Die Mehrheit der Briten wünscht laut einer aktuellen Umfrage die Rückkehr des Vereinigten Königreichs in die EU. Doch die nächste Wahl in Großbritannien könnte die Hoffnung erneut dämpfen.
Kaum etwas hätte den zehnten Jahrestag des Brexit-Votums – und das anschließende Chaos – symbolträchtiger markieren können als der Rücktritt eines weiteren britischen Premiers.
Sir Keir Starmer ist bereits der sechste Regierungschef, der seit dem Referendum vom 23. Juni 2016 abtritt. Das damalige Votum hat die britische Politik grundlegend verändert und in ganz Europa Schockwellen ausgelöst.
Darauf folgte ein Jahrzehnt politischer Verbitterung und Dauerkrisen. Beide traditionellen Großparteien Großbritanniens gingen schwer gezeichnet daraus hervor.
Die Mitte-links-Partei Labour tut sich nach ihrem Sieg bei der Wahl 2024 schwer, politisch Tritt zu fassen. Die rechtskonservative Partei der Tories steht derweil politisch auf der Roten Liste: Sie wird von Nigel Farages rechtsaußen stehender "Reform"-Partei bedrängt und schleppt 14 Regierungsjahre voller Krisen, Skandale und Sparprogramme mit sich.
Unter dem lauten innenpolitischen Getöse vollzieht sich jedoch noch etwas anderes: Das Vereinigte Königreich und die EU rücken offenbar langsam wieder näher zusammen.
Vor zehn Jahren stimmten 52 % für den Austritt aus der EU. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet: 53 % der Britinnen und Briten sind dafür, dass ihr Land wieder der Union beitritt. Rund 37 % würden dies nach eigener Aussage mit Nachdruck unterstützen, 16 % sind schon eher dafür, wie eine Umfrage von Best for Britain, einer auf Brexit-Fragen spezialisierten Forschungsplattform, zeigt.
Welche konkreten Schritte unternimmt das Vereinigte Königreich in Richtung EU?
Die "Rejoin"-Bewegung dominiert inzwischen. Ein Grund: 23 % derjenigen, die damals für den Brexit stimmten, haben ihre Meinung geändert. Allerdings sind auch 17 % der damaligen "Remainer" umgeschwenkt.
Außerdem ist unter der "nachwachsenden" jüngeren Generation die EU beliebter als bei den Älteren.
Es geht jedoch nicht nur um Umfragewerte oder freundlichere Händedrücke zwischen Staats- und Regierungschefs. Auch auf der Ebene konkreter Politik passiert etwas.
So tritt das Vereinigte Königreich 2027 wieder dem EU-Studentenaustauschprogramm Erasmus+ bei.
Britische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kehren zudem in das Erdbeobachtungsprogramm Copernicus der EU zurück. Sie können wieder Fördergelder aus Horizon Europe, dem wichtigsten Forschungs- und Innovationsprogramm der Union, beantragen.
Behält die pro-europäische Stimmung in Großbritannien ihren Schwung?
Die öffentliche Meinung im Vereinigten Königreich bewegt sich zwar wieder in Richtung Kontinent. Gleichzeitig entsteht ein Paradox, das die EU-Hoffnungen bei der nächsten Parlamentswahl zunichtemachen könnte.
Nigel Farages Reform Party liegt laut der jüngsten YouGov-Umfrage stabil und mit klarem Abstand vorn, bei 24 %. Labour und die Konservativen kommen jeweils auf etwa 19 % und liegen damit Kopf an Kopf.
Die meisten Reform-Wählerinnen und -Wähler haben ihre Haltung zum Brexit nicht revidiert. Im Gegenteil: Eine Mehrheit von 55 % will nicht nur, dass Großbritannien außerhalb der EU bleibt. Sie befürwortet laut der Best-for-Britain-Umfrage sogar, die Beziehungen zu Brüssel noch weiter zu entflechten.
Wie es also weitergeht, ist nach Starmers Rückzug und der offenen Nachfolgefrage derzeit kaum absehbar.
Auch Anand Menon, Direktor des Forschungsinstituts "UK in a Changing Europe", weiß auf unsere Frage keine Antwort: "Ich glaube, das hängt davon ab, was geopolitisch geschieht, ob der aktuelle Neustart gelingt und wer der nächste Premierminister wird."