Brüssel will die digitale Infrastruktur in der Arktis besser schützen. Schmelzendes Eis und wachsende geopolitische Spannungen machen die Region zu einem strategischen Korridor für Handel, Kommunikation und Sicherheit.
Die Europäische Union plant ein sicheres Unterseekabel, das Grönland direkt mit Europa verbindet. Langfristig soll das Netz über Kanada nach Japan und Südkorea reichen. Das geht aus einem Entwurf der Arktis-Strategie hervor, der Euronews vorliegt.
Das Vorhaben ist Teil einer breiteren Initiative, mit der Europa seine digitale Infrastruktur und Sicherheit in der zunehmend umkämpften Arktis stärken will.
"Die EU arbeitet an einem panarktischen Kabelkonzept, das Europa über Grönland und Kanada mit Japan und Südkorea verbindet. In den kommenden Jahren wird die EU Grönland mit einem souveränen und sicheren Unterseekabel an die Europäische Union anbinden“, heißt es in dem Papier.
Die Pläne stehen im Mittelpunkt der neuen Arktis-Strategie der EU, die am 20. Oktober vorgestellt werden soll. Sie spiegeln die wachsende Sorge in Brüssel wider, dass Unterseekabel nicht mehr nur kommerzielle Infrastruktur sind, sondern eine Frage strategischer Sicherheit.
Die Initiative kommt in einem sich verschlechternden Sicherheitsumfeld in der Arktis. Russland baut dort seine militärische Präsenz aus, und europäische Regierungen warnen zunehmend vor hybriden Bedrohungen, darunter Störungen der Satellitennavigation und Sabotage von Untersee-Infrastruktur.
Gleichzeitig verschärft das wachsende US- Interesse an Grönland die geopolitischen Spannungen in der Region und verdeutlicht Europas Sorge, von fremdkontrollierter Infrastruktur abhängig zu sein.
Gegen die Dominanz der USA
Im Nordatlantik verlaufen rund 17 Untersee-Telekommunikationskabel. US-Technologiekonzerne spielen in diesem Infrastrukturnetz eine dominante Rolle.
Unterseekabel transportieren den Großteil des internationalen Datenverkehrs. Sie tragen alltägliche Kommunikation ebenso wie Finanztransaktionen. Ihre Anfälligkeit für Schäden oder gezielte Sabotage bereitet europäischen Regierungen große Sorgen.
Brüssel sieht in der besseren Arktis-Konnektivität mehr als schnelleres Internet für abgelegene Gemeinden. Die EU will robustere Datenrouten schaffen und die Abhängigkeit von Infrastruktur verringern, die in einer geopolitischen Krise gestört werden könnte.
Grönland nimmt dabei eine besonders sensible Position ein. Das autonome Gebiet des Königreichs Dänemark liegt zwischen Europa und Nordamerika und gewinnt an Bedeutung für die transatlantische Sicherheit, da der Wettbewerb um arktische Ressourcen, Schifffahrtsrouten und militärischen Zugang zunimmt.
Eine direktere digitale Verbindung mit Europa könnte Grönlands Bindung an die EU stärken. Zugleich hätte Brüssel damit einen größeren Anteil an der Infrastruktur, die die Zukunft der Region prägen wird.
"Die neuen Unterseekabel-Routen verbessern den Zugang für arktische Gemeinschaften und erhöhen zugleich Resilienz und Redundanz der digitalen Konnektivität Europas. Eine solche Verbindung ist Voraussetzung für weitere Investitionen, die für Wettbewerbsfähigkeit, Teilhabe, Vorsorge und Verteidigung von hoher Bedeutung sind“, heißt es in dem Dokument.
Die geplante Verlängerung des Netzes über Kanada nach Asien würde dem Projekt eine breitere strategische Dimension geben. Die EU betrachtet Grönland nicht mehr als isolierte Konnektivitätsfrage, sondern prüft, wie arktische Infrastruktur Teil eines größeren Netzes zwischen europäischen und asiatischen Volkswirtschaften werden könnte.
Ob diese Vision Realität wird, hängt von der technischen Machbarkeit,der kommerziellen Nachfrage, der Finanzierung und der Zusammenarbeit mit Kanada und weiteren Partnern ab.
Wer zahlt?
Die EU hat bereits 107 Millionen Euro für Konnektivitätsprojekte mit Grönland reserviert. Das geplante Kabel würde also auf bestehenden Zusagen aufbauen, nicht völlig neue Investitionsfelder schaffen.
Die Kommission hatte den Mitgliedstaaten die Idee vorgestellt, sich an Far North Fibre zu beteiligen, einer Route für ein neues Unterseekabel in der Arktis. Das Projekt wurde auf rund 1,15 Milliarden Dollar veranschlagt, doch das Projekt erhielt lediglich rund 11 Millionen Euro.
Von potenziell großer Bedeutung ist die Aussicht auf eine breitere strategische Verbindung zwischen Grönland, Europa und, über Kanada, asiatischen Partnern.
Ein solches Netz würde schwierige Fragen aufwerfen: Wer finanziert den Bau? Wer besitzt und betreibt die Kabel? Wie werden sie geschützt? Und ist die Route wirtschaftlich tragfähig?
Eine Erweiterung bis nach Japan und Südkorea setzt außerdem Vereinbarungen und enge Abstimmung mit Partnern außerhalb der EU voraus.
Die Strategie beantwortet diese Fragen jedoch nicht. Sie legt weder einen endgültigen Verlauf noch ein Budget oder einen Bauzeitplan für das Netz fest.
Sie sieht aber die Einrichtung eines Arctic Cable Hub für EU-Staaten, Norwegen und Island vor. Dort sollen Unterseekabel im Nordatlantik und der Arktis überwacht, geschützt und Reparaturen koordiniert werden. Der Hub dürfte Unterstützung durch eine verstärkte Eisbrecherflotte benötigen.
Ausbau der Eisbrecherflotte
Die Arktis-Ambitionen der EU gehen über digitale Infrastruktur hinaus. Sie betreffen auch die Schiffe, die für Einsätze in den zunehmend umkämpften arktischen Gewässern nötig sind.
Beim Arktis-Gipfel im September warnte der EU-Sonderbeauftragte für die Region, der frühere finnische Ministerpräsident Jyrki Katainen, vor einem kritischen Mangel an europäischen Eisbrechern.
"Das ist nicht nur ein Thema für Finnland, Norwegen oder Schweden. Es betrifft die gesamte Europäische Union, den gesamten europäischen Kontinent. Deshalb sprechen wir darüber. Und Sie haben meine Unterstützung, um hier gemeinsam vorzugehen“, sagte Bundeskanzler Friederik Merz bei der Pressekonferenz des Gipfels.
Tatsächlich schlägt die Strategie genau diese Richtung ein. Sie kündigt eine EU-Allianz für industrielle maritime Wertschöpfungsketten an. Diese soll den Bedarf an Eisbrechern, die verfügbare Fertigungskapazität in Europa und die nötigen technischen Spezifikationen erfassen.
"Die EU wird gemeinsam mit den Mitgliedstaaten und gleichgesinnten Partnern Optionen für gemeinsame Beschaffung, Pooling und gemeinsame Nutzung von Eisbrecherkapazitäten und anderen für die Arktis relevanten Fähigkeiten entwickeln“, heißt es in dem Strategiepapier.
Ziel ist es, zusammen mit den nordischen Ländern Finanzmittel und technologische Ressourcen zu bündeln und zu prüfen, wie sich die Einsatzfähigkeit nationaler Vermögenswerte verbessern lässt, ohne die nationale Befehlsstruktur anzutasten.
Die Strategie nennt ausdrücklich "Vermögenswerte mit besonderem Fokus auf Eisbrecher für extreme nördliche Umgebungen, die fortschrittliche, hochrobuste Antriebssysteme nutzen, einschließlich nuklearer Antriebe".