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Russland schaltet das Internet weiter ab: Dutzende VPN-Dienste lahmgelegt

Seit dem Frühjahr sperren die russischen Behörden regelmäßig den mobilen Internetzugang im ganzen Land.
Seit dem Frühjahr schränken die russischen Behörden den mobilen Internetzugang landesweit regelmäßig ein. Copyright  AP Photo
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Von Александра Ягодкина
Zuerst veröffentlicht am
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In Russland funktioniert für viele Menschen der Zugang zum freien Internet plötzlich nicht mehr. Dutzende VPN-Dienste sind ausgefallen. Experten sprechen von der größten Sperraktion seit Jahren – offenbar kurz vor den Regionalwahlen im September.

Russland verschärft offenbar erneut die Kontrolle über das Internet. Seit Montag melden zahlreiche VPN-Anbieter massive Ausfälle. Betroffen sind mehr als 20 populäre Dienste, mit denen Nutzer staatliche Internetsperren umgehen und auf blockierte Webseiten zugreifen können.

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Als wahrscheinliche Ursache gilt eine gezielte Aktion der russischen Medien- und Internetaufsicht Roskomnadsor. Eine offizielle Bestätigung der Behörde gibt es bislang allerdings nicht.

Nach Angaben des Tech-Portals Exploit sind unter anderem die Dienste VPN Generator, VPN Legend, GaMMa VPN, LTVPN, ABS und FoxyBot betroffen, wie das Portal Agentstvo.Novosti berichtet. Einige Anbieter versuchen inzwischen, ihre Server zu verlagern. Der Betrieb konnte bislang jedoch nicht vollständig wiederhergestellt werden.

Größte Sperraktion seit Jahren

Wie umfangreich die Aktion tatsächlich ist, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen. Fachleute sprechen jedoch bereits von der größten Blockade gegen VPN-Dienste seit Jahren.

Nach Berichten russischer Fachmedien richtet sich die Sperre nicht gegen einzelne Apps, sondern gegen deren technische Infrastruktur. Die Behörden sollen zahlreiche Server und IP-Adressen blockiert haben, über die die VPN-Dienste betrieben werden. Dadurch funktionieren viele Angebote gleichzeitig nicht mehr.

Der Internetexperte Michail Klimarjow von der Organisation Gesellschaft zum Schutz des Internets erklärte, die Behörden hätten gemeinsam mit IT-Unternehmen Netzwerke identifiziert, über die viele VPN-Dienste laufen, und diese anschließend gesperrt.

Freies Internet wird weiter eingeschränkt

VPN-Dienste sind in Russland für viele Menschen eine der letzten Möglichkeiten, gesperrte Nachrichtenportale, soziale Netzwerke oder andere blockierte Internetseiten zu erreichen. Seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine hat Moskau die Internetzensur deutlich verschärft und zahlreiche ausländische Plattformen blockiert.

Beobachter sehen die aktuelle Sperraktion auch im Zusammenhang mit den Regionalwahlen im September. Kritiker befürchten, dass die russischen Behörden den Zugang zu unabhängigen Informationen weiter einschränken wollen.

Am Vortag, am dritten August, beriet das Digitalministerium mit Hosting-Anbietern über strengere Kontrollen für „legitime VPN“. Man kam dort zu dem Schluss, dass zusammen mit diesen Diensten auch „getarnte“ Angebote in die „Weiße Liste“ aufgenommen wurden, die zur Umgehung von Internetsperren dienen. Die Behörde beschloss deshalb, die IP-Adressen aller erlaubten Dienste intensiver zu prüfen.

Kampf gegen VPN seit dem Frühjahr

Seit Beginn des großangelegten Angriffs auf die Ukraine verschärfen die russischen Behörden Schritt für Schritt Zensur und Überwachung im Netz. Sie nehmen der Bevölkerung den Zugang zu Informationen aus unabhängigen Quellen. Unabhängige Medien und viele Online-Angebote sind in Russland verboten und blockiert. Auch mehrere große Plattformen wie Instagram, Facebook und Twitter sind nicht mehr frei zugänglich, und Telegram funktioniert nur mit Einschränkungen.

Die Nutzer werden gedrängt, auf den nationalen Messenger „Max“ umzusteigen. Er trägt den Spitznamen „Messenger der Geheimdienste“, weil er eng mit staatlichen Strukturen verflochten ist und der Quellcode vollständig geschlossen bleibt.

Der Einsatz von VPN-Diensten, um ausländische Webseiten und soziale Netzwerke zu erreichen, hat sich unter Russinnen und Russen sehr schnell zu einem Massenphänomen entwickelt.

Im Frühjahr begannen die Behörden, den mobilen Internetzugang im ganzen Land regelmäßig abzuschalten. Gleichzeitig führten sie „Weiße Listen“ mit Webseiten ein, die während solcher Abschaltungen erreichbar bleiben. Im Mai verpflichtete Roskomnadzor die Telekommunikationsanbieter unter Androhung von Geldbußen, die IP-Adressen ihrer Kundinnen und Kunden zu übermitteln. Begründet wurde dies mit der „Abwehr von Bedrohungen für den russischen Internetsektor und Computerangriffe“. Genau diese Daten dienen nun dazu, VPN-Verbindungen zu verfolgen. Nach einigen Berichten kaufte Roskomnadzor zudem in großem Stil Premium-Zugänge bei VPN-Diensten, um sie besser analysieren zu können.

„Methoden des Wahlkampfs“

Nach Einschätzung von Leonid Wolkow, Leiter der politischen Projekte des „Fonds zur Bekämpfung der Korruption“, ist der Angriff auf VPN-Server Teil der Wahlkampfstrategie des Kremls.

„Roskomnadzor hat recht schnell eine Datenbank mit IP-Adressen aufgebaut, die populäre VPN-Dienste nutzen. Sie haben gesammelt und gesammelt – und kurz vor der Wahl zugeschlagen“, schrieb er auf Telegram.

„Damit die neue Attacke möglichst effektiv wird, hat Roskomnadzor einen technischen Trick genutzt, der zuletzt immer häufiger vorkam: Wenn russische Seiten und Apps – Banken, Ozon, aber auch Wildberries – bei eingeschaltetem VPN nicht öffneten und die Nutzer zwangen, das VPN für den Zugriff abzuschalten, zeichneten sie die IP-Adressen auf, die die Nutzer mit aktiviertem VPN hatten“, erläuterte Wolkow. Seinen Angaben zufolge sollten Russinnen und Russen zwei Geräte nutzen, um solche Angriffe künftig zu erschweren: eines für Apps und Seiten aus der „Weißen Liste“, ein weiteres für gesperrte Angebote.

Die Wahlen zur Staatsduma sind für September angesetzt. Die Zustimmungswerte der Regierungspartei und von Präsident Wladimir Putin sinken. Hintergrund sind häufigere großangelegte Angriffe der Ukraine auf russische Regionen, Gerüchte über eine neue Mobilisierungswelle in den Streitkräften, Treibstoffmangel und regelmäßige Internetsperren.

Nach Medienberichten hat der Kreml seine offiziellen Erwartungen an die Regierungspartei „Einiges Russland“ bereits heruntergeschraubt – von 55 auf 45 Prozent. Ein höheres Ergebnis würde „verdächtig wirken“, heißt es.

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