Peking präsentiert zum Mondneujahrsspektakel seine Fortschritte in der Robotik. Doch wie ausgereift sind die Systeme wirklich – und muss Europa sich sorgen?
Beim traditionellen Silvester-Spektakel zum chinesischen Mondneujahr standen dieses Mal humanoide Roboter im Rampenlicht. Sie lieferten perfekt abgestimmte Shows mit Kampfkunst- und Parkour-Elementen und sorgten damit für Schlagzeilen.
Die Show brachte mehrere technische Premieren und demonstrierte auf eindrucksvolle Weise, wie rasant sich die Technologie im Land entwickelt.
Nach Angaben eines vom Staatssender CCTV veröffentlichten Videos führten 24 Roboter die erste durchgehende Freestyle-Parkour-Sequenz mit Sprüngen über Tische auf, den ersten Salto in der Luft, mehrere einbeinige Überschläge in Folge, einen Rückwärtssalto mit zweistufiger Wandunterstützung sowie eine Airflare-Großdrehung mit 7,5 Umdrehungen.
China treibt seit einiger Zeit die Entwicklung leistungsfähigerer, KI-gesteuerter Roboter voran, die mit immer weniger menschlicher Steuerung auskommen.
Seit der Gala im vergangenen Jahr haben die Maschinen enorme Fortschritte gemacht: Damals wackelten humanoide Roboter noch bei einem Volkstanz mit Taschentüchern. Diesmal wirkten sie deutlich stabiler – ein klarer Schritt nach vorn.
Was hinter der Show steckt
Abseits der Show bleiben jedoch Fragen: Wie weit ist die Technik wirklich – und sollte ihre Entwicklung Sorgen auslösen?
Weltweit testen Unternehmen humanoide Roboter bereits in Fabriken und Lagerhallen, und einige Firmen bereiten sie sogar für den Einsatz in privaten Haushalten vor.
Verteidigungsexperten halten es zudem für möglich, dass solche Maschinen langfristig auch militärisch eingesetzt werden.
„Es wird wohl Platz für Roboter in menschlicher oder tierischer Gestalt in Militär und Sicherheitsbehörden geben. Vor allem, wenn sie mit von Menschen geschaffenen Umgebungen interagieren sollen – mit Autos, Treppen oder Türen“, sagte Hans Liwång, Professor für Systemwissenschaften im Bereich Verteidigung und Sicherheit an der Schwedischen Verteidigungsuniversität, zu Euronews Next.
Er warnte jedoch, dass ein Einsatz in der realen Welt weit komplexer ist als ein inszenierter Auftritt. In militärischen Situationen sei die Form des Roboters weniger entscheidend als die Frage, ob er über eine ausreichend „ausgereifte Logik“ verfüge, um in einer unberechenbaren Umgebung zu agieren.
Zugleich riet Liwång dazu, prominente Vorführungen nicht zu überbewerten, da man sie auch als Teil staatlicher Propaganda sehen könne.
„Eine einstudierte, bis ins Detail geplante und kontrollierte Show verrät nur begrenzt etwas über den tatsächlichen Stand der Technik. Solche Inszenierungen sollen beeindrucken und stellen die Fähigkeiten der Technologie daher wahrscheinlich eher überhöht dar“, sagte er.
Kann Europa mithalten?
Europa müsse zwar nicht in Alarmstimmung verfallen, solle die Entwicklung aber genau beobachten, so Liwång.
„Europa muss über internationale Entwicklungen informiert sein. Wir sollten von anderen lernen, statt alles von Grund auf neu aufzubauen. Wir müssen von den Investitionen in diese Projekte und von den technischen Fortschritten lernen.“
Seine Einschätzung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem China und die Vereinigten Staaten im Wettlauf um humanoide Robotik zunehmend den Ton angeben.
Analysten sehen Chinas größten Vorteil in der schieren Produktionsgröße und in eng verzahnten Lieferketten.
Nach Einschätzung von Fachleuten hat das Land eine nahezu vollständig vertikal integrierte Wertschöpfungskette für Robotik aufgebaut. Massive staatliche Unterstützung ermöglicht es Unternehmen, ihre Produktion rasch hochzufahren und die Preise zu drücken.
Unitree Robotics, dessen Maschinen bei der Frühlingsfest-Gala eine zentrale Rolle spielten, bewirbt seinen humanoiden Roboter G1 mit einem Einstiegspreis von 13.500 Dollar (rund 11.280 Euro).
Tesla hat für seinen Roboter Optimus noch keinen Verkaufspreis genannt. Firmenchef Elon Musk erklärte in einer Telefonkonferenz zu den Geschäftszahlen im Januar 2025, die Produktionskosten könnten unter 20.000 Dollar (etwa 16.700 Euro) sinken, falls die Jahresproduktion auf eine Million Einheiten steigt. Bis zur Massenfertigung dürften die Preise also deutlich höher liegen.
Nach einem Bericht aus dem Jahr 2024 (Quelle auf Englisch) der International Federation of Robotics, eines weltweit tätigen Branchenverbands mit Sitz in Deutschland, bleibt China der größte Markt für Industrieroboter und war 2024 für mehr als die Hälfte aller Neuinstallationen weltweit verantwortlich.