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Suchtfalle Social Media: Wie entkommt man dem Algorithmus?

ARCHIV - Auf einem Smartphone ist das TikTok-Logo vor einem Computerbildschirm mit der Startseite der App zu sehen, Samstag, 18. März 2023, in Boston.
ARCHIV: Das TikTok-Logo auf einem Smartphone vor einem Bildschirm mit der Startseite der App, aufgenommen am Samstag, 18. März 2023, in Boston. Copyright  AP Photo/Michael Dwyer, File
Copyright AP Photo/Michael Dwyer, File
Von Anna Desmarais
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Funktionen wie Endlos-Scrollen und personalisierte Feeds machen viele Nutzer abhängig. Fachleute fordern, dass Tech-Konzerne ihre Geschäftsmodelle grundlegend umbauen.

Die Europäische Union will Kinder mit neuen Gesetzen besser vor dem „suchtfördernden Design“ von sozialen Medien schützen. Das kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an.

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„Schlafmangel, Depressionen, Angstzustände, Selbstverletzung, Suchtverhalten, Cybermobbing, Grooming, Ausbeutung, Suizid. Die Risiken nehmen rasant zu“, sagte sie am Dienstag in einer Rede (Quelle auf Englisch) in Kopenhagen.

„Diese Risiken sind die Realität der digitalen Welt. Und lassen Sie mich ganz klar sein: Sie sind kein Zufall. Sie sind das Ergebnis von Geschäftsmodellen, die die Aufmerksamkeit unserer Kinder zur Ware machen“, fügte sie hinzu.

Das geplante Gesetz für digitale Fairness, das noch in diesem Jahr vorgelegt werden soll, richtet sich gezielt gegen „suchtfördernde und schädliche Designelemente“, so von der Leyen.

Ihre Aussagen folgen auf eine Entscheidung der Kommission vom Februar: Demnach verstößt das „suchtfördernde Design“ von TikTok gegen EU-Recht. Das entfacht die Debatte neu, ob soziale Medien tatsächlich süchtig machen.

Auf der anderen Seite des Atlantiks sprach eine Jury in Kalifornien einer zwanzigjährigen Frau namens KGM Recht zu. Sie hatte geklagt, ihre Abhängigkeit von Plattformen von Google und Meta habe ihre psychischen Probleme verschärft. Meta versucht nun, das Urteil aufheben zu lassen.

Sind diese Plattformen bewusst suchtfördernd gestaltet – und was lässt sich dagegen tun?

Machen soziale Medien süchtig?

Soziale Netzwerke funktionieren ähnlich wie Spielautomaten. Sie liefern unvorhersehbare Belohnungen und sehr schnelle Rückmeldungen wie Kommentare und Likes, erklärte Natasha Schüll, Associate Professor für Medien, Kultur und Kommunikation an der New York University.

Bestimmte Designfunktionen wie der „Like“-Button, „Für dich“-Seiten mit immer neuen Empfehlungen oder das endlose Scrollen durch einen nie endenden Feed fördern den zwanghaften Gebrauch dieser Plattformen, sagte Christian Montag, Professor für Kognitions- und Neurowissenschaften an der Universität Macau in China.

„Ein Like zu bekommen, fühlt sich gut an“, sagte Montag Euronews Next. „Dann wollen die Menschen dieses Gefühl wieder erleben, posten erneut – und daraus kann sich eine Gewohnheit entwickeln.“

TikTok verstärkt diesen Effekt noch. Autoplay und sehr kurze Videos sorgen für noch schnellere Belohnungsschleifen.

„Das menschliche Gehirn reagiert stark auf Neues, und hier passiert alle 15 Sekunden etwas Neues“, so Montag. „Selbst wenn der aktuelle Clip nicht besonders gut ist, erwarte ich schon, dass der nächste es vielleicht ist.“

In ihrer Entscheidung warnte die EU-Kommission zudem, dass Nutzerinnen und Nutzer auf Plattformen wie TikTok in einen „Autopilot-Modus“ geraten können. Sie konsumieren Inhalte dann nur noch passiv, statt sich aktiv mit ihnen auseinanderzusetzen, erklärte Daria Kuss, Programmleiterin an der Nottingham Trent University im Vereinigten Königreich.

Diese Form der Nutzung steht in Zusammenhang mit „schlechterer psychischer Gesundheit, einschließlich Sucht, sozialem Vergleich nach oben, der Angst, etwas zu verpassen, sozialer Isolation und Einsamkeit“, sagte Kuss.

TikTok weist die Einstufung der Kommission zurück und bezeichnet die Schlussfolgerungen als „völlig falsch“. Das Unternehmen verweist auf Bildschirmzeit-Begrenzungen und andere Werkzeuge, mit denen Nutzerinnen und Nutzer ihre Onlinezeit steuern können.

Wenn sich das Geschäftsmodell ändert, ändert sich das Verhalten

Fachleute kritisieren, dass soziale Medien Erfolg fast ausschließlich an der auf dem Bildschirm verbrachten Zeit messen – und damit an den Werbeeinnahmen. Dieses Geschäftsmodell belohnt es, die Nutzerbindung immer weiter zu steigern, betonten sowohl Montag als auch Schüll.

„Würden Sie die Unternehmen fragen, ob sie absichtlich süchtig machende Produkte entwickeln, würden sie klar Nein sagen. Sie sagen, sie optimieren die Nutzerbindung“, sagte Schüll. Die Plattformen seien nicht mit der Absicht gebaut worden, Sucht zu erzeugen – das sei jedoch die Folge.

Montag und Schüll plädieren dafür, auf Abo-Modelle umzusteigen. Würden Nutzerinnen und Nutzer eine kleine Gebühr zahlen, wären die Plattformen weniger auf Werbung und das Sammeln persönlicher Daten angewiesen. Viele der problematischen Funktionen ließen sich dann streichen.

Montags Forschung zeigt, dass die meisten Menschen bislang nicht bereit sind, für soziale Netzwerke zu bezahlen, weil sie dieses Modell nicht kennen. Nachdem seine Studienteilnehmer jedoch erfahren hatten, dass sich damit Bildschirmzeiten verkürzen oder Faktenchecker gegen Desinformation finanzieren lassen, waren sie eher bereit, ein Abo abzuschließen, sagte er.

Eine weitere Möglichkeit wäre nach Ansicht von Montag, öffentliche Gelder, die bisher an klassische Medienhäuser fließen, teilweise auch in alternative Plattformen umzuleiten.

Einige öffentliche Einrichtungen haben das bereits versucht. Der Europäische Datenschutzbeauftragte (EDPS) startete 2022 mit EU Voice und EU Video zwei soziale Netzwerke für EU-Institutionen. Die Plattformen wurden 2024 mangels Finanzierung wieder eingestellt.

Der Public Spaces Incubator, eine Arbeitsgruppe (Quelle auf Englisch) öffentlich-rechtlicher Sender aus Belgien, Deutschland, der Schweiz, den Vereinigten Staaten, Kanada und Australien, hat nach eigenen Angaben mehr als 100 Prototypen entwickelt, um Online-Debatten zu verbessern.

Ein Beispiel der kanadischen Rundfunkanstalt CBC zeigt (Quelle auf Englisch) eine „Public Square View“, eingebettet in einen Livestream. Die Funktion erlaubt gemeinsames Zuschauen und Kommentieren in Echtzeit und bietet differenziertere Reaktionsmöglichkeiten wie „respektvoller Widerspruch“, „hat mich nachdenklich gemacht“ oder „hat meine Meinung geändert“. Noch ist unklar, welche dieser Werkzeuge bereits im Einsatz sind und ob sie klassische soziale Medien tatsächlich ersetzen könnten.

Schüll ist überzeugt, dass sich die großen Plattformen der Tech-Konzerne nur durch rechtliche Vorgaben grundlegend verändern werden.

„Wenn Sie Designerin oder Designer in einem solchen Unternehmen sind, ist Ihr Ziel, die Nutzung zu steigern … und das wird sich meiner Ansicht nach nur ändern, wenn harte rechtliche Grenzen eingeführt werden: Begrenzungen bei Nutzungsdauer, Zugang und Alter“, sagte sie.

Gibt es Alternativen?

Das Fediverse, ein dezentrales Netz von Plattformen ohne Werbung, Tracking und Datenaustausch, bietet Alternativen zu den Angeboten der großen Tech-Konzerne.

Dazu gehören Mastodon als Ersatz für X (früher Twitter), Pixelfed als bilderbasierte App ähnlich Instagram und PeerTube als Video-Plattform nach dem Vorbild von YouTube.

Stand 24. Februar gibt es im Fediverse 15 Millionen Konten (Quelle auf Englisch), davon rund 66 Prozent auf der Plattform Mastodon.

Mastodon wurde vor allem populär, nachdem Milliardär Elon Musk 2022 Twitter, heute X, übernommen hatte. Dennoch sieht Montag große Hürden für verantwortungsvoller arbeitende Plattformen.

„Um ehrlich zu sein, halte ich es für sehr schwierig, Plattformen zu entwickeln, die einerseits bequem sind, andererseits aber nicht darauf ausgelegt, Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange online zu halten“, sagte er weiter.

Wie sich Dauerscrollen begrenzen lässt

Auch die Nutzerinnen und Nutzer selbst können etwas gegen zwanghaftes Scrollen tun.

Schüll rät, den Zugang zu sozialen Medien möglichst umständlich zu machen. Eine einfache Methode: Die Apps in einen Ordner mit der Bezeichnung „Soziale Medien“ auf die letzte Seite des Smartphone-Bildschirms verschieben. Dann sind sie weniger leicht erreichbar. Außerdem empfiehlt sie, auf dem Telefon feste Bildschirmzeit-Limits einzurichten.

Kuss und Montag empfehlen zudem, die Apps ganz vom Smartphone zu löschen. Wer soziale Medien nutzen möchte, solle die Seiten besser über den Desktop-Rechner aufrufen, sagte Montag. Das mache den Zugriff weniger bequem.

„Ich sage nicht, dass man soziale Medien gar nicht nutzen sollte. Aber sie sollten nicht ständig verfügbar sein, denn das kann die Onlinezeit bereits verringern“, so Montag. Er rät außerdem, Benachrichtigungen für alle Apps zu deaktivieren, die auf dem Handy bleiben.

Montag schlägt vor, das Smartphone, wo immer es geht, durch analoge Technik zu ersetzen – etwa durch einen klassischen Wecker oder eine Armbanduhr, um auf die Uhr zu schauen.

Wenn all das nicht hilft, kann es laut Kuss bereits nützen, das Telefon in „Alltagssituationen“ aus dem direkten Blickfeld zu räumen.

Dennoch betonten sowohl Montag als auch Schüll, die Hauptverantwortung dürfe nicht bei den Einzelnen liegen. Die Plattformen selbst müssten sich ändern.

Dieser Artikel wurde am 12. Mai 2026 aktualisiert und erneut veröffentlicht.

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