritäten innerhalb der Prioritäten identifizieren. Wir lassen Menschen zurück, weil wir schlicht nicht genug Mittel haben.

Euronews: Sie haben in vielen Krisengebieten gearbeitet. Wie würden Sie Sudan im Vergleich einordnen – und bekommt die Krise genug internationale Aufmerksamkeit?

Falcione: Sudan steht ganz oben. Ich würde sagen: Platz eins. Wenn wir sagen, es ist die größte Vertreibungskrise und die größte humanitäre Krise weltweit, dann sind diese Dimensionen real und sichtbar. Das Gesundheitssystem steht kurz vor dem Zusammenbruch. Die Schutzkrise ist massiv. Und die nötigen Mittel und Strukturen, um auf die Bedürfnisse zu reagieren, fehlen bei weitem.

Sudan fühlt sich wie eine vergessene Krise an. Das sollte sie nicht sein. Es gibt viele konkurrierende Krisen, aber diese verdient nicht weniger Aufmerksamkeit. Alle Menschen sind gleich. Alle Länder in solchen Situationen brauchen die notwendige Aufmerksamkeit.

Euronews: In Deutschland fand gerade eine Sudan-Konferenz statt. Sind Sie zufrieden mit den Ergebnissen?

Falcione: Ich will hoffen, dass die Zusagen in echte Unterstützung für die Menschen im Sudan umgesetzt werden – für die, die es am meisten brauchen. Und dass Gesundheit und Schutz ausreichend finanziert werden, damit wir die Frauen in dieser Krise unterstützen können.

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