In vielen Städten in Deutschland und in Europa ist das Konzept der 15-Minuten-Stadt schon Realität. Warum vor allem Frauen davon profitieren könnten.
Je größer die Stadt in Deutschland (oder in Europa) ist, desto größer ist die Chance, dass die Bewohnerinnen und Bewohner in einer 15-Minuten-Stadt leben. Dieses Konzept bedeutet, dass alltägliche Ziele wie der Supermarkt, die Kita oder der Hausarzt zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV in höchstens einer Viertelstunde erreichbar sind.
Eine vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) veröffentlichte Studie zeigt, dass 74 Prozent der Deutschen 2025 in einer 15-Minuten-Stadt lebten.
Diplom-Ingenieurin Dr. Brigitte Adam vom BBSR erklärt, dass Alltagsziele nicht nur in angesagten und teuren Innenstadt-Vierteln gut erreichbar sind. "Unsere Daten belegen, dass funktional durchmischte Quartiere mit kurzen Wegen auch in Großwohnsiedlungen oder Gartenstädten möglich sind.“
Die 15-Minuten-Stadt ist in weiten Teilen Wiens zumindest in der Theorie schon Realität. Das zeigt eine Studie der Sapienza Universität und der Sony Computer Science Laboratories (Sony CSL) in Rom. "Weltweit betrachtet schneiden viele europäische Städte punkto Erreichbarkeit sehr gut ab – Wien ist dafür ein Paradebeispiel“, sagt Projektautor Vittorio Loreto dem ORF.
Doch nicht nur auf dem Land, schon in den den Außenbezirken der Großstädte ist die Erreichbarkeit grundlegender Alltagsziele zu Fuß oder per Fahrrad kaum noch gegeben. Das zeigt die interaktive Sony CSL-Karte von 15-Minute-City, auf der Sie nach Ihrer Stadt in Europa suchen können.
Warum vor allem Frauen profitieren
Die Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer-Rosinak erklärt auf ORF, warum von der 15-Minuten-Stadt vor allem Frauen profitieren. "Bis zum heutigen Tag sind Frauen fast doppelt so viel im öffentlichen Raum unterwegs wie Männer“, sagt die Forscherin. Und: "Wenn die Frauen profitieren, profitieren alle. Weil die dann mit den Kindern und oft mit älteren Menschen unterwegs sind. Also der Ansatz wäre, wenn man eine Stadt plant, für die, die es wirklich brauchen, dann profitieren eigentlich alle davon.“
Ehmayer-Rosinak findet vor allem "funktionierende Nachbarschaften" wichtig, in denen sich die Leute vom Sehen kennen. "Man muss sich gar nicht kennen, aber man weiß aus Studien, dass die Hilfsbereitschaft höher ist, wenn man Menschen einfach vom Sehen kennt."
Die 15-Minuten-Stadt könnte vielleicht auch dabei helfen, dass sich Kinder und Jugendliche, dort wo sie leben, wohler fühlen. Zuletzt hatte UNICEF die Bundesregierung dazu aufgefordert, mehr für Kinder zu tun, denn mehr als einer Million Kinder in Deutschland fehlen wesentliche Voraussetzungen für Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und für späteren beruflichen Erfolg. Dabei geht es vor allem um den Kampf gegen Armut, Ausgrenzung oder fehlende Chancen.
Städte kämpfen gegen den Klimawandel
Die 15-Minuten-Stadt bietet eindeutige Vorteile im Kampf gegen die Klimakrise, da die Menschen dann kein Auto benötigen. In Straßburg haben schon jetzt mehr als die Hälfte der Menschen kein eigenes PKW. In Helsinki gab es mehr als ein Jahr lang keinen einzigen Verkehrstoten, weil Fußgänger und Radfahrer besser geschützt sind.
In der deutschen Hauptstadt kritisieren viele den Rückbau von Fahrradwegen und den Mangel an Bäumen am Gendarmenmarkt im Berliner Stadtteil Mitte. Beim Thema 15-Minuten-Stadt denkt Berlin bisher vor allem an Touristinnen und Touristen, die Kultur, Shopping und Sightseeing im Kiez rund um ihr Hotel leicht erreichen können.
In Wien wurde die Lebensqualität durch Fußgängerzonen, neue Bäume und Blumenbeete verbessert. Die Zahl der Parkplätze wurde reduziert.
Auch in Paris macht der Kampf gegen den Klimawandel mit mehr Bäumen und Schwimmen in der Seine den Alltag lebenswerter.