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Ukraine wirft Russland Hunderte Hinrichtungen von Kriegsgefangenen vor

Menschen halten am 29. Juli 2023 vor der russischen Botschaft in Kyjiw Schilder hoch.
Demonstrierende halten Plakate vor der russischen Botschaft in Kyjiw, 29. Juli 2023 Copyright  AP Photo
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Von Gavin Blackburn
Zuerst veröffentlicht am
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Ein UN-Bericht vom vergangenen Monat meldet 129 bestätigte Hinrichtungen ukrainischer Kriegsgefangener. Bereits im Vorjahr schlug die Organisation wegen eines deutlichen Anstiegs solcher Fälle Alarm.

"Wir geraten in Gefangenschaft" – danach war er tot.

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In seiner letzten Nachricht schrieb Lyudmyla Dubnytskas Mann, dass er vermutlich bald von russischen Truppen gefangen genommen werde. Zwei Tage später erkannte sie seinen Leichnam in einem Video in den sozialen Netzwerken. Zu sehen war eine Gruppe getöteter ukrainischer Soldaten. Ihr Mann, Andriy Dubnytsky, zählt zu den Hunderten ukrainischen Kriegsgefangenen, die nach Angaben Kyjiws seit Beginn der russischen Vollinvasion im Jahr 2022 von der russischen Armee hingerichtet wurden.

Wie viele Kriegsgefangene tatsächlich getötet wurden, ist unklar. Je nach ukrainischer oder internationaler Quelle gehen die Angaben auseinander. Die ukrainische Regierung wirft Moskau jedoch vor, dass die Hinrichtungen Teil einer gezielten Strategie seien. Dubnytsky war 25 Jahre alt, als er im Februar 2024 getötet wurde.

Zu dieser Zeit zogen sich ukrainische Truppen aus der ostukrainischen Stadt Awdijiwka zurück, die inzwischen von Russland erobert wurde. Während des Rückzugs wurde der Soldat der 110. Brigade verwundet. Gemeinsam mit fünf Kameraden blieb er auf seiner Stellung, vier von ihnen waren ebenfalls verletzt. Trotz ihrer aussichtslosen Lage hofften sie weiterhin auf eine Evakuierung. Als er seine Frau am 15. Februar anrief, sei er "extrem nervös gewesen und habe geweint", erzählt die heute 27-jährige Dubnytska der Nachrichtenagentur AFP.

Menschen halten Fotos ihrer Angehörigen, während ukrainische Soldaten nach einem Gefangenenaustausch in der Region Tschernihiw am 11. April 2026 aus der Gefangenschaft zurückkehren
Menschen halten Fotos ihrer Angehörigen, während ukrainische Soldaten nach einem Gefangenenaustausch in der Region Tschernihiw am 11. April 2026 aus der Gefangenschaft zurückkehren AP Photo

Um sich gegenseitig Mut zu machen, fassten die beiden den Entschluss, nach seiner Rückkehr einen Sohn zu bekommen – als Geschwister für ihre kleine Tochter. Wenige Stunden später schrieb er seiner Frau, dass sie vermutlich in russische Gefangenschaft geraten würden. Danach brach der Kontakt ab.

Ein von ukrainischen Medien veröffentlichtes Video soll zeigen, was anschließend geschah. Darin ist zu sehen, wie sein Kamerad Ivan Zhytnyk per Video mit einem Angehörigen telefoniert, als ein russischer Soldat ihn auffordert, die Waffen niederzulegen. Zwei Tage später entdeckte Lyudmyla in russischen sozialen Netzwerken ein weiteres Video. Es zeigte fünf Leichen in einer zugefrorenen Wasserlache, deren Eis rot vom Blut gefärbt war. Sie erkannte das Kreuz-Tattoo auf der Hand eines der Toten – es war ihr Mann.

Deutlicher Anstieg

Die 110. Brigade bestätigte, dass mehrere Soldaten, darunter Dubnytsky und Zhytnyk, getötet wurden. Sie wirft den russischen Streitkräften vor, eine Vereinbarung über die Evakuierung der Verwundeten gebrochen zu haben. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft leitete daraufhin Ermittlungen wegen der mutmaßlichen "Erschießung unbewaffneter ukrainischer Kriegsgefangener" ein.

Nach Angaben ukrainischer Behörden handelt es sich dabei nicht um einen Einzelfall. Mehrere ukrainische Vertreter erklärten gegenüber AFP, russische Einheiten hätten seit 2023 deutlich häufiger Kriegsgefangene hingerichtet. "Das geht auf eine russische Politik zurück, die solche Verbrechen faktisch begünstigt und ermöglicht. Kommandeure geben entsprechende Befehle", sagte Andriy Atamantchuk von der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft, der die Ermittlungen zu mutmaßlichen Hinrichtungen von Kriegsgefangenen betreut.

Moskau weist die Vorwürfe zurück.

Ein Bericht der Vereinten Nationen vom vergangenen Monat dokumentiert 129 bestätigte Hinrichtungen ukrainischer Kriegsgefangener. Bereits im vergangenen Jahr hatte die UN vor einem "deutlichen Anstieg" solcher Fälle gewarnt. Nach Angaben von Andriy Atamantchuk hat die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft bislang 116 Ermittlungsverfahren wegen der Tötung von 306 ukrainischen Soldaten seit Beginn der russischen Vollinvasion im Jahr 2022 eingeleitet.

Die tatsächliche Zahl der Opfer dürfte jedoch deutlich höher liegen, betont Atamantchuk.

Ein Vertreter des ukrainischen Militärgeheimdienstes erklärte gegenüber AFP, die Behörde habe "mehr als 900 Militärangehörige" erfasst, die seit 2022 in "mehr als 340" Vorfällen getötet worden seien. Unter der Bedingung der Anonymität sagte der Geheimdienstmitarbeiter, diese Fälle könnten lediglich "zwischen 25 und 40 Prozent" aller Hinrichtungen ausmachen.

Die unterschiedlichen Zahlen führen die Behörden auf verschiedene Erfassungsmethoden zurück. Während sich die Generalstaatsanwaltschaft auf "dokumentierte und belegte Fakten" stützt, erhält der Militärgeheimdienst nach eigenen Angaben Informationen von Frontverbänden und anderen Stellen schneller.

Aufwendige Ermittlungen

Moskau weist Vorwürfe von Kriegsverbrechen grundsätzlich zurück und beschuldigt seinerseits die Ukraine, vergleichbare Taten zu begehen. Nach den Genfer Konventionen gelten Soldaten ab dem Zeitpunkt einer eindeutigen Kapitulation als Kriegsgefangene und stehen unter besonderem Schutz.

Der ukrainische Militärgeheimdienst macht unter anderem die russische Söldnergruppe Wagner verantwortlich. Die inzwischen nach ihrem Aufstand im Jahr 2023 zerschlagene Gruppe habe mit ihren Reihen ehemaliger Strafgefangener, darunter viele wegen Gewaltdelikten Verurteilte, den "Ton" für solche Hinrichtungen gesetzt. Nach ukrainischen Angaben werden die meisten Kriegsgefangenen erschossen.

Für weltweite Aufmerksamkeit sorgte 2023 ein Video in den sozialen Netzwerken, das zeigen soll, wie ein russischer Soldat einen ukrainischen Kriegsgefangenen erschießt, nachdem dieser "Ruhm der Ukraine" gerufen hatte. Ukrainische Ermittler berichten zudem von besonders brutalen Tötungen, darunter Enthauptungen. Entsprechende Aufnahmen seien in russischen sozialen Netzwerken verbreitet worden.

Ukrainische Soldaten steigen aus einem Bus, nachdem sie nach einem Gefangenenaustausch in der Region Tschernihiw am 5. Juni 2026 aus der Gefangenschaft zurückgekehrt sind
Ukrainische Soldaten steigen aus einem Bus, nachdem sie nach einem Gefangenenaustausch in der Region Tschernihiw am 5. Juni 2026 aus der Gefangenschaft zurückgekehrt sind AP Photo

Bislang wurden in der Ukraine lediglich fünf russische Soldaten wegen mutmaßlicher Hinrichtungen verurteilt, darunter zwei in Abwesenheit, sagte Staatsanwalt Andriy Atamantchuk gegenüber AFP. Die Ermittlungen seien aufwendig, zudem erschwere der fehlende Zugang zu den umkämpften Gebieten die Arbeit der Justiz. Dennoch hoffe er, den Familien eines Tages "Gerechtigkeit widerfahren zu lassen" – zumindest indem er ihnen "die Namen derjenigen nennen kann, die ihre Angehörigen getötet haben".

Für Lyudmyla Dubnytska wäre das jedoch keine Erleichterung. „Ich wüsste nicht, wie mir das irgendwie Erleichterung verschaffen sollte, selbst wenn ich eines Tages wüsste, wer es war“, sagt sie über den Mann, der ihren Ehemann getötet haben soll. Die russischen Behörden reagierten auf eine Anfrage der Nachrichtenagentur AFP zu den Vorwürfen nicht.

Weitere Quellen • AFP

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