Neue Entwicklungen bei Hybridreben und die Folgen des Klimawandels verändern den Weinbau. Seit Jahrzehnten rücken Weinregionen weiter nach Norden.
Denkt man an europäische Weine, fallen sofort bestimmte Ziele ein: Bordeaux, Toskana, Rioja: Orte, für die man hinfliegt, um Sonne zu tanken.
In den vergangenen Jahren hat sich die Weinlandschaft verändert. In Nordeuropa entstehen auch in kälteren Regionen neue Weingüter.
Dafür gibt es zwei Gründe: neue, widerstandsfähige Hybridrebsorten. Und der Klimawandel, der die Jahreszeiten in der Region verändert.
Das verändert, was ins Glas kommt. Und auch, wohin wir zu Weinproben reisen.
Weinliebhaber können etwas wirklich Einzigartiges probieren
Estland hat traditionell vor allem Obst- und Beerenweine produziert. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind jedoch einige wenige Weingüter im ganzen baltischen Staat entstanden.
„Weinbau im kalten Klima wird weltweit immer populärer“, sagt Peke Eloranta, Geschäftsführer des Luscher & Matiesen Muhu Winehouse.
„Noch vor fünf Jahren haben estnische Sommeliers über mich gelächelt, jetzt lacht niemand mehr.“
Luscher & Matiesen zählt zu den nördlichsten Weingütern der Welt und ist eines der wenigen Freiland-Weinberge Estlands, mit rund 2.000 Rebstöcken.
Auf dem Weintourismus-Hof können Gäste im Gästehaus übernachten und an Weinbergsführungen, Verkostungen, Foodpairings zum Abendessen und sogar Workshops teilnehmen.
„Unsere Chargen sind klein, deshalb bekommen Gäste etwas wirklich Unverwechselbares. Die Weine spiegeln unser Terroir, die rauen nordischen Bedingungen und den kurzen, kühleren Sommer. Das schmeckt man, sie sind wirklich besonders“, so Eloranta.
Neben Luscher & Matiesen lassen sich die Weingüter des Landes auf dem offiziellen Estnischen Weinweg entdecken.
Wie der Klimawandel der britischen Weinbranche Auftrieb gab
Englischer Weinbau reicht bis in die Römerzeit zurück. Richtig Fahrt aufgenommen hat die Szene im Land aber erst seit den 1980er-Jahren.
Durch den Klimawandel gibt es mehr Tage mit über 30 Grad. Die Zeit zwischen Austrieb und Lese schrumpft.
Heute können britische Weingüter internationale Sorten wie Pinot Noir, Meunier und Chardonnay anbauen, was ihre Beliebtheit steigert.
Laut WineGB, dem Branchenverband der Winzer und Produzenten, gibt es in Großbritannien rund 1.100 Weingüter. Das sind 74 mehr als noch im Vorjahr.
Zentren liegen in den südlichen Grafschaften Kent, Essex und West Sussex. Inzwischen entstehen aber auch in Yorkshire Weingüter.
Das Wachstum beflügelt auch den Tourismus: 2023 besuchten laut WineGB Tourism Report 2024 mehr als eine Million Menschen britische Weingüter.
Auch 2026 lohnt sich ein Besuch: Die Lese 2025 war dank des trockensten Sommers seit Aufzeichnungsbeginn „herausragend“.
„Das könnte das beste Jahr überhaupt für Stillweine werden, besonders für Chardonnay und Pinot Noir von den passenden Lagen. Von den Top-Erzeugern dürfen wir Weine auf Weltklasseniveau erwarten“, sagt der Autor des Ernteberichts, Stephen Skelton MW.
„Auch die Schaumweine werden stark ausfallen und vermutlich früher auf den Markt kommen als in kühleren Jahren. Das ist kein Nachteil. Zudem dürfen wir deutlich bessere Weine aus den Grenzlagen erwarten.“
So positiv das mildere Wetter für britischen Wein derzeit sein mag. Das große Ganze ist weitaus beunruhigender.
Verschiedene Weinrouten führen durch die Grafschaften; alle finden sich auf der WineGB-Website.
Der rasante Aufstieg des schwedischen Weins
Schweden ist als Weinland noch jung – erst seit 1999 von der EU offiziell anerkannt. Das hindert die Szene aber nicht daran, für Aufmerksamkeit zu sorgen.
Die Weingüter setzen auf Sorten, die Kälte gut vertragen. Wenig überraschend konzentriert sich die Branche dennoch vor allem auf die südlichste Provinz Skåne; rund 80 Prozent der Reben wachsen dort.
Im Sommer 2024 war die Provinz Gastgeberin von „The Swedish Wine Tasting“, angelehnt an die Pariser Probe von 1976, bei der französische und kalifornische Weine im Blindtest gegeneinander antraten.
Wie 1976, als ein Wein aus dem Napa County siegte, lag ein schwedischer Wein vorn, gefolgt von einem französischen Klassiker, einem Chardonnay, und einem englischen Schaumwein.
Ein Regelwechsel Mitte 2025 dürfte der Szene zusätzlichen Schwung geben: Seit dem ersten Juni sind Direktverkäufe ab Hof erlaubt.
Bislang durften alkoholische Getränke mit mehr als drei Komma fünf Prozent vol. nur im staatlichen Systembolaget verkauft werden.
Jetzt können Weingüter und Mikrobrauereien direkt an Kundinnen und Kunden verkaufen. Der Wein, der bei der Probe überzeugt hat, darf also gleich mit nach Hause.
Verkostungen und Touren durch die Weinberge finden sich bei Visit Skåne, der regionalen Tourismusbehörde.