Millionen Billigpakete aus dem Onlinehandel erreichen täglich die EU. Doch Kontrollen zeigen: Viele Produkte von Plattformen wie Shein und Temu enthalten verbotene Chemikalien, Schwermetalle oder andere Sicherheitsrisiken. Neue Zollregeln sollen die Flut besser kontrollieren.
Die EU kauft jedes Jahr rund 4,5 Millionen Tonnen Fast-Fashion-Textilien. Täglich treffen mehr als 5,8 Millionen Kleinsendungen aus dem Onlinehandel in der Union ein. Marken wie Shein, Temu und AliExpress erreichen zusammen mehr als 400 Millionen Käuferinnen und Käufer im Monat.
Mehr als 90 Prozent dieser online verkauften Kleidungsstücke bestehen aus günstigen synthetischen Polymeren wie Polyester, Elastan und Nylon. Im Kern handelt es sich um weiche Kunststoffe, die sich nicht zersetzen und irgendwann zu Mikroplastik werden.
Bislang gelangten viele dieser Produkte direkt aus Fabriken in Übersee zu den Kundinnen und Kunden und umgingen damit EU-Kontrollen für schädliche Chemikalien und Bestandteile. Nach der neuen Zollrichtlinie müssen für jedes eingehende Paket elektronische Sendungsdaten vorliegen. Grenzbehörden können Lieferungen so schon vor der Einfuhr nach Europa auf illegale Chemikalienwerte und Sicherheitsverstöße prüfen.
Nach Angaben von Pelle Moos, Chemikalienexperte und Politikreferent beim Verbraucherverbund BEUC, "gelangen jede Sekunde rund 200 Produkte in die EU. Während wir sprechen, sind fast tausend weitere Produkte nach Europa gekommen – kontrolliert wird aber nur ein Bruchteil davon."
Behörden und Verbraucherorganisationen stoßen bei Kontrollen von Ultra-Fast-Fashion-Produkten immer wieder auf, wie Moos sagt, "astronomische" Verstoßquoten.
"Wir reden hier von etwa 70 bis 80 Prozent", sagte er.
Warnmeldungen zu Chemikalien in Textilien und Modeartikeln haben deutlich zugenommen. Jedes Jahr gehen dutzende internationale Hinweise im Schnellwarnsystem der EU ein. In mehr als 72 Prozent dieser offiziellen Meldungen geht es um direkte Gesundheitsrisiken: von schweren allergischen Reaktionen über chemische Verätzungen durch zu viel Formaldehyd bis hin zu möglichen Organschäden durch Schwermetalle.
Die Verbraucherorganisation Testachats untersuchte zudem Spielzeug von Shein und kam zu alarmierenden Ergebnissen.
"Nur ein Produkt erfüllte alle Vorgaben vollständig. Wichtig ist: Wir haben nicht gezielt Artikel ausgesucht, die auf der Website unsicher wirkten. Wir haben zufällig 45 Spielzeuge ausgewählt. Rund 60 Prozent stellten ein echtes Sicherheitsrisiko dar – etwa wegen verschluckbarer Kleinteile oder schlecht gesicherter Elektronik", sagte Sprecherin Laura Clays.
Giftige Textilien
"Das ist wirklich das Schlimmste, was wir derzeit sehen", sagt Moos. "Es geht um Stoffe, von denen wir seit Jahrzehnten wissen, dass sie schädlich sind. Chemikalien, die Krebs auslösen können, Unfruchtbarkeit und Entwicklungsstörungen bei Kindern verursachen und sich dauerhaft in der Umwelt anreichern."
Ein 2025 veröffentlichter Laborbericht von Greenpeace ergab, dass 32 Prozent der getesteten Shein-Produkte die EU-Grenzwerte der Chemikalienverordnung REACH überschritten.
Eine Untersuchung von BEUC aus dem Juni 2025 warnte vor "Chemiebomben" in vielen Kinderartikeln. Zehn von 25 getesteten Produkten enthielten gefährliche Stoffe, darunter ein Paar Kinderhausschuhe, das die Forschenden als "Bombe" bezeichneten.
Körperwärme und Schweiß wirken wie natürliche Lösungsmittel. Sie können dazu führen, dass verbotene Stoffe aus der Kleidung in die Haut übergehen. Menschen atmen zudem Fasern und Chemikalien ein, die aus Textilien freigesetzt werden. Kleinkinder kauen häufig an Kleidungsstücken. Hitze, Schweiß, langes Tragen und verletzte Haut erhöhen die Aufnahme zusätzlich.
In 56 getesteten Kleidungsstücken fand Greenpeace Phthalat-Konzentrationen, die bis zu 200-mal über dem EU-Grenzwert lagen. PFAS, die sogenannten "Ewigkeitschemikalien", entdeckten die Fachleute in sieben Jacken; einige überschritten die EU-Grenzwerte um mehr als das 3.000-Fache. Zudem wiesen sie Blei und Cadmium in Schuhen nach, Formaldehyd in einem Kinderkostüm und Nonylphenolethoxylate in einem Regenmantel. BEUC berichtete von ähnlichen Ergebnissen, und die dänische Verbraucherorganisation Forbrugerrådet Tænk fand verbotene PFAS in mehreren Outdoorjacken.
Was richten diese Chemikalien im Körper an?
Die Namen klingen kompliziert, doch die möglichen Folgen sind eindeutig:
Phthalate, darunter DEHP und DBP, sind Kunststoff-Weichmacher. Sie werden mit Hormonstörungen, verminderter Fruchtbarkeit und Entwicklungsproblemen bei Kindern in Verbindung gebracht.
PFAS, auch "Ewigkeitschemikalien" genannt, sind langlebige Verbindungen, die sich im Körper anreichern können. Sie stehen mit einer Schwächung des Immunsystems, Organschäden und bestimmten Krebsarten in Verbindung.
Formaldehyd macht Kleidung knitterarm. Eine Belastung kann Reizungen, allergische Reaktionen und bei längerem Kontakt ein erhöhtes Krebsrisiko auslösen.
Nonylphenolethoxylate, kurz NPEs oder APEOs, sind hormonwirksame Stoffe, die mit Fortpflanzungs- und Entwicklungsstörungen in Verbindung gebracht werden.
Aromatische Amine sind Nebenprodukte bestimmter Farbstoffe. Darunter fallen bekannte und mutmaßlich krebserregende Substanzen.
Dimethylformamid, kurz DMF, und verwandte flüchtige organische Verbindungen, sogenannte VOCs, sind industrielle Lösungsmittel. Sie werden mit Leberschäden, Beeinträchtigungen der Fortpflanzung und Atemwegsreizungen in Verbindung gebracht.
"Phthalate machen Kunststoffe und synthetische Materialien weicher, PFAS werden zugesetzt, um Stoffe wasserabweisend zu machen, Formaldehyd hält Kleidung knitterfrei und schützt sie beim Transport, und Cadmium wird billigem Schmuck beigemischt, damit er schwerer wirkt. Andere Stoffe wie Blei werden oft gar nicht gezielt eingesetzt, tauchen aber wegen mangelhafter Produktionskontrollen und Verunreinigungen trotzdem auf", erklärt Moos.
Schwermetalle
Das polnische BEUC-Mitglied Federacja Konsumentów untersuchte Kleidung, Unterwäsche und Schmuck von Shein. In mehr als 50 Prozent der getesteten Artikel fanden die Fachleute gefährlich hohe Gehalte an Schwermetallen.
Eines davon ist Blei. Das Nervengift kann sich im Körper anreichern und wird mit beeinträchtigter Gehirnentwicklung, Lernschwierigkeiten, Verhaltensproblemen, Nierenschäden und Schäden an der Fortpflanzungsfähigkeit in Verbindung gebracht – besonders bei Kindern.
Cadmium gilt als krebserzeugend. Es wird mit Schäden an Nieren, Leber, Lunge, Herz-Kreislauf-System und Nervensystem in Verbindung gebracht sowie mit verminderter Fruchtbarkeit und negativen Auswirkungen auf die Entwicklung von Föten.
"Blei ist ein Nervengift, und es gibt keinen ungefährlichen Belastungswert", sagt Moos. "Europa versucht seit Jahrzehnten, Blei aus dem Alltag zu verbannen, und trotzdem finden wir es immer noch in Konsumgütern."
Das Gesamtbild bleibt besorgniserregend. In Marktplatz-Stichproben über Ländergrenzen hinweg stellte BEUC fest, dass 69 Prozent der geprüften Produkte von Plattformen wie Shein und Temu bei der Einfuhr in die EU gegen geltendes Recht verstießen. Darunter waren Kleidung, Accessoires und Spielzeug. Viele erfüllten grundlegende europäische Sicherheits- und Gesundheitsstandards nicht.