Jüdische Gemeinden nehmen eine wachsende Bedrohung wahr und fühlen sich immer häufiger allein gelassen. Einer aktuellen Studie zufolge ist die gesellschaftliche Solidarität seit 2023 nahezu um die Hälfte zurückgegangen.
Die zivilgesellschaftliche Solidarität mit Juden sowie mit jüdischen Gemeinden in Deutschland ist weiter zurückgegangen.
Zu diesem Ergebnis kommt das vom Zentralrat der Juden in Deutschland veröffentlichte 3. Lagebild zur Sicherheitssituation. Demnach ist die wahrgenommene Unterstützung seit der ersten Erhebung im Jahr 2023 um nahezu die Hälfte gesunken – von 62 auf 35 Prozent. Im Jahr 2024, bei der Erhebung des 2. Lagebilds, waren es noch 39 Prozent.
An der Studie beteiligten sich 102 jüdische Gemeinden und Landesverbände.
Nach dem "explosionsartigen Anstieg" antisemitischer Vorfälle infolge des 7. Oktober habe sich eine "neue Normalität" entwickelt, erklärte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, zu den Studienergebnissen.
Man befinde sich nun in einer Situation, "in der jüdische Gemeinden dauerhaft geschützt werden müssen und Antisemitismus als Teil des öffentlichen Raums eine gewisse Normalisierung erfahren hat". Selbst Graffiti, die etwa in Berlin offen zur Gewalt gegen Juden aufrufen, lösten kaum noch breite Empörung aus. Derartige Zustände seien nicht hinnehmbar.
Mitte April hatte ein antisemitisches Graffiti mit Mordaufruf in Berlin-Pankow Entsetzen ausgelöst. Anwohner überdeckten die Hassparole dort später mit Herzen.
Erst in der Nacht zu Sonntag hinterließen Unbekannte an mehreren Hauswänden in Pankow massive Drohungen: "Nur ein toter Jude ist ein guter Jude" stand direkt neben den Fenstern einer Erdgeschosswohnung, an einem Eckhaus prangte der Schriftzug "Kill all Jews", ergänzt durch ein Hakenkreuz.
Wenige Tage später markierten Unbekannte die Klingelanlage eines Berliner Wohnhauses mit einem roten Hamas-Dreieck und beschmierten das Namensschild eines dort lebenden Journalisten mit roter Farbe. Der Mann arbeitet für das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA).
Die Polizei ermittelt derzeit wegen Volksverhetzung und politisch motivierter Sachbeschädigung. In der Nacht zu Montag wurde zudem in Cottbus eine Synagoge mit einem Hakenkreuz beschmiert.
Kaum noch Austausch mit muslimischen Gemeinden
Laut der Studie hat sich insbesondere das Verhältnis zu muslimischen Verbänden und Moscheegemeinden verschlechtert. Ein Austausch zwischen jüdischen und muslimischen Gemeinden sei heute eher die Ausnahme als die Regel, erklärte ein Sprecher des Zentralrats bei der Vorstellung der Ergebnisse. Auch das Verhältnis zur Partei Die Linke habe sich in den vergangenen Jahren eingetrübt: Für viele Juden sei sie angesichts ihrer zunehmend antizionistischen Positionen nicht mehr wählbar, obwohl sie früher als Verbündete galt.
Zugleich werde die Bedrohung aus allen politischen Lagern wahrgenommen, da Antisemitismus ein ideologieübergreifendes Phänomen sei.
Das Unsicherheitsgefühl ist insgesamt leicht zurückgegangen, bleibt jedoch auf hohem Niveau. Laut der Untersuchung empfinden 68 Prozent der befragten Gemeindefunktionäre ihr Leben als unsicherer als vor dem 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Gazakrieg, vor zwei Jahren waren es noch 84 Prozent.
Im Alltag äußere sich die Bedrohung in einem veränderten Verhalten: Besonders Kinder und Jugendliche hielten ihre Identität teilweise geheim. Jede fünfte Gemeinde habe im vergangenen Jahr Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen absagen müssen.
Was früher als selbstverständlich galt – etwa das offene Tragen religiöser Symbole oder der unbeschwerte Gang zur Synagoge – ist heute häufig mit Vorsicht und einem bewussteren Abwägen verbunden. Gleichzeitig hat die emotionale Belastung deutlich zugenommen. Der 7. Oktober habe tiefe Spuren hinterlassen, auch weil sich das Gefühl verstärkt habe, dass antisemitische Einstellungen wieder sichtbarer und lauter geworden seien.
Fast jede 2. jüdische Gemeinde meldet antisemitische Vorfälle
Zudem gaben 62 Prozent an, dass sich ihre Sicherheitslage seit Beginn des Irankriegs noch weiter verschlechtert habe.
Bundesweit berichtete fast jede zweite jüdische Gemeinde – konkret 46 von 102 – von antisemitischen Vorfällen in den vergangenen zwölf Monaten. In 49 Prozent der Fälle handelte es sich laut Angaben um Sachbeschädigungen oder Schmierereien an Gebäuden. Darüber hinaus wurden Beleidigungen, Anfeindungen, Drohanrufe sowie Protestaktionen im Umfeld der Gemeinden registriert. Ein ähnliches Bild zeigte sich bereits im Jahr 2024.
Über 90 Prozent der Führungskräfte und Mitarbeitenden jüdischer Gemeinden fühlen sich durch die Lage spürbar belastet, 41 Prozent davon stark oder sehr stark. In 63 Prozent der Gemeinden ist zudem die Nachfrage nach psychosozialer Unterstützung gestiegen.
Auch die Entwicklungen im Ausland werden mit großer Sorge betrachtet, so ein Sprecher des Zentralrats. Er verwies dabei auf jüngste Vorfälle in England und Belgien: Im Londoner Stadtteil Golders Green wurden am Dienstagabend zwei jüdische Männer von einem Angreifer mit einem Messer attackiert und verletzt. Die pro-iranische islamistische Gruppe Hayi reklamierte den Anschlag für sich.
In Brüssel wurde Ende der vergangenen Woche ein jüdischer Mann in der U-Bahn von drei Tätern angegriffen, die ihn schlugen, antisemitische Parolen riefen und seine Davidsternkette entwendeten. Laut der Befragung geben 89 Prozent an, dass Terroranschläge im Ausland das Sicherheitsgefühl in ihren Gemeinden teilweise bis sehr stark beeinträchtigen.
Während es in Ländern wie England, Frankreich, Spanien und Belgien Auswanderungsbewegungen von Juden nach Israel gebe, sei ein solcher Trend in Deutschland bislang nicht zu beobachten. Das Vertrauen in die deutschen Sicherheitsbehörden sei mit 91 Prozent weiterhin sehr hoch, auch wenn dieser Wert seit 2023 um fünf Prozentpunkte gesunken ist.
58 Prozent der Befragten sind eher oder sehr pessimistisch, was ihre Zukunft in Deutschland angeht – in Bezug auf Europa sind es 81 Prozent. Nur noch 13 Prozent der Gemeinden schätzen die Zukunft für jüdisches Leben in Deutschland durchweg positiv ein.
"Die Ergebnisse dieser repräsentativen Erhebung müssen für Entscheidungsträger und die Gesellschaft gleichermaßen ein Alarmsignal und ein Ansporn sein", so Zentralrats-Präsident Schuster. Nur durch erhebliche Kraftanstrengungen lasse sich dieser Trend umkehren.