GPS-Störungen in Pommern haben 2026 ein Rekordniveau erreicht. Bewohner und Reisende müssen mit teils mit Ausfällen bei Smartphone-Navigation, Verkehrs-Apps und zivilen Geräten rechnen.
Messdaten einer Überwachungsstation des Instituts für Telekommunikation, eines staatlichen Forschungsinstituts in Danzig, die der Polnischen Presseagentur vorliegen, zeigen, wie stark das Problem eskaliert ist. In der Hochsaison des Sommers kam es an rund 70 Prozent der Tage zu stundenlangen Störungen aller GNSS‑Signale (GPS, GLONASS, Galileo, BeiDou).
GPS, GLONASS, Galileo und BeiDou sind globale Satellitennavigationssysteme (GNSS), die mithilfe von Satellitensignalen die genaue Position, Geschwindigkeit und Zeit eines Empfängers bestimmen. GPS ist das US-amerikanische System, GLONASS das russische, Galileo gehört zur Europäischen Union und BeiDou wird von China betrieben. Moderne Smartphones, Schiffe und Flugzeuge empfangen meist Signale mehrerer Systeme gleichzeitig, um ihre Position möglichst zuverlässig zu bestimmen. Der Begriff "GPS" wird dabei umgangssprachlich oft für alle Satellitennavigationssysteme verwendet.
Seit Januar 2024 registrieren die Fachleute regelmäßig Anomalien. Seit Anfang 2026 haben Häufigkeit und Stärke der Störungen jedoch sprunghaft zugenommen. Im Mai und Juni traten schwere, langanhaltende Ausfälle aller Frequenzbänder an etwa 70 Prozent der Tage auf. Völlig störungsfreie Tage machten im Mai nur etwa zehn Prozent und im Juni 13 Prozent aus.
In den ersten 19 Augusttagen lag der Anteil der Tage mit vollständigen Ausfällen bei 63 Prozent – Navigationsdienste auf Smartphones und zivilen Empfängern fielen im Schnitt an zwei von drei Tagen aus. Teilweise Störungen, die auf ein einzelnes Frequenzband begrenzt waren, traten im Sommer an zwischen etwas mehr als zehn und fast 30 Prozent der Tage auf.
Störquelle stammt von außen
Das Institut für Telekommunikation geht davon aus, dass die Störquelle außerhalb Polens liegt und mit der Aktivität von Systemen der elektronischen Kriegsführung im Ostseeraum zusammenhängt. Die Experten betonen, dass die Eingriffe dauerhaft sind und anhalten werden, solange in der Region Signale zum Zweck der Funkunterdrückung gesendet werden.
Ähnliche Schlussfolgerungen ergeben sich aus unabhängigen Messungen von Unternehmen wie Blue Dot Solutions. Im Juli 2026 verzeichneten Stationen in Pommern fast 90 Stunden Störungen – je nach Methode mehr als zwölf bis 20 Prozent der Monatszeit. Betroffen war hier vor allem das L1‑Band, das für zivile Nutzer besonders wichtig ist.
Betroffen sind nicht nur Menschen, die Navigationsapps auf ihren Smartphones nutzen und sich mit falschen Positionsdaten, Signalverlust oder fehlender Routenführung konfrontiert sehen.
Auch Systeme des öffentlichen und geteilten Verkehrs leiden darunter: Die Ortung von Leihrädern, E‑Scootern oder Fahrzeugflotten wird teils verfälscht. Freizeit‑ und kommerzielle Drohnenflüge werden riskant, weil die Geräte ihre Positionsstabilisierung verlieren können, berichtet das Portal Interia.
Die Störungen treffen zudem Schifffahrt und Luftfahrt. Schiffe zeigen mitunter falsche Positionen an – ein nahe der Halbinsel Hel im Norden Polens fahrendes Schiff wird etwa im Bereich des Weichselhaffs angezeigt, rund 70 Kilometer weiter. Am 21. August 2026 erlebte das polnische Minenabwehrschiff ORP Albatros während eines Einsatzes in der Ostsee einen GPS‑Jamming‑Vorfall, wie das Allied Joint Force Command der NATO in Brunssum in einem Beitrag auf X bestätigte.
Nach Angaben des polnischen Nachrichtenportals Interia weisen Fachleute der Technischen Universität Danzig, der Seefahrtshochschule in Gdingen und des Instituts für Telekommunikation seit Monaten darauf hin, dass die wichtigsten Quellen der Störungen und der Signalmanipulation (Spoofing) im Gebiet Kaliningrad liegen.
Polen gehört zu den am stärksten gefährdeten Regionen. Ein großer Teil des Staatsgebiets, vor allem in Reiseflughöhen, liegt im Wirkbereich der von dort ausgehenden Störmittel. Litauen meldete 2026 einen deutlichen Ausbau der Spoofing‑Infrastruktur in Kaliningrad: Die Zahl der Antennen stieg von wenigen Anlagen Anfang 2025 auf mehrere Dutzend. Damit lassen sich Signale in einem Radius von bis zu 450 Kilometern verfälschen – ein Gebiet, das große Teile Polens, der baltischen Staaten und auch Teile Skandinaviens umfasst.
Das Institut für Telekommunikation rät dringend davon ab, sich ausschließlich auf Kartenapps auf dem Handy zu verlassen. Wer unterwegs ist, sollte klassische Orientierungsmethoden nutzen oder Karten vorher offline speichern. Langfristig baut Polen eigene Überwachungssysteme aus, darunter ein Portal auf Basis des Netzes ASG‑EUPOS und ein geplantes Sensornetz der Polnischen Raumfahrtagentur. Die Störungen sind Teil hybrider Aktivitäten und eng mit der sicherheitspolitischen Lage im Ostseeraum verknüpft.
Weitere GPS‑Störfälle in Europa
Seit der russischen Großinvasion in die Ukraine 2022 wurden in Europa Dutzende, nach einigen Berichten sogar Hunderte ähnlicher Vorfälle registriert – vor allem im Baltikum, in Nordeuropa und im Raum des Schwarzen Meeres. Westliche Behörden und Fachleute machen übereinstimmend Russland verantwortlich. Moskau erklärt, die Maßnahmen dienten der Verteidigung, insbesondere dem Schutz vor ukrainischen Drohnen. Die baltischen und skandinavischen Staaten betonen hingegen, dass Reichweite und Intensität der Störungen weit über das eigene Territorium hinausgehen und als systematische Provokation zu werten sind.
Im September 2025 berichteten wir über einen spanischen Militärjet mit Verteidigungsministerin Margarita Robles an Bord, der während eines Fluges nahe Kaliningrad auf dem Weg nach Litauen GPS‑Störungen meldete. Die Systeme des Flugzeugs registrierten den Versuch der Beeinflussung, doch dank militärischer Schutzmaßnahmen und redundanter Navigationssysteme blieb der Flug weitgehend ohne Folgen.
Im selben Monat, Anfang September 2025, verlor ein Flugzeug mit der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen an Bord beim Anflug auf den Flughafen Plowdiw in Bulgarien zeitweise das GPS‑Signal bzw. verzeichnete starke Störungen. Bulgarische Behörden verwiesen zunächst auf einen möglichen russischen Eingriff. Die Maschine landete mithilfe der Ersatzsysteme sicher, der Vorfall löste jedoch eine breite Debatte aus – zumal einige Flugdaten Zweifel am tatsächlichen Ausmaß des Signalverlusts aufkommen ließen.
GPS‑Störungen werden europaweites Problem
Die baltischen und nordischen Länder warnen seit Jahren vor der wachsenden Dimension des Problems. Estland, Lettland, Litauen, Finnland und Schweden berichten von einer Vervielfachung der registrierten Vorfälle.
Die Störungen treffen die zivile Luftfahrt – einige Fluggesellschaften leiteten Verbindungen um oder setzten sie aus –, die Schifffahrt, deren Crews wieder zu klassischen Navigationsmethoden greifen müssen, und den Drohnenverkehr. Ähnliche Probleme wurden rund um den Finnischen Meerbusen und über Bornholm in Dänemark gemeldet. GPS‑Ausfälle treten zudem über dem Schwarzen Meer, etwa in Rumänien und Bulgarien, sowie in anderen Grenzregionen auf.
Die NATO verstärkt ihre Überwachung und Gegenmaßnahmen gegen GPS‑Störungen im zivilen Luftverkehr, und Fachleute sehen einen deutlichen Bedarf, widerstandsfähige Navigations‑ und Überwachungssysteme weiterzuentwickeln.