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Russland zerstört Millionen Bücher: Ukrainische Literatur in Gefahr

Verbrannte Bücher liegen auf dem größten Buchmarkt des Landes in Kyjiw, nachdem ein russischer Raketenangriff dort am 19. August 2026 Feuer ausgelöst hat.
Verbrannte Bücher auf dem größten Buchmarkt des Landes in Kyjiw nach einem russischen Raketenangriff, 19. August 2026. Copyright  AP Photo
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Von Gavin Blackburn
Zuerst veröffentlicht am
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Mehr als 13 Millionen Bücher gingen innerhalb von zwei Sommermonaten verloren – rund ein Drittel der jährlichen Buchproduktion. Der Schaden beläuft sich nach Angaben des Kulturministeriums auf mindestens 34,2 Millionen Euro.

Die ukrainische Verlagsbranche erlebt ihre bislang schwerste Krise. Auslöser sind gezielte russische Angriffe, die Teil eines größeren Kulturkriegs sind. Dabei wurden nach ukrainischen Angaben fast 5.000 Kathedralen, Kirchen, Museen, Theater und andere Kulturstätten zerstört oder beschädigt. Zudem sollen 35.000 Kunstwerke geplündert worden sein. Mehr als 13 Millionen Bücher – rund ein Drittel der jährlichen Buchproduktion des Landes – sind innerhalb von zwei Sommermonaten vernichtet worden.

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Der Schaden beläuft sich nach Angaben des Kulturministeriums auf mindestens 39,3 Millionen Dollar (34,2 Millionen Euro). Kremlsprecher Dmitri Peskow reagierte nicht auf Presseanfragen zu den russischen Angriffen auf die ukrainische Verlagsinfrastruktur. Seit Beginn der russischen Invasion im Jahr 2022 ist die Nachfrage nach ukrainischsprachigen Büchern stark gestiegen.

Die Zerstörung wirft die Branche nun jedoch weit zurück – und die Folgen reichen weit über die finanziellen Verluste hinaus. Verlage dürften künftig weniger in Debütautorinnen und -autoren investieren, was die Zukunft der ukrainischen Literatur gefährden könnte. Kleine, unabhängige Verlage könnten weniger Titel veröffentlichen oder ganz schließen. Dadurch würde sich der Markt weiter verengen.

Größere Verlage könnten aus Sicherheitsgründen verstärkt auf bereits etablierte Bestseller setzen. "Das ist eine bewusste Politik Russlands, weil sie verstehen, dass Kultur uns widerstandsfähig macht, dass sie uns das Gefühl gibt, Eigentümer unseres Landes und unseres Schicksals zu sein", sagte Kulturministerin Tetiana Berezhna.

Eine Frau reagiert erschüttert auf verkohlte Bücher nach einem Brand auf dem größten Buchmarkt des Landes, ausgelöst durch einen russischen Raketenangriff in Kyjiw, 19. August 2026
Eine Frau reagiert erschüttert auf verkohlte Bücher nach einem Brand auf dem größten Buchmarkt des Landes, ausgelöst durch einen russischen Raketenangriff in Kyjiw, 19. August 2026 AP Photo

Russland führt Krieg gegen Ukrainens Buchbranche

In den vergangenen Wochen wurden mindestens 40 Verlage und zahlreiche Buchhandlungen beschädigt. "Das ist ein gewaltiger Schlag für die Branche. Wenn wir nicht schnell strategische Hilfsmaßnahmen auf den Weg bringen, könnte die Industrie vollständig kollabieren", sagte Viktor Kruglov, Chef des Verlags Ranok.

Die Buchbranche sei ein "Element der nationalen Sicherheit der Ukraine", fügte er hinzu. Das von Russland zerstörte Ranok-Lager in Charkiw wurde 2013 als automatisiertes Logistikzentrum eröffnet. Dort konnten täglich Zehntausende Bücher verarbeitet werden, sagte Kruglov. "Es gab schwierige Phasen für Ranok", sagte er mit Blick auf die globale Finanzkrise 2008 und die COVID-19-Pandemie.

"Aber niemand hätte sich vorstellen können, dass fast ein Jahresumsatz von Ranok auf einen Schlag vernichtet werden könnte." Bei dem Angriff wurden acht Millionen Bücher zerstört, darunter 620.000 Schulbücher. Ranok beliefert damit fast alle Schulen in der Ukraine.

Viktoria Haidai, die kaufmännische Direktorin der Druckerei Konvi, neben verbrannten Büchern in Kyjiw, 7. September 2026
Viktoria Haidai, die kaufmännische Direktorin der Druckerei Konvi, neben verbrannten Büchern in Kyjiw, 7. September 2026 AP Photo

Dennoch verfügt das Unternehmen über Ausweichlager und speichert alle Dateien in der Cloud. "Das ist wohl das, was uns am Leben hält, weil wir Bücher nachdrucken können und unser Team behalten haben", sagte er.

Für Kulturministerin Berezhna sind die jüngsten Angriffe Teil der "systematischen" Zerstörung des ukrainischen Kulturerbes durch Russland. "Das machen sie seit Jahrhunderten", sagte sie.

Sie verweist auf das 19. Jahrhundert, als große Teile des heutigen ukrainischen Staatsgebiets zum Russischen Imperium gehörten. Damals erließ Russland Dekrete, die die Veröffentlichung und öffentliche Verwendung der ukrainischen Sprache untersagten oder stark einschränkten.

"Aber trotzdem existiert die ukrainische Sprache. Ukrainische Literatur existiert. Wir haben die Bücher in unseren Bibliotheken, die einst heimlich aufbewahrt wurden und noch immer vorhanden sind", sagte sie. "Das gibt uns Hoffnung, dass die Ukraine stark bleiben wird."

Zukunft der ukrainischen Literatur in Gefahr

Dennoch steht die Branche vor vielen akuten Problemen.

Die Angriffe treffen die Verlage finanziell hart, sagte Berezhna. Dadurch sinkt ihre Fähigkeit, in neue Autorinnen und Autoren zu investieren. Debüts sind teuer, verglichen mit der sichereren und lukrativeren Veröffentlichung von Bestsellern oder bereits etablierten Übersetzungen.

Diese „Neulinge, Debütliteratur, werden in hundert Jahren zu ukrainischen Klassikern, die der Welt von der Ukraine erzählen“, sagte sie und äußerte die Sorge, dass junge ukrainische Autorinnen und Autoren weniger Unterstützung erhalten.

Deshalb arbeitet ihr Ministerium an einem finanziellen Hilfspaket für die Branche. Geplant sind staatliche Ankäufe ukrainischer Bücher für Schulbibliotheken, Zuschüsse, damit kleine Verlage Druckkosten stemmen können, Mietzuschüsse für Buchhandlungen und ein Kriegsrisiko‑Versicherungsprogramm für Auflagen.

Ein Feuer brennt auf dem Buchmarkt nach einem russischen Raketenangriff in Kyjiw, 16. August 2026
Ein Feuer brennt auf dem Buchmarkt nach einem russischen Raketenangriff in Kyjiw, 16. August 2026 AP Photo

Viele Menschen in der Buchbranche halten das für unzureichend. Monate nachdem im Juli eine russische Rakete das Dach der Druckerei Konvi durchschlug, lagen verkohlte Seiten von Englischlehrbüchern für die vierte Klasse noch immer auf dem Boden. Papier steckte in den Trümmern der zerstörten Druckmaschine fest.

Vor dem Angriff wurden in der Halle jedes Jahr Millionen Bücher gedruckt. Heute liegen dort nur noch aufgequollene Buchbestände, die durch das Löschwasser der Feuerwehr beschädigt wurden. Die Druckerei war auf Belletristik, Lehrmaterialien und wissenschaftliche Literatur spezialisiert.

Viktoriia Haidai, die kaufmännische Direktorin der Druckerei, sagte, die Erneuerung der Druckmaschine werde 1,2 Millionen Euro kosten. Bis die volle Produktionskapazität wieder erreicht sei, könnten vier bis fünf Jahre vergehen.

Die Russen hätten Betriebe wie ihren gezielt angegriffen, sagte sie, "weil wir kritische Infrastruktur sind, weil wir Zukunft gestalten, an Bildung und Kultur arbeiten. Wir arbeiten daran, Geschichte zu bewahren."

"Ohne das hat keine Nation eine Zukunft." Der Druck von Schulbüchern, der früher drei bis vier Monate dauerte, werde sich nun auf sechs bis sieben Monate verlängern, sagte sie. Das gefährde die Fristen für das kommende Jahr und darüber hinaus. "Es sind nicht nur die großen Druckereien, die leiden", sagte sie. "Viele kleine Druckereien, die öffentlich kaum bekannt sind, sind ebenfalls zerstört worden."

Ausländische Hilfe und Staatshilfen könnten Buchbranche retten

"Die Verluste, die die ukrainische Buchbranche in den vergangenen Monaten erlitten hat, sind beispiellos in der Geschichte der Unabhängigkeit des Landes", sagte Iryna Baturevych, Mitgründerin von Chytomo, einer führenden Plattform für Bücher und Verlagswesen in der Ukraine. Zu den größten Risiken zähle das Überleben kleiner, unabhängiger Verlage.

Ihr Wegfall würde die Vielfalt des Marktes schmälern, insbesondere bei Nischen- und experimenteller Literatur, sagte sie. Auch die Kinderliteratur steckt nach ihren Worten in einer Krise. Viele Kinder haben das Land verlassen, Verlage erweitern ihr Programm um andere Genres, und Autorinnen und Autoren geben ihren Beruf auf.

Menschen betrachten die Zerstörungen einen Tag nach einem russischen Raketenangriff auf einen städtischen Buchmarkt in Kyjiw, 17. August 2026
Menschen betrachten die Zerstörungen einen Tag nach einem russischen Raketenangriff auf einen städtischen Buchmarkt in Kyjiw, 17. August 2026 AP Photo

Baturevych sagte, der Staat werde wahrscheinlich Mittel finden, um den Druck von Schulbüchern zu sichern. Für den Rest der Branche sei die Lage jedoch deutlich unsicherer. Die finanziellen Mittel der Ukraine reichen nicht aus, um Infrastruktur wie Druckereien und Lagerhallen wieder aufzubauen. Die Priorität des Staates liegt auf der Kriegsführung gegen Russland. Roksolana Pidlasa, Vorsitzende des Haushaltsausschusses im ukrainischen Parlament, sagte, der Krieg koste die Ukraine seit September täglich 190 Millionen Dollar (165 Millionen Euro).

"Wir vergessen nicht, dass, wenn es jetzt keine Unterstützung für das Militär gibt, am Ende vielleicht überhaupt nichts mehr zum Wiederaufbau bleibt", sagte Baturevych. "Ich sehe daher einen enormen Bedarf an Unterstützung für die ukrainische Buchbranche durch ausländische Partner. Ohne diese Hilfe glaube ich nicht, dass das ukrainische Verlagswesen überleben wird."

Kruglov zufolge braucht die Branche von der ukrainischen Regierung vor allem drei Dinge: begünstigte Kredite und Versicherungen, ähnlich den zinsgünstigen Darlehen und Kriegsrisikodeckungen, die andere Industriezweige erhalten; Investitionen in den Wiederaufbau der Infrastruktur; sowie Maßnahmen, um die Lust am Lesen und den Buchkauf zu fördern.

Derzeit haben Verlage keinen Zugang zu solchen Krediten, weil ihre Vermögenswerte vor allem aus geistigem Eigentum bestehen und nicht aus Immobilien oder Maschinen, die als Sicherheiten dienen könnten.

"Ich hoffe, der Staat wird helfen, denn es kann keine unabhängige Ukraine ohne eine unabhängige Verlagslandschaft geben", sagte Kruglov. "Das ukrainische Buch ist das einzige Produkt, das sich nicht importieren lässt."

Weitere Quellen • AP

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