Loader
Finden Sie uns
Werbung

Weg von russischem Gas: Europa baut neue Energieachse im Mittelmeer auf

Archivbild: Vor der zyprischen Küstenstadt Limassol ist am fünften Juli 2020 eine Offshore-Bohrplattform im Meer zu sehen.
Archivbild: Eine Offshore-Bohrplattform in den Gewässern vor der zyprischen Küstenstadt Limassol am fünften Juli 2020. Copyright  AP Photo
Copyright AP Photo
Von Stefania De Michele
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Italien richtet seine Gasversorgung nach dem Wegfall russischer Lieferungen neu aus. Während Algerien seine Rolle als wichtigster Lieferant festigt, soll das Gasfeld Cronos vor Zypern ab 2028 über Ägypten Flüssigerdgas für Europa liefern.

Eni baut seine Aktivitäten im Gasmarkt des östlichen Mittelmeers aus und treibt das Projekt Cronos vor Zypern voran. Zugleich festigt Algerien seine Position als wichtigster Gaslieferant Italiens. Beide Entwicklungen zeigen, wie sich Europas Energieversorgung seit dem Einbruch russischer Lieferungen verändert hat: Der Mittelmeerraum gewinnt als strategische Achse für den Kontinent an Bedeutung.

WERBUNG
WERBUNG

Eni entwickelt Gasfeld Cronos vor Zypern

Eni und TotalEnergies haben die endgültige Investitionsentscheidung für die Erschließung des Gasfeldes Cronos getroffen. Das Feld liegt im Block 6 vor der Küste Zyperns, an dem beide Unternehmen jeweils mit 50 Prozent beteiligt sind.

Es handelt sich um die erste Erdgasentwicklung in der Geschichte Zyperns. Die ersten Lieferungen des Inselstaats sollen 2028 auf den Markt kommen.

Cronos wurde 2022 entdeckt. Bewertungsbohrungen, die 2024 abgeschlossen wurden, bestätigten das Potenzial des Feldes. Es liegt in tiefem Wasser, rund 185 Kilometer vor der Südwestküste Zyperns, und enthält nach Unternehmensangaben mehr als drei Billionen Kubikfuß Gas.

Geplant sind vier Unterwasserbohrungen mit einer täglichen Förderkapazität von rund 500 Millionen Kubikfuß. Das entspricht etwa 2,8 Millionen Tonnen Flüssigerdgas pro Jahr.

Über Ägypten nach Europa

Cronos soll vor allem von vorhandener Infrastruktur profitieren. Das Gas wird über eine Unterwasserleitung von Zypern nach Ägypten transportiert und dort über Anlagen des von Eni betriebenen Gasfeldes Zohr weiterverarbeitet.

Anschließend soll es das Verflüssigungsterminal Damietta erreichen. Dort wird es zu LNG verarbeitet und auf internationale Märkte exportiert, insbesondere nach Europa.

Die Nutzung bestehender Anlagen soll die Umsetzung beschleunigen, Kosten senken und die Umweltbelastung im Vergleich zum Aufbau einer vollständig neuen Lieferkette begrenzen. Eni und TotalEnergies ordnen Cronos in ihre Strategie ein, Projekte mit überschaubaren Kosten und geringer Emissionsintensität zu entwickeln.

Seit einem Abkommen zwischen Zypern und Ägypten vom Februar 2025 wurden nach Angaben der Unternehmen die wesentlichen kommerziellen und vertraglichen Vereinbarungen getroffen. Sie regeln unter anderem die Nutzung der Zohr-Offshore-Infrastruktur, den Gastransit durch Ägypten, die Verflüssigung in Damietta und den Verkauf des LNG auf internationalen Märkten.

Eni-Chef Claudio Descalzi bezeichnete Cronos als “einen beschleunigten und greifbaren Schritt” auf Zyperns Weg zum europäischen Gasproduzenten und -exporteur. Das Projekt könne zum Aufbau eines regionalen Gashubs im östlichen Mittelmeer beitragen.

Für TotalEnergies ist Cronos ein weiterer Baustein beim Ausbau des LNG-Portfolios, das der Konzern bis 2030 auf rund 60 Millionen Tonnen jährlich steigern will. Eni wiederum stärkt mit dem Projekt seine Position im östlichen Mittelmeer, die vor allem auf seiner Präsenz in Ägypten und dem Zohr-Feld beruht.

Algerien bleibt Italiens wichtigster Lieferant

Während Italien auf die künftige Gasförderung Zyperns blickt, bleibt Algerien vorerst sein mit Abstand wichtigster Lieferant. Algeriens Präsident Abdelmadjid Tebboune bekräftigte, Italien sei der größte europäische Abnehmer algerischen Gases - noch vor Spanien und Frankreich.

Ohne konkrete Mengen zu nennen, unterstrich Tebboune die Bedeutung des Energiesektors für Algeriens Wirtschafts- und Außenpolitik. Seine Äußerungen folgten auf ein Telefonat mit Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni.

Beide Regierungschefs bekräftigten den Willen, die strategische Partnerschaft ihrer Länder in den Bereichen Energie, Industrie und Wirtschaft weiter auszubauen. Auch Projekte des sogenannten Mattei-Plans für Afrika kamen zur Sprache, darunter das Exzellenzzentrum “Enrico Mattei” in Sidi Bel Abbès, das Ausbildung und Innovation in der Landwirtschaft fördern soll.

Italien auf der neuen Mittelmeer-Gasachse

Die Entwicklungen in Algerien und Zypern stehen für eine breitere Neuordnung der europäischen Gasversorgung. Algerien sichert Italiens Versorgung über die TransMed-Pipeline und LNG-Lieferungen. Zypern bereitet sich mit Cronos zugleich darauf vor, erstmals selbst Gas zu exportieren.

Italien kann damit auf ein zunehmend vielfältiges Netz von Lieferwegen entlang der südlichen Mittelmeerachse setzen. Das Land will seine Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten und geopolitisch besonders unsicheren Routen verringern. Zugleich stärkt es seinen Anspruch, sich als Energieplattform zwischen Nordafrika, dem östlichen Mittelmeer und Europa zu etablieren.

Cronos ist damit mehr als ein neues Gasfeld. Das Projekt wird zu einem Baustein einer veränderten europäischen Energiegeografie, in der Zypern, Ägypten, Algerien und Italien enger über Gasrouten verbunden werden.

Woher Italiens Gas kommt

Italien importiert rund 95 Prozent seines Gasbedarfs. Nach dem weitgehenden Ende der Abhängigkeit von russischem Gas hat das Land seine Bezugsquellen deutlich diversifiziert.

Algerien ist heute der wichtigste Lieferant und deckt über die TransMed-Pipeline rund 36 Prozent der italienischen Gasimporte ab. Es folgen Aserbaidschan mit rund 16 Prozent über die Transadriatische Pipeline TAP, LNG aus den USA sowie Lieferungen aus Nordeuropa, insbesondere aus Norwegen und den Niederlanden. Weitere wichtige Partner sind Katar und Libyen.

Pipelinegas aus Algerien und Aserbaidschan ist in der Regel günstiger als LNG, da Kosten für Verflüssigung, Seetransport und Wiederverdampfung entfallen. Flüssigerdgas aus den USA, Katar oder anderen Exportländern ist meist teurer und reagiert stärker auf geopolitische Spannungen sowie Risiken auf den Schifffahrtswegen.

Italien setzt deshalb auf eine Mischung aus vergleichsweise stabilen Pipeline-Lieferungen und LNG. Das soll die Versorgung absichern, ohne das Land erneut von einem einzelnen Lieferanten abhängig zu machen. Die jüngsten Spannungen an der Straße von Hormus haben zudem gezeigt, wie anfällig LNG aus der Golfregion für Preisschwankungen und logistische Risiken ist. Das erhöht die strategische Bedeutung der Mittelmeerrouten zusätzlich.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Aserbaidschan vertieft Beziehungen zu Deutschland über Öl und Gas hinaus

Energie im Umbruch: Welche EU-Staaten am meisten Gas verbrauchen oder fördern

10 Milliarden Euro aus Brüssel: Ungarn macht Weg für EU-Gelder frei