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Schutznetz gegen Wölfe: Ein "Kettenhemd" für Schafe sorgt in Österreich für Streit

In ganz Europa kehren Wölfe in viele früher von ihnen besiedelte Regionen zurück.
In ganz Europa kehren Wölfe in viele früher von ihnen besiedelte Regionen zurück. Copyright  Copyright 2019 The Associated Press. All rights reserved
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Von Maja Kunert
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Ein 72-Jähriger aus Österreich soll die Lösung für eines der größten Konflikte der europäischen Almwirtschaft gefunden haben: ein stacheliges Schutznetz, das Schafe wie ein Kettenhemd vor Wolfsangriffen schützen soll. Doch die Erfindung von Rudolf Schaubach spaltet.

In den Hängen um Villach im österreichischen Bundesland Kärnten prägen Schafe seit Jahrhunderten das Landschaftsbild. Doch die Almwirtschaft steht unter Druck: Die Wolfspopulation nimmt in Österreich zu, und mit ihr die Zahl der Attacken auf Weidetiere. Aus dieser Lage heraus entwickelte Rudolf Schaubach, ehemaliger Landwirt und Jäger, eine ungewöhnliche Idee: ein Schutznetz mit Kunststoffstacheln, das Schafe wie ein Kettenhemd umgibt.

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Drei Jahre tüftelte der 72-Jährige an seiner Konstruktion, die er mittlerweile beim Europäischen Patentamt patentieren ließ. Zu seiner Motivation sagte Schaubach der Kronen-Zeitung, es müsse eine Möglichkeit geben, "dass beide frei leben können".

Wie das "Kettenhemd" funktionieren soll

Das Netz ist etwa 1,5 mal 1,6 Meter groß und wiegt zwei bis drei Kilogramm, also ungefähr so viel wie die natürliche Wolle eines Schafes. Es besteht aus Kunststoffstacheln, die mit Gummischläuchen überzogen sind. Elastische Bänder halten es in Position.

Der Schutzmechanismus ist auf Körper und Kehle des Schafes ausgerichtet. Im SPIEGEL erklärte Schaubach, der Wolf beiße grundsätzlich am Kehlkopf. Wenn er in die Stacheln beiße, tue ihm das weh, verletze ihn aber nicht schwer. Schaubach geht davon aus, dass sich der Wolf diese Erfahrung merkt und künftig nicht mehr zubeißt.

Praxistest auf der Alm

Der Schafbauer Martin Martin aus dem Gailtal ließ sich nach Angaben der Kronen-Zeitung auf den Versuch ein. Sein Mutterschaf "Ananas", ihr Lamm "Cabanossi" und ein weiteres Schaf wurden im Mai 2026 mit dem Schutznetz ausgestattet und auf eine Bergalm gebracht, auf der bereits mehrfach ein Wolf gesichtet worden war.

Schaubach installierte zudem eine Kamera, um mögliche Begegnungen mit Wölfen zu dokumentieren. Doch bevor ein Angriff aufgezeichnet werden konnte, schritten die Behörden ein: Ein Amtstierarzt ließ das Schutznetz am Testschaf entfernen. Hintergrund waren Vorwürfe von Tierschützern.

Tierschützer erstatten Anzeige

Der Wiener Tierschutzverein "Tierschutz Austria" erstattete Anzeige gegen Schaubach und den Schafbauern wegen des Verdachts der Tierquälerei und eines möglichen Verstoßes gegen das österreichische Tierschutzgesetz.

Madeleine Petrovic, Aktivistin des Vereins, erklärte im Fernsehen, es handle sich um eine "sehr schlechte Idee". Ein gerichtlich beeideter Sachverständiger habe festgestellt, dass sich das Schaf mit dem Netz nicht so bewegen könne wie ohne. Auf der Flucht könne es sich im Gebüsch verfangen. Außerdem werde der Wolf nicht wirklich abgewehrt, weil Füße und Euter ungeschützt seien.

Tierschutz Austria forderte ein verwaltungsstrafrechtliches Verfahren und verlangte, das betroffene Schaf umgehend von der Vorrichtung zu befreien.

In Deutschland leben schätzungsweise 1.600 bis über 2.500 Wölfe, die Schafen gefährlich werden könnten.
In Deutschland leben schätzungsweise 1.600 bis über 2.500 Wölfe, die Schafen gefährlich werden könnten. Copyright 2006 AP. All rights reserved.

Schaubach weist die Kritik zurück

Der Erfinder weist die Vorwürfe zurück. Im SPIEGEL sagte er, das Schaf habe das Netz drei oder vier Tage getragen. Es habe sich damit niedergelegt, sei wieder aufgestanden, und das Lamm habe ohne Probleme gesäugt. Er wisse nicht, was daran nicht artgerecht sein solle.

Rudolf Schaubach vermutet, die Kritiker hätten nur ein Bild oder Video im Internet gesehen. "Mich hat keiner kontaktiert", sagte er dem Magazin. Argumente, wonach Schafe dehydrieren könnten, das Netz zu schwer sei oder die Tiere sich nicht hinlegen könnten, bezeichnete er als "Unsinn".

Eine Anzeige und hohe Kosten

Inzwischen liegt gegen Schaubach eine Anzeige wegen des Verdachts der Tierquälerei vor. Ein entsprechendes Schreiben erhielt er am 26. Mai 2026 von der Bezirkshauptmannschaft Villach. Bis eine Entscheidung fällt, will er an einer neuen Version arbeiten. Künftig soll nicht mehr der gesamte Körper geschützt werden, sondern vor allem der Hals- und Unterkörperbereich. Dadurch soll die Konstruktion leichter und praktikabler werden.

Schaubach hat nach eigenen Angaben bisher zwischen 50.000 und 60.000 Euro investiert, inklusive Patentanmeldung und Anwaltskosten. Verkauft hat er noch kein Schutzhemd. Derzeit sucht er eine Firma, die die Hemden in größerem Rahmen produzieren könnte.

Was ein Schutzhemd kosten soll, kann er noch nicht sagen. Im SPIEGEL sagte der Tüftler, die Netze müssten mit EU-Fördermitteln subventioniert werden, damit sie für Bauern wirtschaftlich seien. Ein solches Netz halte jahrzehntelang, die Schafe könnten es von Frühling bis Herbst tragen.

Hoffnungsschimmer für Bauern unter Druck?

In Deutschland haben Wölfe laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf im Jahr 2024 mehr als 4.000 Nutztiere getötet, zu mehr als 90 Prozent Schafe und Ziegen. In Kärnten halten etwa 2.000 Schafbauern rund 50.000 Schafe. Trotz Herdenschutzmaßnahmen kommt es seit Jahren immer wieder zu Wolfsrissen. Das Land Kärnten erlaubt deshalb über eine umstrittene Risikoverordnung den Abschuss von Wölfen.

Allein im Bundesland Brandenburg leben schätzungsweise etwa 340 bis 400 Wölfe.
Allein im Bundesland Brandenburg leben schätzungsweise etwa 340 bis 400 Wölfe. ALAN MARLER/AP2005

Der Wolf bleibt politisch umkämpft

Die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland und Europa ist zugleich Erfolg des Artenschutzes und Grund für wachsender Konflikte. Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der nachgewiesenen Wolfsterritorien in Deutschland auf rund 280 gestiegen. Bis 2020 wuchs der Bestand exponentiell, inzwischen geht die Entwicklung in eine S-förmige Kurve über.

In Europa steigt der Bestand in vielen Subpopulationen, darunter in der Alpen-, Baltischen, Karpatischen und Zentraleuropäischen Population. Das bedeutet jedoch nicht automatisch einen günstigen Erhaltungszustand. Die Apennin-Population in Italien kämpft etwa mit der Hybridisierung von Wölfen und Hunden.

EU und Deutschland lockern den Wolfs-Schutz

Die politische Haltung gegenüber dem Wolf verändert sich. Im Mai 2025 billigten die EU-Mitgliedstaaten eine Gesetzesänderung, die den Abschuss von Wölfen zum Schutz von Weidetieren erleichtert. Damit wird der Schutzstatus des Wolfes von "streng geschützt" auf "geschützt" gesenkt.

Im März 2026 machte auch der Bundesrat den Weg dafür frei, dass Wölfe in Deutschland unter strengen Voraussetzungen leichter erlegt werden können. Vorgesehen ist vor allem eine Jagdzeit von Juli bis Oktober in Regionen mit Problemen durch eine zu große Wolfspopulation. Wenn ein Wolf Weidetiere getötet oder verletzt hat, darf er sogar unabhängig von Erhaltungszustand und Jagdzeit entnommen werden.

Millionen für Herdenschutzmaßnahmen

Die Belastung für die Landwirtschaft bleibt hoch: 2024 wurden bundesweit bei rund 1.100 Übergriffen etwa 4.300 Nutztiere durch Wölfe gerissen oder verletzt. 2023 kamen nachweislich 5.727 Tiere zu Schaden, der Großteil davon Schafe. Für Herdenschutzmaßnahmen wurden 23,4 Millionen Euro aufgewendet, etwa 780.000 Euro flossen als Ausgleichszahlungen.

Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) und der Deutsche Bauernverband begrüßten die Zustimmung des Bundesrats. Der Naturschutzbund NABU lehnt die Debatte um eine Regulierung des Wolfsbestandes hingegen ab. Die Zahl der Weidetierrisse hänge nicht vorrangig von der Zahl der Wölfe ab, sondern vor allem von der Qualität des Herdenschutzes.

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