Der IOC-Beschluss, das Russische Olympische Komitee wieder aufzunehmen, stößt in der Ukraine und in Europa auf Empörung. Während Kyjiw immer wieder von Moskau unter Beschuss genommen wird, betont das IOC, Sportler seien nicht für die Politik ihres Landes verantwortlich.
Die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zur Wiederherstellung der Rechte des Russischen Olympischen Komitees (ROK) wirft Fragen auf. Auch die Empfehlung an internationale Sportverbände, sämtliche Einschränkungen russischer Sportlerinnen und Sportler aufzuheben, hat heftige Reaktionen hervorgerufen.
Das IOC begründet seinen Schritt mit einer "Analyse der Lage", die die Rechtskommission des Gremiums vorgenommen habe. Der Ausschuss erklärte, das ROK umfasse inzwischen keine regionalen Sportorganisationen auf den besetzten ukrainischen Gebieten mehr und versichere, dort keine Aktivitäten zu betreiben und auch künftig nicht aufzunehmen.
"Verrat an den olympischen Werten"
Am Tag der Bekanntgabe durch das IOC beseitigten Einsatzkräfte in Kyjiw noch immer die Folgen massiver russischer Raketen- und Drohnenangriffe. Dutzende Zivilisten kamen ums Leben, viele Wohnhäuser wurden zerstört oder schwer beschädigt.
Die russischen Angriffe auf die Ukraine reißen nicht ab. Am Mittwochmorgen, dem 8. Juli, trafen russische Streitkräfte ein fünfgeschossiges Wohnhaus in Charkiw: Zwei Menschen starben, 42 weitere wurden verletzt.
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha betonte am Mittwoch mit Blick auf die IOC-Entscheidung:
"Jede russische Flagge, die gehisst wird, während russische Raketen weiter auf ukrainische Städte niedergehen, bedeutet einen Verrat an den olympischen Werten von Frieden und Menschenwürde", so Sybiha.
Der ukrainische Jugend- und Sportminister Matwij Bednyj sprach von einem "alarmierenden Signal für die gesamte internationale Gemeinschaft“. Er rief die Regierungen der Länder, die internationale Wettkämpfe ausrichten, dazu auf, staatliche Symbole Russlands auf ihrem Territorium nicht zuzulassen.
Das Nationale Olympische Komitee der Ukraine erklärte in einer Stellungnahme seine "kategorische Ablehnung" der IOC-Entscheidung, die „ohne Berücksichtigung objektiver Umstände getroffen worden sei, die unverändert geblieben sind“.
Viele europäische Führungspersönlichkeiten reagierten empört auf die Aussicht, dass der russische Sport trotz des andauernden Großangriffs Russlands auf die Ukraine aus der Isolation zurückkehren könnte. Der estnische Außenminister Margus Tsahkna sprach von einer "beschämenden und unverantwortlichen" Entscheidung.
Der litauische Außenminister Kęstutis Budrys erinnerte daran, dass das IOC zuvor ähnlich im Fall von Belarus gehandelt hatte. Belarus hatte sein Territorium als Aufmarschgebiet für den russischen Angriff auf die Ukraine zur Verfügung gestellt.
Auch die französische Sportministerin Marina Ferrari kritisierte den Schritt des IOC. „Diese Entscheidung wird in einem Moment gefällt, in dem der von Russland gegen die Ukraine geführte Angriffskrieg andauert, das Völkerrecht verletzt und täglich neue Opfer fordert“, erklärte sie. „Vor diesem Hintergrund bedauert Frankreich zutiefst eine Entscheidung, die faktisch zur Normalisierung der derzeitigen Lage beiträgt, trotz ihrer ganzen Schwere.“
"Sport ist unpolitisch"
Das Internationale Olympische Komitee betonte zugleich, man unterstütze die Ukraine weiterhin.
"Ich glaube aber nicht, dass die Sportlerinnen und Sportler dafür bezahlen sollten", sagte IOC-Präsidentin Kirsty Coventry. Das IOC wolle den Athletinnen und Athleten "nicht die Verantwortung für die Handlungen ihrer Regierungen aufbürden".
Der russische Sportminister und Vorsitzende des Russischen Olympischen Komitees, Michail Degtjarjow, erklärte, das IOC sende damit ein klares Signal: Die olympische Bewegung müsse außerhalb der Politik stehen.
In Russland ist der Sport jedoch seit Langem Teil der Staatspolitik und ein Instrument der Propaganda und der sogenannten weichen Macht. Der Kreml greift zu Manipulationen, um olympische Erfolge zu erzielen.
Eines der deutlichsten Beispiele ist der Dopingskandal nach den Olympischen Winterspielen in Sotschi. In der Folge wurden zahlreiche russische Athletinnen und Athleten disqualifiziert und Ergebnisse neu bewertet. Russland durfte im Jahr 2018 in Pyeongchang nicht als Nationalmannschaft bei den Winterspielen antreten, der Schaden für das Ansehen des russischen Sports wirkt bis heute nach.
Gleichzeitig wurden in der Ukraine Hunderte Sportstätten durch die russische Aggression beschädigt oder vollständig zerstört.
Rund 700 ukrainische Trainer und Sportlerinnen und Sportler kamen ums Leben.
Unterdessen berichten britische Medien, der Fußball-Weltverband FIFA werde offiziell darüber beraten, den Ausschluss sämtlicher russischer Teams aufzuheben, nachdem das IOC alle Sportorganisationen aufgefordert hat, die Beschränkungen zu beenden.
Einige internationale Verbände wie World Athletics und die Internationale Biathlon-Union lehnen es jedoch bereits ab, der Empfehlung des IOC zur Zulassung russischer Athletinnen und Athleten zu folgen.