Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat seit Beginn von Russlands Angriffskrieg bis Ende vergangenen Jahres 2.815 Angriffe auf das Gesundheitswesen der Ukraine registriert. Die meisten davon erfolgten mit schweren Waffen.
Ärzte ohne Grenzen (MSF) wirft Russland eine gezielte Strategie vor, um das Gesundheitssystem in der Ukraine zu zerstören. Die NGO sieht seit Beginn des Krieges ein durchgängiges Muster von Angriffen.
Zwischen April 2022 und Dezember 2025 hat MSF nach eigenen Angaben mehr als 20 Angriffe auf Einrichtungen registriert, die mit der eigenen Hilfsorganisation MSF ("Médecins sans frontières") verbunden sind.
Russland führe "erbarmungslose Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen und medizinisches Personal in der Ukraine" durch, heißt es in cer Erklärung von MSF.
Schon zu Beginn des Krieges machte der Angriff auf eine Geburtsklinik in Mariupol Schlagzeilen.
Angriffe das Gesundheitssystem als gezielte Strategie
Diese Angriffe "scheinen Teil einer gezielten Strategie zu sein, das Gesundheitssystem zu zerstören und die Bevölkerung kollektiv zu bestrafen, statt eine bloße Nebenfolge des russischen Angriffskriegs", so Ärzte ohne Grenzen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verzeichnete zwischen dem Beginn von Russlands Angriffskrieg im Februar 2022 und Ende 2025 insgesamt 2.815 Angriffe auf das Gesundheitswesen in der Ukraine. In der großen Mehrheit wurden schwere Waffen eingesetzt, 2.319 Angriffe trafen direkt medizinische Einrichtungen.
Insgesamt kamen dabei 224 Menschen ums Leben, 902 wurden verletzt, so die WHO. Die Organisation dokumentiert Angriffe, weist jedoch keine Verantwortlichen zu.
Das ukrainische Gesundheitsministerium berichtet, dass russische Truppen im selben Zeitraum mehr als 2.500 medizinische Einrichtungen beschädigt oder zerstört haben; 327 davon wurden vollständig vernichtet.
"Diese Angriffe sind zu regelmäßig, zu häufig und zu präzise, um zufällig zu sein", erklärte Robin Meldrum, MSF-Länderkoordinator in der Ukraine.
"Wenn Krankenhäuser immer wieder getroffen werden, wenn Rettungswagen mit Präzisionsdrohnen ins Visier geraten, wenn medizinisches Personal auf dem Weg zur Medikamentenlieferung in klar gekennzeichneten Fahrzeugen getötet wird, dann ist das kein Zufall.
Das ist ein Muster. Und hinter Mustern steckt eine Absicht."
Ukraine: Drohnenangriffe auf Gesundheitswesen nehmen zu
Angriffe auf die medizinische Infrastruktur haben nach Angaben von MSF eine Versorgungskrise für Menschen ausgelöst, die keine Notfallbehandlung, aber Hilfe bei chronischen Erkrankungen brauchen.
Die humanitäre medizinische Organisation spricht von zusätzlichem Leid und sogar Todesfällen durch eigentlich gut behandelbare Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Problemen, Diabetes oder Epilepsie.
Noch funktionierende Einrichtungen sind stark unterbesetzt. In einem von MSF unterstützten Krankenhaus in Cherson ist die Zahl der Ärztinnen und Ärzte seit 2022 um 66 % gesunken.
Gleichzeitig arbeiten MSF-Teams im Osten und Süden der Ukraine unter der "ständigen Bedrohung" durch sogenannte First-Person-View-Drohnen (FPV). Sie ermöglichen den Bedienern, Ziele in Echtzeit zu identifizieren und präzise zu treffen.
Nach MSF-Angaben wurden am 29. September 2025 eine Krankenschwester und der Leiter eines von der Organisation unterstützten Gesundheitszentrums in Lyman von einer russischen Drohne getroffen, als sie in einem klar gekennzeichneten Fahrzeug Medikamente auslieferten.
Die NGO berichtet, ihr medizinisches Personal nahe der Front erlebe, wie die Drohnenkriegsführung die Möglichkeiten der medizinischen Versorgung zunehmend überholt.
"Früher stammte die Mehrzahl der Verletzungen aus Artilleriebeschuss, heute geht ein wachsender Anteil der Trauma-Fälle auf Drohnenangriffe zurück", erklärt MSF.
Diese Angriffe führen zu mehreren Opfergruppen mit zahlreichen gleichzeitigen Verletzungen, zu höheren Infektionsraten und zunehmend zu Fällen von Sepsis.
MSF fordert alle Konfliktparteien dazu auf, ihre Verpflichtungen nach dem humanitären Völkerrecht einzuhalten. Staaten mit Einfluss auf Russland sollten ein Ende der Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen verlangen.
Die Organisation appelliert zudem an den UN-Sicherheitsrat, Angriffe auf das Gesundheitswesen zu untersuchen und öffentlich zu verurteilen.
MSF beschäftigte 2024 in der Ukraine 414 Vollzeitkräfte und verfügte über ein Budget von 15,6 Millionen Euro.
Die Teams führten 75.400 ambulante Konsultationen und 1.150 chirurgische Eingriffe durch.