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Aserbaidschan vertieft Beziehungen zu Deutschland über Öl und Gas hinaus

Archivfoto: Blick auf den Baku-Stadtkurs während des Großen Preises von Europa der Formel 1 in Baku, Aserbaidschan, am Sonntag, 19. Juni 2016.
ARCHIV - Überblick über die Strecke in Baku während des Formel-eins-Grand-Prix von Europa in Baku, Aserbaidschan, am Sonntag, 19. Juni 2016. Copyright  (AP Photo/Ivan Sekretarev)
Copyright (AP Photo/Ivan Sekretarev)
Von Nadira Tudor
Zuerst veröffentlicht am
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In Aserbaidschan sind inzwischen mehr als 250 deutsche Firmen aktiv, vor allem in Industrie, Logistik und Bauwirtschaft.

Die Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Deutschland entwickeln sich über das Thema Energie hinaus. Beide Länder vertiefen ihre Zusammenarbeit in Industrie und Logistik, und Europa versucht zugleich, seine Lieferketten stärker von Russland zu entkoppeln.

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„Aserbaidschan wird in Deutschland zunehmend nicht mehr nur als Energielieferant wahrgenommen, sondern als Teil einer neuen eurasischen Industrie- und Logistikarchitektur“, sagte Orkhan Yolchuyev, Direktor des CASPIA Analytical Center.

Im Jahr 2025 erreichte der bilaterale Handel zwischen beiden Staaten rund 1,7 Milliarden Euro. Treiber waren vor allem deutsche Exporte von Industrieausrüstungen, Maschinen und Transportsystemen, erklärte Yolchuyev.

In Aserbaidschan sind inzwischen mehr als 250 deutsche Unternehmen tätig. Sie sind in den Bereichen Produktion, Bau, Logistik und Energie aktiv.

Die Neuausrichtung hat sich beschleunigt, seit Aserbaidschan Anfang 2026 begann, Deutschland und Österreich direkt mit Gas zu beliefern. Dahinter steht eine breitere europäische Strategie, die Abhängigkeit von russischer Energie nach der umfassenden Invasion der Ukraine durch Moskau zu verringern.

Mehr als nur Energie

Die eigentliche Veränderung liegt nach Worten Yolchuyevs nicht in den Handelszahlen, sondern in dem, was sie aussagen.

„Sie zeigen, dass sich die bilateralen Beziehungen auf ein höheres Niveau industrieller Zusammenarbeit entwickeln“, sagte er. Deutschland brauche neue Exportmärkte und widerstandsfähigere Liefernetze.

Bereits in Aserbaidschan präsente deutsche Unternehmen könnten bald stärker in Wiederaufbauprogramme und wachsende Industriezonen eingebunden werden, vor allem in den Bereichen Ingenieurwesen, Verkehr, erneuerbare Energien und moderne Fertigung.

Ein wichtiger Teil dieser Entwicklung läuft über den sogenannten Middle Corridor, die Transportachse, die China und Zentralasien über das Kaspische Meer, Aserbaidschan, Georgien und die Türkei mit Europa verbindet.

Russlands Krieg gegen die Ukraine verleiht dieser Route neue Dringlichkeit. Europäische Unternehmen suchen nach Alternativen, die ihre Lieferketten besser vor Störungen schützen.

Aserbaidschan bildet das logistische Herzstück des Korridors. See- und Bahnverbindungen des Landes werden für die transkontinentale Route immer wichtiger.

Laut Yolchuyev liegt der Wert des Korridors weniger in der Menge der transportierten Güter als in deren Qualität.

„Je höher der Anteil von Produkten mit hoher Wertschöpfung wie Fahrzeugkomponenten, Industriemaschinen, Elektroausrüstungen, Elektronik oder chemische Erzeugnisse ist, desto größer ist die wirtschaftliche Effizienz der Route“, sagte er. Der Ausbau des Hafens von Baku und der Freien Wirtschaftszone Alat ziehe neue Investitionen in Produktion und Logistik an.

Energie bleibt Kern der Zusammenarbeit

Trotz der breiter werdenden Kooperation bleibt Energie das zentrale Thema. Aserbaidschan präsentiert sich als verlässlicher Gaslieferant und versorgt seit Anfang 2026 Deutschland und Österreich direkt.

Farid Schukurlu, Gastwissenschaftler am Research Institute for European and American Studies, sieht in der russischen Invasion einen Wendepunkt.

„Traditionell konzentrierten sich die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Deutschland auf wenige Sektoren, darunter Schwerindustrie, Automobilbranche und Pharma“, sagte er.

„Die umfassende Invasion Russlands in der Ukraine hat das wirtschaftliche Verhältnis zwischen beiden Staaten grundlegend verändert.“

Innerhalb von fünf Monaten nach der ersten Rohöllieferung Aserbaidschans nach Deutschland exportierte das Land laut Schukurlu 360.300 Tonnen Rohöl und Mineralölprodukte im Wert von rund 210,9 Millionen Dollar (196 Millionen Euro).

Schukurlu hält es für möglich, dass Aserbaidschan langfristig als Transitroute für kasachisches Öl und turkmenisches Gas nach Deutschland und in andere europäische Märkte dient.

Die deutsche Neuausrichtung wiegt schwer, denn das Land war früher stark von russischem Gas abhängig. Italien bleibt über die Trans-Adria-Pipeline größter europäischer Abnehmer aserbaidschanischen Gases, doch Deutschland bewegt sich zunehmend in die gleiche Richtung.

Manfred Scherer, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Sprendlingen-Gensingen im rheinland-pfälzischen Landkreis Mainz-Bingen, erinnert sich an ein Treffen mit dem heutigen Energieminister Aserbaidschans, Parviz Shahbazov, aus dessen Zeit als Botschafter in Deutschland.

„Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Aserbaidschan haben sich in den vergangenen Jahren positiv entwickelt. Es gibt großes Potenzial, die Zusammenarbeit weiter zu stärken“, sagte Scherer.

„Ich erinnere mich gerne an den Besuch des heutigen Energieministers Parviz Shahbazov in unserer Verbandsgemeinde während seiner Zeit als Botschafter Aserbaidschans in Deutschland“, fuhr er fort.

„Damals haben wir darüber gesprochen, unsere Beziehungen über eine kommunale Partnerschaft zu vertiefen und die Zusammenarbeit zwischen unseren Regionen zu intensivieren.“

Breitere Neuausrichtung Europas

Der Kurswechsel Deutschlands fügt sich in eine breitere europäische Hinwendung zum Südkaukasus und zu Zentralasien ein. Ziel ist auch, den Friedensprozess zwischen Armenien und Aserbaidschan zu unterstützen, der weitere Energiequellen und neue regionale Verkehrswege erschließen könnte.

In den vergangenen Monaten häuften sich hochrangige Besuche. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte, die Partnerschaft mit Aserbaidschan sei für die Europäische Union „von großer Bedeutung“ und habe „spürbare Dynamik“.

EU-Ratspräsident António Costa reiste zu Gesprächen über eine stärkere EU-Rückkehr nach Baku, außenpolitische Chefin Kaja Kallas besuchte die aserbaidschanische Hauptstadt im Mai.

Auch Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und der slowakische Präsident Peter Pellegrini führten bereits hochrangige Gespräche mit Präsident Ilham Aliyev.

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