Schachlegende Judit Polgár hat eine Kandidatur für das Amt der ungarischen Staatspräsidentin abgelehnt. Sie fühle sich der historischen Verantwortung, eine gespaltene Nation zu einen, nicht gewachsen, erklärte die 49-Jährige.
Die erfolgreichste Schachspielerin der Geschichte, Judit Polgár, hat das Amt der ungarischen Staatspräsidentin abgelehnt. "Ich habe nicht das Gefühl, dass ich die Kraft habe, die historische Verantwortung für die Vereinigung einer gespaltenen Nation zu übernehmen“, schrieb Polgar am Montag in Onlinediensten, wie die dpa zitiert. „Daher kann ich die Einladung nicht annehmen.“
Polgár gilt als parteipolitisch unabhängig und ist in Ungarn äußerst bekannt. Für das Amt der Präsidentin wurde sie in einem offenen Brief vorgeschlagen, den zahlreiche prominente Ungarn unterzeichneten – darunter auch der Erfinder des Zauberwürfels, Ernő Rubik.
Der ungarische Ministerpräsident Péter Magyar hatte zuvor bekanntgegeben, Polgár, als Staatspräsidentin vorschlagen zu wollen. Er hoffte, dass sie ihm "die große Ehre" erweise, die Nominierung anzunehmen, wie er auf Facebook schrieb.
Polgár ist die einzige Frau in der Schachgeschichte, die die Marke von 2700 Elo-Punkten und damit das Supergroßmeister-Niveau überschritten hat. Die Frauen-Weltrangliste führte sie seit 26 Jahre ununterbrochen an, in der Gesamtweltrangliste erreichte sie als beste Platzierung Rang acht, und sie ist zwei Mal Olympiasiegerin im Frauenschach. Die hochangesehene 49-jährige Sportlerin, die zwei Kinder hat und in Budapest lebt, hatte bisher keine politische Rolle.
Schach-Olympiasiegerin zur Staatspräsidentin?
"Unser Land braucht Einheit, Frieden und eine Präsidentin, auf die alle Ungarn stolz sein können. Das Amt der Staatspräsidentin ist kein Beruf, kein Arbeitsplatz, sondern der höchste Dienst. Die Aufgabe der Präsidentin lautet: dienen und vertreten. Jede und jeden Ungarn."
"Judit Polgár, die heute von anerkannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens als Staatspräsidentin vorgeschlagen wurde, ist eine solche Person. Deshalb treffe ich sie am Montag und frage sie, ob sie bis zur Verabschiedung der neuen Verfassung bereit ist, unserem Land in einer neuen Rolle zu dienen", schrieb der Ministerpräsident am Sonntagabend in einem Facebook-Beitrag.
Der Name Judit Polgár stehe seit Jahrzehnten für Talent und Durchhaltevermögen, so Magyar. Als erfolgreichste Frau der Schachgeschichte führte sie 26 Jahre ohne Unterbrechung die Frauen-Weltrangliste an und schaffte zugleich den Sprung unter die besten zehn Spieler der absoluten Weltrangliste. "Sie ist fünffache Schacholympiasiegerin, internationale Großmeisterin, Trägerin des ungarischen Sankt-Stephan-Ordens, und ihr außergewöhnlicher Lebensweg wurde kürzlich im Dokumentarfilm 'Die Schachkönigin' nachgezeichnet."
Anfang Juli stellte der Regierungschef auf seinen sozialen Kanälen ein Foto online, auf dem er mit Judit Polgár Schach spielt. Seitdem wurde lebhaft darüber spekuliert, ob Magyar die Weltklassespielerin als Kandidatin für das Staatsoberhaupt in Betracht zieht.
Weitere Vorschläge für das Amt des ungarischen Staatspräsidenten
Der bisherige Staatspräsident Tamás Sulyok kündigte am frühen Samstagabend an, dass er die 17. Änderung des Grundgesetzes unterzeichnen wird. Sein Mandat endet am Tag nach der Verkündung des Gesetzes, ab Sonntag Mitternacht ist er damit nicht mehr Präsident der Republik Ungarn. Das Amt übernimmt für einen Monat die Parlamentspräsidentin Ágnes Forsthoffer.
Am Sonntag schrieben 16 Vertreter aus Wissenschaft, Kultur und Sport einen Brief an die Parlamentspräsidentin Forsthoffer. Darin schlugen sie Judit Polgár für das Amt des Staatsoberhaupts vor. Der Zusammenschluss "Ügyvédkör" teilte dagegen mit, dass er den ehemaligen Justizminister Péter Bárándy als Staatspräsidenten empfiehlt.
Die Hoffnung vieler Ungarn auf eine Präsidentin, die in ihrem Land als Schachspielerin bekannt und beliebt ist, wird sich nun nicht erfüllen.