EU-Kommission plant Prinzip „Eine Reise, ein Ticket“ für grenzüberschreitende Bahnreisen – Versuch, mit Billigfliegern gleichzuziehen?
Für eine ganze Generation galten Flüge für 19,99 Euro als normal. Anbieter wie Ryanair beförderten nicht nur Menschen, sie ließen Entfernungen auch kleiner erscheinen. Ein Auslandsstudium wurde zur Routine, Wochenendtrips in Städte wie Lissabon zum Alltag. Europa fühlte sich dadurch kleiner an, und das Verständnis davon, was es heißt, Europäer zu sein, veränderte sich.
Jetzt will die EU-Kommission, dass die Bahn eine ähnliche Veränderung auslöst. Nicht über Dumpingpreise, sondern über Komfort.
Brüssel hat seinen Vorschlag „Eine Reise, ein Ticket“ vorgestellt: Regeln, mit denen sich eine grenzüberschreitende Bahnreise mit mehreren Anbietern in einem einzigen Vorgang suchen, buchen und bezahlen lässt – inklusive voller Fahrgastrechte für die gesamte Strecke, falls etwas schiefgeht.
Brüssel meint es ernst. Der Verkehr ist der einzige Sektor der EU, in dem die Emissionen weiter steigen. Laut der Organisation Transport & Environment brechen sechzig Prozent der Europäer eine Zugbuchung ab, weil der Prozess einem Labyrinth gleicht.
„Bei der Hälfte der Strecken, die man fliegen kann, gibt es überhaupt keine Zugverbindung“, sagt Lena Schilling, grüne EU-Abgeordnete und an den Parlamentsverhandlungen beteiligt. „Und dann erzählen wir den Leuten, sie könnten immer wählen. Die Wahrheit ist: So weit sind wir noch nicht.“
Die Probleme sind oft banal. Spanische Fahrgäste können den Direktzug Paris–Barcelona nicht in der eigenen App buchen. Reisende von Wien nach Paris müssen ihre Buchung über Deutschland umleiten. Das sind keine Infrastrukturprobleme, sondern Lücken bei Ticketsystemen und Abstimmung.
Vergleich mit Billigfliegern ist berechtigt
Billigfluggesellschaften haben die Mobilität in Europa auf den Kopf gestellt. Grenzüberschreitende Pendelstrecken, Erasmus-Semester und Wochenendtrips sind selbstverständlich geworden. Beziehungen, Karrieren und Freundeskreise erstrecken sich heute ganz selbstverständlich über mehrere Länder.
Die Kommission setzt darauf, dass Züge einen ähnlichen psychologischen Effekt auslösen. Sie sollen nicht nur ändern, wie Menschen reisen, sondern auch, was sie für machbar halten.
Alberto Mazzola, Generaldirektor des Verbands der Europäischen Eisenbahn- und Infrastrukturunternehmen (CER), sieht Fortschritte bei den Bahnen und warnt Brüssel vor einem zu harten Eingriff.
„In Deutschland hat die Deutsche Bahn in den ersten drei Monaten dieses Jahres 75 % mehr internationale Tickets verkauft als im gleichen Zeitraum des Vorjahres“, sagt er. „Wir liefern. Der Standard zum Austausch von Ticketdaten zwischen den Unternehmen wurde Ende vergangenen Jahres nach vier Jahren Arbeit beschlossen. Insgesamt sind dafür fast 1 Milliarde Euro in den europäischen Markt geflossen.“
Ihn beschäftigt vor allem, dass der Vorschlag die Betreiber verpflichtet, ihre Ticketdaten für Drittplattformen zu öffnen.
„Würden Sie jedes Hotel zwingen, seine Angebote an Google zu geben?“, fragt er. „Sobald eine Plattform dominant wird, diktiert sie die Bedingungen. Genau das ist mit Booking.com passiert. Sie verlangt höhere Provisionen, und das bedeutet am Ende höhere Ticketpreise.“
Das Argument verweist auf einen echten Zielkonflikt im Vorschlag: Die Kommission will die Einfachheit eines einheitlichen Buchungssystems, ohne die Monopole zu reproduzieren, die heute viele Reise- und Unterkunftsportale beherrschen.
Schilling hält die Einwände der Bahnunternehmen für wenig überzeugend.
„Die meisten Bahnunternehmen bekommen öffentliche Gelder“, sagt sie. „Da wirkt das Argument der Marktfreiheit seltsam, wenn das Angebot ohnehin von den Steuerzahlern finanziert wird. Züge sind ein öffentliches Gut, so wie Straßen. Die eigentliche Frage ist, welche Rolle Mobilität in unserer Gesellschaft spielen soll.“
Ticketreform allein reicht nicht für Bahnrevolution
Europa hat seit 1995 rund 12.000 Kilometer Schiene verloren, während die Autobahnnetze gewachsen sind. Noch immer sind rund 30 verschiedene nationale Signalsysteme in Betrieb, dazu unterschiedliche Energienetze und technische Standards, die grenzüberschreitende Verbindungen erschweren. Die Zulassung eines neuen Zuges für internationale Routen kann Jahre dauern.
„Zuerst kommt die Infrastruktur, dann die Züge, dann die Tickets. Man fängt nicht mit den Tickets an“, sagt Mazzola.
Schilling stimmt zu, dass Investitionen in die Infrastruktur folgen müssen. Sie betont aber, dass einfachere Ticketbuchungen der notwendige erste Schritt sind.
„Wenn Zugreisen günstiger werden und sich leichter buchen lassen, werden mehr Menschen auf die Bahn umsteigen. Darum geht es. Es soll nichts Elitäres sein.“
Das größte Problem bleibt der Preis. Auf vielen Strecken sind Flüge noch deutlich billiger als Züge, vor allem für jüngere Reisende. Diese Lücke zu schließen, verlangt weitergehende politische Entscheidungen: eine Kerosinsteuer, eine Reform der Mehrwertsteuer auf Bahntickets und mehr Unterstützung für Nachtzüge. Nichts davon steht im aktuellen Vorschlag.
Eine „einfache“ und „attraktive“ Vision
„Im Moment habe ich oft Angst, dass etwas schiefgeht. Ich schaue mir schon den nächsten Zug an, bevor ich überhaupt eingestiegen bin“, sagt sie. „In Zukunft öffnen Sie eine App, suchen die Verbindung, kaufen das Ticket mit einem Klick und haben volle Fahrgastrechte für die gesamte Reise. Und im besten Fall kommen Sie dann an. Und wenn Sie nicht durch Deutschland fahren, vielleicht sogar pünktlich.“
Der Witz funktioniert, weil das dahinterliegende Thema ernst ist: Vertrauen. Billigflieger haben Europa nicht nur verändert, weil sie die Preise gesenkt haben. Sie haben Reisen so einfach und verlässlich gemacht, dass Menschen ihr Leben darauf ausrichten konnten.
Der Vorschlag „Eine Reise, ein Ticket“ geht nun ins Europäische Parlament und in den Rat. Dort dürften die Konflikte über Datenteilung und Haftungsfragen noch zunehmen. Die Nachfrage nach Bahnreisen ist aber schon heute hoch. Züge in Europa sind häufig ausgebucht. Die Interrail-Generation wächst. Immer mehr Remote-Beschäftigte wollen in einem Land leben und in einem anderen arbeiten. Klimabewusste Reisende suchen Alternativen zum Flugzeug und stoßen dabei oft auf Buchungssysteme, die internationale Bahnreisen unnötig kompliziert wirken lassen.
Billigflüge haben Europa verändert, weil Millionen Menschen ihr Leben stillschweigend an eine neue Form der Mobilität angepasst haben. Die Bahn hat alle Voraussetzungen, Ähnliches zu leisten.