Zwei Portugiesen sind in Spanien jahrzehntelang unter sklavenähnlichen Bedingungen ausgebeutet worden. Die Aufarbeitung der jüngsten Fälle durch die Justiz zeigt, dass vor allem die Schwächsten ausgenutzt wurden.
In Spanien hat ein Portugiese 30 Jahre lang unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen gelebt. Ein anderer steckte 15 Jahre in einer sehr ähnlichen Lage. Beide wurden im Mai 2025 befreit, wie die portugiesische Kriminalpolizei Polícia Judiciária jetzt in einer Mitteilung zur Operation "Mãos Livres“ berichtet.
Für drei in Spanien festgenommene Personen im Alter zwischen 32 und 35 Jahren wurde die Auslieferung beantragt, und zwei in Portugal festgenommene Personen im Alter von 54 und 56 Jahren, von denen einer wegen ähnlicher Straftaten vorbestraft ist, wurden in Untersuchungshaft genommen.
Und dies ist kein Einzelfall. Im Juni 2025 rettete die Operation "Mãos Duras“ in der Region Logroño, ebenfalls in Spanien, fünf Menschen aus Arbeitsausbeutung. Zwei Jahre zuvor hatte die "Operação Worker“ 15 Portugiesen und Portugiesinnen aus Situationen befreit, die die Behörden in Spanien als "moderne Sklaverei" beschrieben.
Ausgebeutete Menschen aus Portugal, teils in nahezu sklavenähnlichen Verhältnissen, wirken wie eine unwahrscheinliche und ferne Realität. Die Zahlen lassen jedoch keinen Zweifel. Obwohl Portugal vor allem Zielland für Menschenhandel ist, fungiert es zugleich als Herkunfts- und Transitstaat.
Die Rede ist von "vulnerablen Menschen“, "wirtschaftlicher Not“ und "Prozessen sozialer Ausgrenzung“ – diese Begriffe tauchen in allen Mitteilungen der Justizbehörden auf, wenn es um die Beschreibung der Opfer geht.
Im Gespräch mit Euronews erläutert Nuno Gradim, leitender Fachmitarbeiter der portugiesischen Kommission für Bürgerschaft und Gleichstellung der Geschlechter (CIG), dass diese Art von Verbrechen nur dort gibt, "wo ein Rahmen der Verletzlichkeit besteht“.
"Diese Netzwerke konzentrieren sich auf besonders leicht erreichbare Zielpersonen, die wenig Überzeugungsarbeit erfordern, weil sie stark erschöpft sind, kaum Chancen haben, ohne Einkommen leben oder in struktureller Arbeitslosigkeit feststecken“, sagt er.
Im jüngsten Fall der Operation "Mãos Livres“ hatten beide Männer ein "kognitives Defizit“. Das machte sie zu leicht zu rekrutierenden und über Jahre hinweg leicht zu kontrollierenden Personen. Aus juristischer Sicht gehe der Fall deshalb bereits über den Tatbestand des Menschenhandels hinaus und erfülle den Straftatbestand der Sklaverei, erklärt Nuno Gradim.
Spanien ist wichtigstes Zielland für ausgebeutete Portugiesen
Die aktuellsten Daten zeigen: Arbeitsausbeutung ist das Hauptziel des Menschenhandels. Besonders betroffen sind die Landwirtschaft, das Baugewerbe, die Viehwirtschaft, die Textilindustrie, die Gastronomie, der Sport und die Hausarbeit.
Laut dem Sicherheitsbericht RASI 2025 verzeichnete das Observatório do Tráfico de Seres Humanos (OTSH) 307 Meldungen. Fünf Fälle galten jedoch als "nicht bestätigt“, 97 wurden von NGOs oder anderen Stellen als "nicht einschlägig“ eingestuft. Damit verblieb eine belastbare Stichprobe von 205 Fällen.
Davon betrafen 34 Fälle portugiesische Opfer, die im eigenen Land angeworben wurden: 20 für Arbeitsausbeutung in Portugal und 14 im Ausland, vor allem in der Landwirtschaft und im Weinbau – mit Spanien als wichtigstem Zielland.
Die mutmaßlichen Opfer sind überwiegend Männer im Alter zwischen 26 und 64 Jahren, führt der RASI-Bericht aus.
Personen am Rande der Gesellschaft von Menschenhandel betroffen
Menschen mit problematischem Konsum von Alkohol oder anderen Substanzen, ohne feste Unterkunft oder aus stark belasteten Familien bleiben die Hauptziele dieser Kriminalität.
"Die Personen, die unsere Teams erreichen, haben oft im Laufe ihres Lebens aus unterschiedlichen Gründen ihre Unterstützungsnetze und familiären Bindungen verloren. Viele leben dadurch am Rand der Gesellschaft“, erklärt Vanessa Branco im Gespräch mit Euronews, sie ist Psychologin und Koordinatorin des Spezialteams für Hilfe für Opfer von Menschenhandel in der Norddelegation der Associação para o Planeamento da Família.
Die Organisation arbeitet seit 1967 eng mit den Gemeinden zusammen. 2008 startete sie ein spezielles Unterstützungsangebot für Opfer von Menschenhandel in Portugal, zunächst vor allem bei Fällen sexueller Ausbeutung. Damit war sie die erste portugiesische NGO, die in diesem Bereich spezialisierte Hilfe und Betreuung anbot.
Vanessa Branco warnt, niemand sei vollständig vor Menschenhandel geschützt. Situationen der Verletzlichkeit hängen oft mit sozialen Problemen oder Krisenkontexten zusammen, etwa mit bewaffneten Konflikten. Sie erinnert daran, dass 2012 infolge der Wirtschaftskrise und der hohen Arbeitslosigkeit in Portugal viele Menschen durch falsche Jobangebote angelockt wurden. Die aktuelle Wohnungskrise könne daher ebenfalls ein Faktor sein, der das Problem verschärft.
"Wenn jemand keine Unterkunft hat und ihm eine Stelle mit Wohnmöglichkeit angeboten wird, kann er darauf eingehen. Liegen Arbeitsplatz und Unterkunft dann abgelegen, kann die Person in genau eine solche Situation geraten“, warnt die Psychologin.
Warnsignale
Überdurchschnittlich hohe Löhne, kostenlose Unterkunft, bezahlte Anreise, sofortige Einstellung: Mit solchen Versprechen werben Anzeigen der Netzwerke des Menschenhandels.
"Eines der deutlichsten Warnsignale ist ein Jobangebot, das zu gut klingt, um wahr zu sein – mit auffallend vielen Vergünstigungen, viel Bequemlichkeit, hochattraktiv für Menschen, die Arbeit suchen“, sagt Nuno Gradim.
Weitere Warnsignale tauchen oft erst in einem späteren Stadium der Anwerbung auf. Etwa wenn Verträge in einer Sprache vorgelegt werden, die die Betroffenen nicht verstehen, wenn es überhaupt keinen Vertrag gibt, wenn sie gemeinsam mit anderen Personen in derselben Lage reisen oder ihnen angeboten wird, Kosten wie die Reise im Voraus zu bezahlen. "Dadurch entsteht eine Schuld, die die Kontrolle der Opfer durch die Ausbeuter erleichtert“, so der Experte.
Viele dieser Signale entgehen den Betroffenen. In den meisten Fällen erkennen sie den Betrug erst, wenn sie am Zielort sind und feststellen, dass die Arbeit nichts mit dem Versprochenen zu tun hat oder "die Bedingungen völlig anders sind“.
"Das Gehalt kann zum Beispiel gleich hoch sein. Doch wenn Essen und Unterkunft abgezogen werden, bleibt nur ein lächerlich geringer Betrag.“
Künstliche Intelligenz wird zur neuen Waffe für Menschenhändler
Früher lief die Anwerbung vor allem über Mundpropaganda, über Verwandte, Bekannte oder Freunde von Freunden. Heute erleichtern soziale Netzwerke und künstliche Intelligenz den Kontakt zu potenziellen Opfern.
"Die große Herausforderung für internationale Institutionen und speziell für Portugal und die Europäische Union sind inzwischen die sozialen Medien und digitale Technologien. Der Einsatz künstlicher Intelligenz wird die Fähigkeit dieser Netzwerke weiter steigern, mit täuschend echt gestalteten Fake-Seiten den Anschein von Legitimität zu erwecken“, betont Nuno Gradim.
Auch die Vereinten Nationen schlagen Alarm. Zum Welttag gegen Menschenhandel am 30. Juli startet das UNODC die Kampagne "Trapped behind the scam“ ("Gefangen im Betrug“). Sie widmet sich der Nutzung des Internets und digitaler Plattformen, um Opfer für betrügerische Finanzgeschäfte im Netz anzuwerben.
"Sie glaubte, alles unter Kontrolle zu haben“
In den meisten Fällen folgt die Kontrolle durch die Netzwerke einem Muster: eingeschränkte Bewegungsfreiheit, direkte und indirekte Drohungen, Einschüchterung, körperliche und psychische Gewalt, Einzug von Dokumenten und Aneignung der Einkommen der Opfer.
Manche Situationen dauern Jahre an – aus Angst vor der Flucht und wegen des ständigen psychischen Drucks.
Wie Vanessa Branco erklärt, gibt es besonders komplexe Fälle, in denen das Opfer eine traumatische Bindung an die Ausbeutenden entwickelt - ähnlich wie beim Stockholm-Syndrom. Dahinter steht meist eine Lebensgeschichte mit zerrütteten Familienverhältnissen, fehlendem Zugang zu grundlegender Versorgung oder dem Mangel an sicheren, verlässlichen Beziehungen.
"In manchen Situationen sind die Personen, die ausbeuten, zugleich diejenigen, die sich kümmern. Dadurch entsteht eine traumatische Bindung: ‚Diese Person zwingt mich zur Arbeit, aber sie gibt mir ein Zuhause, sie versorgt mich mit Essen, ohne sie hätte ich diese Unterstützung nicht.‘ So beginnt sich die innere Geschichte zu formen“, erklärt sie und ergänzt, die Ausbeuter seien "sehr geschickt" darin, diese Wahrnehmung zu verstärken.
Die Psychologin arbeitet seit zehn Jahren im Bereich Menschenhandel bei der Associação para o Planeamento da Família. Sie sagt, dass es nach wie vor zu den größten Herausforderungen gehört, den Opfern ihre Ausbeutung bewusst zu machen – insbesondere bei Migranten und Migrantinnen, die in Portugal ausgebeutet werden.
Viele Betroffene haben nie in einem sicheren Umfeld gelebt, in dem sie geschützt waren, ihre Meinung äußern oder über das eigene Leben entscheiden konnten. Deshalb lehnen sie Unterstützung oft zunächst ab, weil sie sich keine andere Realität vorstellen können als die, die sie kennen.
Auch der Fall einer älteren Frau, die über Jahre in häuslicher Tätigkeit ausgebeutet wurde, zeigt, wie Opfer psychische Schutzmechanismen entwickeln, die sie daran hindern, die Gewalt zu erkennen, der sie ausgesetzt sind.
Es handelte sich um eine etwas über 70 Jahre alte Frau, die sämtliche Hausarbeit erledigte und sich um die Kinder der Familie kümmerte. "Zunächst wurde sie als mögliche Betroffene häuslicher Gewalt eingestuft“, erinnert sich Vanessa Branco.
"Man hatte den Eindruck, dass sogar die Kinder die Frau schlecht behandelten, weil sie das Verhalten der Eltern nachahmten – ganz in der Logik, das Hauspersonal zu schikanieren. Zudem erhielt sie nie irgendeine Bezahlung für ihre Arbeit und lebte viele Jahre unter diesen Bedingungen“.
Trotzdem war die Frau überzeugt, sie habe die Situation im Griff und könne Grenzen setzen – "was nicht der Realität entsprach“.
Die Schwierigkeit, Ausbeutung zu erkennen, macht den Kampf gegen Menschenhandel zusätzlich kompliziert.
Schwieriger Kampf gegen Menschenhandel
Die Erkennung von Warnsignalen und die Meldung potenzieller Opfer stellen weitere Herausforderungen dar. Der Kampf gegen Menschenhandel erfordert eine enge grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Polizeibehörden und Ermittlungsstellen verschiedener Staaten.
"Wenn portugiesische Staatsbürger im Ausland zu Opfern werden, brauchen wir transnationale Kooperation. Dazu gehören interoperable Mechanismen, die verlässlich funktionieren müssen. Im Raum der Europäischen Union gibt es Instrumente, die die Abstimmung zwischen den verschiedenen Ermittlungsbehörden erleichtern“, erklärt Nuno Gradim.
Für Vanessa Branco hängt der Kampf gegen Menschenhandel auch von einem nahezu "utopischen“ Szenario ab, in dem eine gerechtere Gesellschaft Menschen in verletzlichen Lebenslagen die nötigen Ressourcen und Antworten bietet und damit das Risiko solcher Situationen verringert.
"Wir müssen auf eine gerechte Gesellschaft hinarbeiten, die Menschen in Not schützt, und auf einen starken, belastbaren Sozialstaat, der aufkommende soziale Probleme auffangen kann“, sagt sie.
Gleichzeitig bleibt Sensibilisierung ein wichtiges Instrument. „Wir müssen über diese Teams sprechen, über dieses Verbrechen, den Menschen sagen, dass es existiert, damit sie auf sich achten und zugleich fähig sind, ihr Umfeld im Blick zu behalten und mögliche Opfer dieses Verbrechens zu erkennen“, betont sie abschließend.
Prävention und frühzeitige Identifikation sind entscheidend, um Menschen aus Ausbeutungssituationen herauszuholen.
Portugal hat im Kampf gegen Menschenhandel Fortschritte erzielt und dafür kürzlich Lob von der Expertengruppe des Europarats für Menschenhandel, GRETA, erhalten. Zugleich stellten die Fachleute fest, dass die Identifizierung der Opfer verbessert und ihr Zugang zu Rechtsbeistand und Entschädigung erleichtert werden muss.
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In Deutschland kann die Beratungsstelle gegen Zwangsarbeit helfen, die im Internet über ein Formular regionale Hilfsorganisationen auflistet oder per Mail unter info@www.servicestelle-gegen-zwangsarbeit.de erreichbar ist.
Ein Servicetelefon gegen Menschenhandel ist unter der Nummer 030 201 791 30 Montag bis Donnerstag von 9:00 bis 18:00 Uhr besetzt.
Zudem gibt es den Koordinierungskreis gegen Menschenhandel, der auch in leichter Sprache oder auf Englisch weiterhelfen kann.
In Portugal lautet die Nationale Hotline für Opfer von Menschenhandel +351 964 608 288. Die Notfallnummer der Associação para o Planeamento da Família (APF) ist rund um die Uhr, sieben Tage pro Woche erreichbar.