Nach einer Petition französischer Filmschaffender gegen den wachsenden Einfluss eines konservativen Medienunternehmers droht ein Filmchef den Unterzeichnern mit Konsequenzen. Doch ist das rechtlich zulässig – und gerät dadurch die Meinungsfreiheit in Gefahr?
Kurz vor Beginn der Filmfestspiele von Cannes, die vom 12. bis 23. Mai stattfanden, geriet die französische Filmbranche in Aufruhr: Mehr als 600 Filmschaffende unterzeichneten eine Petition gegen den wachsenden Einfluss des konservativen Unternehmers Vincent Bolloré auf das französische Kino.
Inzwischen haben sich auch internationale Stars wie Javier Bardem und Ken Loach der Initiative angeschlossen – ebenso bekannte französische Schauspielerinnen wie Adèle Haenel und Juliette Binoche.
Die Petition, die mittlerweile fast 3.500 Unterschriften zählt, wurde vom Kollektiv "Zapper Bolloré" initiiert. Darin warnen die Unterzeichner vor einem "wachsenden Einfluss der extremen Rechten" in der französischen Filmbranche. Im Mittelpunkt der Kritik steht Vincent Bolloré, Hauptaktionär von Canal+ – dem größten Filmproduzenten Frankreichs.
Dem 74-jährigen Medienmogul wird vorgeworfen, sein Medienimperium zu nutzen, um reaktionäre und rechte Positionen zu stärken. 2025 gab die Canal+-Gruppe bekannt, eine Beteiligung von 34 Prozent an der Kinokette UGC übernommen zu haben.
Gleichzeitig signalisierte der Konzern Interesse an einer möglichen vollständigen Übernahme bis 2028. "Wenn wir das französische Kino in die Hände einer Persönlichkeit der extremen Rechten legen, riskieren wir nicht nur eine Vereinheitlichung der Filme, sondern auch einen faschistischen Zugriff auf unsere kollektive Vorstellungskraft", heißt es in der Petition, die in der französischen Zeitung Libération veröffentlicht wurde.
Drohungen des Canal+-Chefs
Als Reaktion auf die Petition erklärte Canal+-Chef Maxime Saada bei einer Veranstaltung für Produzentinnen und Produzenten während des Filmfestivals von Cannes am 17. Mai, der Sender solle die Zusammenarbeit mit den Unterzeichnern beenden.
"Ich habe diese Petition als Ungerechtigkeit gegenüber den Teams von Canal+ empfunden, die sich für die Unabhängigkeit von Canal+ und die Vielfalt unserer Programme einsetzen", sagte Saada. "Ich werde nicht mehr mit Personen zusammenarbeiten, die diese Petition unterschrieben haben, und ich möchte auch nicht, dass Canal+ mit ihnen zusammenarbeitet", fügte er hinzu.
Euronews hat die Canal+-Gruppe gefragt, ob die Ankündigungen von Maxime Saada tatsächlich umgesetzt werden sollen. Das Unternehmen wollte sich dazu nicht äußern. Für viele Beobachterinnen und Beobachter der Branche wirken Saadas Aussagen wie die Drohung eines Boykotts.
Kritiker sehen darin einen möglichen Eingriff in die Meinungs- und Kunstfreiheit. Die sozialistische Abgeordnete Céline Hervieu warf Vincent Bolloré in einer Rede vor der Nationalversammlung vor, "die Meinungsfreiheit und die kreative Freiheit zu ersticken".
Auch die französische Schauspielerin Adèle Exarchopoulos äußerte Kritik: "Man sollte nicht aus Angst um seinen Job darauf verzichten müssen, eine Sorge anzusprechen, die viele Menschen teilen."
Sind Saadas Aussagen eine Boykottdrohung?
"Die Unterzeichner der Petition haben von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht und ihre Sorgen über bestimmte Unternehmensstrukturen geäußert", sagte der Pariser Medien- und Urheberrechtsanwalt Yann Personnic im Gespräch mit Euronews.
Personnic betont jedoch, dass Saadas Aussagen allein noch keinen direkten Verstoß gegen die französischen Gesetze zur Meinungsfreiheit darstellen. Auch der Canal+-Chef könne sich auf sein Recht auf freie Meinungsäußerung berufen. Rechtlich problematischer könnte es allerdings werden, wenn Saada seine Ankündigungen tatsächlich umsetzt.
"Dann gerät das mit grundlegenden Rechtsprinzipien in Konflikt – insbesondere mit dem Verbot von Diskriminierung im Berufsleben", so Personnic. "Menschen dürfen nicht allein wegen ihrer politischen Ansichten benachteiligt oder von einer Zusammenarbeit ausgeschlossen werden. Wenn zwischen zwei möglichen Partnern aus diesem Grund unterschieden wird und dadurch eine wirtschaftliche Zusammenarbeit scheitert, könnte das rechtswidrig sein."
"Dieser Grundsatz gilt sowohl für Angestellte im Rahmen des Arbeitsrechts als auch für unabhängige Produzenten, mit denen Verträge geschlossen werden könnten", erklärte er weiter. Gleichzeitig räumte Personnic ein, dass es für die Unterzeichner schwierig wäre, eine solche Diskriminierung vor Gericht nachzuweisen. "Wenn die Canal+-Gruppe offen sagt: 'Wir arbeiten nicht mit Ihnen zusammen, weil Sie diesen offenen Brief unterschrieben haben', wäre das natürlich angreifbar. Wenn sie aber erklärt: 'Wir arbeiten nicht mit Ihnen' oder 'Wir beteiligen uns nicht an diesem Film' – und das mit künstlerischen oder finanziellen Gründen begründet, die sie als legitim darstellt –, dann lässt sich das deutlich schwerer widerlegen."
"In der Praxis könnte man zwar argumentieren, dass hinter solchen Begründungen eine diskriminierende Absicht steckt. Aber das lässt sich nicht immer beweisen. Am Ende geht es um Belege und die Frage, was sich tatsächlich nachweisen lässt."
Canal+ rechtlich zu Vielfalt verpflichtet
Während sich die Debatte in Frankreich stark um die politische Ausrichtung von Vincent Bolloré dreht, weisen Rechtsexperten darauf hin, dass Canal+ an zahlreiche gesetzliche Vorgaben gebunden ist, die den Medienpluralismus schützen sollen.
"Canal+ kann seine Partner grundsätzlich frei auswählen. Gleichzeitig ist der Sender aber verpflichtet, in französischsprachige Produktionen zu investieren, mit unabhängigen Produzenten zusammenzuarbeiten und bestimmte Budgetvorgaben einzuhalten – es gibt also umfangreiche regulatorische Pflichten", sagte Anwalt Yann Personnic.
Grundlage dafür ist das französische Kommunikationsgesetz von 1986. Es verpflichtet Fernsehsender dazu, unterschiedliche gesellschaftliche und politische Strömungen pluralistisch darzustellen und Vielfalt zu fördern. Hinter den Kulissen versuchen inzwischen mehrere Akteure der französischen Filmbranche, die Situation zu beruhigen.
Die Medienaufsicht Arcom rief alle Beteiligten dazu auf, "den Dialog zu suchen" und "die Temperatur zu senken".
Auch die Société des Réalisateurs de Films, ein Verband mit rund 500 Regisseurinnen und Regisseuren, schlug eine Vermittlung zwischen den Unterzeichnern der Petition und den Filmteams von Canal+ vor. Ziel sei es, "Vertrauen wieder aufzubauen".
Ob diese Vermittlungsversuche Erfolg haben werden, bleibt offen.