Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum prüft das Faktencheck-Team von Euronews, welche Versprechen der Leave- und Remain-Kampagnen eingelöst wurden.
Seit dem Referendum sind zehn Jahre vergangen. Damals stimmte das Vereinigte Königreich knapp für den Austritt aus der Europäischen Union: 52 Prozent votierten für den Brexit, 48 Prozent für den Verbleib.
Auf die Abstimmung vom 23. Juni 2016 folgten Jahre zäher Verhandlungen und innenpolitischer Turbulenzen, bis das Land Anfang 2020 die EU offiziell verließ.
Die Jahre sind vergangen, doch die widersprüchlichen Einschätzungen darüber, ob der Brexit ein Segen oder eine Katastrophe war, halten bis heute an.
Ob Wirtschaft, Migration, irische Grenze oder Sicherheit: Die Debatte darüber, ob der EU-Austritt dem Vereinigten Königreich genutzt oder geschadet hat, dauert weiter an. Umfragen zeigen allerdings, dass inzwischen eine Mehrheit der Bevölkerung den Brexit für einen Fehler hält.
Das Faktencheck-Team von Euronews, The Cube, hat die zentralen Streitpunkte des Referendums von 2016 noch einmal aufgegriffen und geprüft, wie sie sich heute darstellen.
These: Brexit schadet der britischen Wirtschaft
Das Lager der EU-Befürworter warnte im Referendumskampf eindringlich davor, dass ein Austritt der britischen Wirtschaft erheblich schaden, das Land ärmer machen und viele Menschen finanziell schlechterstellen werde.
Viele prominente Politiker und Aktivisten wiederholten diese Warnung.
Bereits im Mai 2016 erklärte der damalige Schatzkanzler George Osborne, also der britische Finanzminister: "Eine Stimme für den Austritt würde einen unmittelbaren und tiefgreifenden Schock für unsere Wirtschaft bedeuten. Dieser Schock würde Großbritannien in eine Rezession stürzen und die Arbeitslosigkeit um rund 500.000 Menschen erhöhen."
"Das Bruttoinlandsprodukt wäre um 3,6 Prozent kleiner, die Reallöhne niedriger, die Inflation höher, das Pfund schwächer, die Immobilienpreise würden fallen und die Staatsverschuldung würde im Vergleich zu einem Verbleib steigen", fügte Osborne hinzu.
Zehn Jahre später sind sich Forscher und staatliche Institutionen weitgehend einig: Im Grundsatz ist genau das eingetreten – allerdings schleichend und nicht in Form eines abrupten wirtschaftlichen Einbruchs.
Nach Berechnungen des britischen Haushaltsbüros OBR liegt die Produktivität des Landes um vier Prozent unter dem Niveau, das ohne Brexit zu erwarten gewesen wäre. Exporte und Importe mit der EU dürften langfristig um 15 Prozent niedriger ausfallen. Neue Handelsabkommen mit Nicht-EU-Staaten haben demnach bislang kaum messbare Effekte gebracht.
"Aus meiner Sicht gibt es daran keinen Zweifel mehr: Der Brexit hat der britischen Wirtschaft eindeutig geschadet – und zwar massiv", sagte Mark English, Politikberater der European Movement UK, gegenüber The Cube. "Selbst viele Brexit-Befürworter würden das einräumen, auch wenn sie meinen, der Preis sei es wert. Ich verstehe nicht, warum."
"Zentrale Schätzungen reichen von vier Prozent Wohlstandsverlust für das Vereinigte Königreich bis hin zu acht Prozent", erläuterte er.
Jonathan Portes, Professor für Volkswirtschaftslehre und öffentliche Politik am King’s College London, kommt zu einer ähnlichen, wenn auch etwas weniger drastischen Einschätzung.
"Unter Ökonomen herrschte Einigkeit, dass der Brexit der britischen Wirtschaft schaden werde – und das hat sich bewahrheitet", sagte er. "Es gibt unterschiedliche Schätzungen über das genaue Ausmaß, doch der Konsens ist klar: Der Schaden ist erheblich und dauerhaft."
"Manche Studien gehen von bis zu acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Das halte ich persönlich für eher unrealistisch hoch. Plausibel ist aber, dass der Brexit die britische Wirtschaft wohl drei bis fünf Prozent des BIP gekostet hat", so Portes.
Experten verweisen zwar auf einige begrenzte Vorteile. So konnte das Vereinigte Königreich etwa früher als die EU ein Freihandelsabkommen mit Indien abschließen, einer der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Spürbare Auswirkungen auf die britische Wirtschaft sind daraus bislang jedoch nicht entstanden.
Hinzu kommt: Nach dem EU-Austritt trafen mehrere globale Krisen die Weltwirtschaft, darunter die COVID-19-Pandemie und der russische Großangriff auf die Ukraine.
Das erschwert es Forschern, die Folgen des Brexit eindeutig von anderen wirtschaftlichen Schocks zu trennen. Die verfügbaren Daten deuten dennoch klar darauf hin, dass der EU-Austritt den britischen Staatsfinanzen geschadet hat.
"Es gibt eine ganze Reihe von Studien, die mit unterschiedlichen Methoden arbeiten, und sie zeigen alle in dieselbe Richtung", sagte Portes. "Der Schaden ist beträchtlich, auch wenn die genauen Zahlen variieren. Angesichts der vielen Unwägbarkeiten werden wir nie exakt wissen, wie stark die Auswirkungen des Brexit waren – die Lage ist schlicht zu komplex."
"Wir haben keine Gegenwelt, in der der Brexit nicht stattgefunden hat", fügte er hinzu. "Aber wir können mit einiger Sicherheit sagen, dass er der Wirtschaft erheblichen Schaden zugefügt hat."
These: Brexit ermöglicht Großbritannien, die Zuwanderung deutlich zu begrenzen
Zuwanderung war eines der zentralen Themen im Referendumskampf 2016. Prominente Brexit-Befürworter versprachen, ein EU-Austritt werde dem Vereinigten Königreich die Kontrolle über seine Grenzen zurückgeben und die Zahl der Migranten deutlich senken.
"Den Wählern wurde bei Wahlen immer wieder versprochen, dass die Nettozuwanderung auf einige Zehntausend gesenkt werden könne", erklärten die konservativen Politiker Boris Johnson und Michael Gove damals. "Solange das Vereinigte Königreich Mitglied der EU ist, ist dieses Versprechen offenkundig nicht einzuhalten. Dass es gebrochen wird, untergräbt das Vertrauen in die Politik."
Die Zuwanderung aus der EU ging nach dem Ende der Freizügigkeit zwar drastisch zurück. Gleichzeitig stieg jedoch die Zahl der Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten stark an. Die Gesamtmigration erreichte 2023 Rekordwerte.
Nach Angaben des Migration Observatory der Universität Oxford ist die Nettozuwanderung aus der EU seit 2022 negativ. Im Jahr 2025 verließen demnach rund 42.000 Menschen mehr das Vereinigte Königreich in Richtung EU, als aus EU-Staaten einwanderten. Vor dem Referendum 2016 hatten EU-Bürger noch den Großteil der Zu- und Nettozuwanderung ausgemacht.
Die gesamte Nettozuwanderung in das Vereinigte Königreich erreichte in den zwölf Monaten bis März 2023 mit 944.000 Personen einen Höchstwert. Bis 2025 fiel sie auf 171.000 und näherte sich damit wieder den Werten vor Einführung des neuen Einwanderungssystems nach dem Brexit.
Portes betont, dass die Brexit-Befürworter ihr Versprechen, die Freizügigkeit für EU-Bürger zu beenden und ein neues, an Qualifikation und Gehalt orientiertes System einzuführen, im Kern eingelöst hätten. Die unausgesprochene Erwartung, dass die Zuwanderung dadurch deutlich sinken werde, habe sich jedoch nicht erfüllt.
"Das lag nicht nur am Brexit, denn die meisten anderen europäischen Staaten verzeichneten nach der Pandemie wegen des Arbeitskräftemangels ebenfalls deutlich mehr Zuwanderung aus Nicht-EU-Staaten", sagte er. "In der Summe hat der Anstieg der Migration von außerhalb der EU den Rückgang aus der EU jedoch mehr als ausgeglichen. Soweit wir es beurteilen können, hat der Brexit also eher zu mehr als zu weniger Zuwanderung geführt."
English mahnt, Brexit-Gegner in Großbritannien sollten den Einfluss des EU-Austritts auf die Migration nicht überhöhen. Zugleich sei es aber logisch, dass Menschen von außerhalb Europas die entstandenen Lücken füllten.
"Ich finde es wichtig, dass die Leute auf meiner Seite der Debatte nicht übertreiben", sagte er. "Ein großer Teil des Anstiegs hatte nichts mit dem Brexit zu tun. Er ergab sich daraus, dass wir Menschen aus der Ukraine, aus Hongkong und aus Syrien Schutz angeboten haben – und aus der Entscheidung, zeitweise ein sehr liberales Regime für Studierende aus Nicht-EU-Staaten einzuführen."
"Am Ende bleibt die Tatsache: Das Vereinigte Königreich braucht, wie jedes wohlhabendere Land, Zuwanderung, um offene Stellen zu besetzen – und will sie auch", fügte English hinzu. "Wenn diese Menschen nicht aus der EU kommen, kommen sie eben aus anderen Regionen. Der Brexit hat die Zuwanderung jedenfalls nicht reduziert, und es war auch nie realistisch, dass er das tun würde."
Zu bedenken ist außerdem: Das Vereinigte Königreich konnte – wie alle EU-Staaten – schon vor dem Brexit EU-Bürger unter bestimmten Voraussetzungen ausweisen. Das Leave-Lager stellte Freizügigkeit jedoch häufig so dar, als ermögliche sie einen völlig unbeschränkten Zugang zu den britischen Inseln.
In der EU-Richtlinie über die Freizügigkeit heißt es ausdrücklich, dass Mitgliedstaaten EU-Bürger ausweisen dürfen, wenn sie eine "unverhältnismäßige Belastung" für die Sozialsysteme darstellen.
These: Brexit baut lästige EU-Bürokratie massiv ab
Brexit-Befürworter versprachen, der EU-Austritt werde das Vereinigte Königreich von lähmender EU-Bürokratie befreien. Hemmende EU-Vorschriften könnten gestrichen werden, argumentierten sie. Die Gegenseite warnte dagegen, der Alltag werde eher komplizierter.
"Das wäre eine Rückkehr in die schlechten alten Zeiten endloser Formulare und schwerfälliger Bürokratie", warnte der damalige Premierminister und EU-Befürworter David Cameron im März 2016. Er sagte voraus, ein Austritt werde britische Unternehmen dazu zwingen, wieder Zollanmeldungen, Ursprungsnachweise und zusätzliche Exporthürden zu bewältigen.
Vor Einführung des EU-Binnenmarkts hatte jedes Land eigene Regeln. Unternehmen, die europaweit handeln wollten, mussten deshalb die Vorgaben jedes einzelnen Staates erfüllen.
English erinnert daran, dass das Vereinigte Königreich "ganz im Zentrum" der Gestaltung des Binnenmarkts gestanden habe. Dieser sei gerade dafür geschaffen worden, dass Unternehmen nur noch einheitliche Regeln einhalten müssen – und dadurch weniger Bürokratie haben.
"Der Brexit hat britischen Firmen die Möglichkeit genommen, im gesamten Binnenmarkt ohne zusätzliches Regelwerk zu verkaufen – diese Freiheit bleibt Unternehmen in der EU erhalten", sagte er. "Sie haben dadurch einen Vorteil gegenüber britischen Firmen. Natürlich hat der Austritt also zu mehr, nicht zu weniger Bürokratie geführt."
London hat die Vorgaben aus Brüssel bislang nur in begrenztem Umfang verändert. Viele EU-Standards gelten weiter, um zusätzliche Verwaltungskosten für Unternehmen zu vermeiden. Zudem ist die EU nach wie vor der wichtigste Handelspartner des Vereinigten Königreichs.
"Der Brexit bedeutete kein großes Verbrennen nationaler Regeln", so English. "Der Grund ist einfach: Die Menschen in Großbritannien wollen sicher sein, dass die Produkte, die sie kaufen, sicher sind und dass Unternehmen ordentlich reguliert werden."
Nach Ansicht von Portes behielt Cameron kurzfristig recht. In der Phase der Brexit-Verhandlungen und ihrer Umsetzung stieg die Arbeitsbelastung im öffentlichen Dienst und in Regulierungsbereichen deutlich an.
"Ob die Regulierung insgesamt stark zu- oder abgenommen hat, ist schwer zu sagen", erklärte er. "Klar ist aber: Es gab nach dem Brexit keinen radikalen Abbau von Regeln oder Bürokratie. Wahrscheinlich haben wir heute mehr Regulierung und mehr Beamte als vor dem Brexit, wobei das eher mit allgemeinen Entwicklungen im Vereinigten Königreich zu tun hat als mit dem Brexit allein."
These: Brexit macht Großbritannien weniger sicher
Theresa May, frühere Innenministerin und spätere Premierministerin, die den Brexit-Prozess maßgeblich verantwortete, warnte 2016, das Vereinigte Königreich sei außerhalb der EU stärker von Terrorismus bedroht. Brexit-Befürworter wiesen dies als "Project Fear" zurück.
"Als Innenministerin komme ich zu dem Schluss: Wenn wir Mitglied der Europäischen Union bleiben, sind wir besser vor Kriminalität und Terrorismus geschützt", sagte May im April 2016.
Sie stützte ihre Einschätzung auf eine Reihe von Datenbanken, auf die das Vereinigte Königreich nach einem Austritt keinen Zugriff mehr hätte – was später tatsächlich eintrat.
Dazu gehören das Schengener Informationssystem II, über das EU-Staaten in Echtzeit nach gesuchten Personen und mutmaßlichen Terroristen fahnden, Eurodac, die Fingerabdruckdatenbank für irreguläre Grenzübertritte, sowie der direkte Zugang zu den Informationssystemen und Analyse-Netzwerken von Europol und Eurojust.
Forscher betonen, dass das Vereinigte Königreich dadurch nicht dramatisch unsicherer geworden sei. Die Bekämpfung grenzüberschreitender Kriminalität sei jedoch spürbar schwieriger geworden.
"Ich würde nicht behaupten, dass der Brexit Großbritannien drastisch weniger sicher gemacht hat, aber die Folgen sind negativ", sagte English. "All diese Datenbanken helfen dabei, gefährliche Personen zu identifizieren und festzunehmen. Ebenso wichtig: Das Vereinigte Königreich kann den Europäischen Haftbefehl nicht mehr nutzen, um Straftäter, die nach Europa geflüchtet sind, rasch zurückzuholen."
Portes zieht einen Vergleich zu den neuen Handelsbarrieren nach dem Brexit: Auch bei der Sicherheitszusammenarbeit sei die Kooperation zwischen dem Vereinigten Königreich und den übrigen europäischen Staaten komplizierter geworden.
"Hilfreich ist das eindeutig nicht", sagte er. "Gleichzeitig sehe ich aber keine gravierenden, offen zutage tretenden Katastrophen infolge dieser Veränderungen. Die Zusammenarbeit läuft in der Praxis weiter, sie ist nur etwas umständlicher geworden."