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Paneuropäisches Picknick: Schlüsselmoment vor dem Fall des Eisernen Vorhangs

Paneuropäisches Picknick: Schlüsselmoment vor dem Fall des Eisernen Vorhangs
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Das Paneuropäische Picknick nahe des ungarischen Sopron haben am 19. August 1989 rund 600 DDR-Bürger zur Flucht nach Österreich genutzt. Die spontane Massenflucht wurde ein Schlüsselmoment vor dem endgültigen Fall des Eisernen Vorhangs.

30 Jahre später erinnern Deutschland und Ungarn mit einem Festakt an diesen Schlüsselmoment der Geschichte. Die Veranstalter des Friedensfestes rechneten damals überhaupt nicht mit den ostdeutschen Teilnehmern:

"Wir kamen später hier an. Man sagte uns, dass der Grenzzaun zerstört wurde und mehrere Hundert Ostdeutsche bereits in Österreich seien. Wir sahen andere überall im Maisfeld. Es gibt ein Foto von mir von dieser Situation: Ich lehne mich an mein Auto und sehe so aus, als ob ich darüber nachdenke, wie viele Jahre wir dafür bekommen werden", erinnert sich László Nagy, der das Picknick mitorganisiert hat.

Entscheidungen wurden vor Ort getroffen

Die sechs ungarischen Grenzschutzbeamten, denen befohlen wurde, die Pässe der Menge zu kontrollieren, standen vor einer schwierigen Entscheidung: Eigentlich hätten sie die Ostdeutschen aufhalten müssen. Zahlenmäßig war es die größte Flucht von DDR-Bürgern seit dem Mauerbau 1963. Der Einsatz von Waffen war definitiv eine Option, aber der Kommandant entschied anders.

"Mir war klar, dass ich keine andere Wahl hatte, als sie friedlich ziehen zu lassen, wenn ich meine Leute vor großen Schwierigkeiten beschützen und die anderen vor eventuellen Dummheiten bewahren wollte", erinnert sich der Kommandant der Einheit, der pensionierte Grenzschutzbeamte Árpád Bella.

Zaudern des ungarischen Staates

Diese Situation entstand durch das Zaudern des ungarischen Staates: Obwohl klar war, dass man gegen das Abkommen mit Ostdeutschland verstößt, wenn man die DDR-Bürger flüchten lässt, gab der Ministerpräsident dem Grenzschutz keine klare Anweisung:

"Ich war es, der vor Ort die folgenreiche Entscheidung traf. Eigentlich hätte die obere Führungsebene entscheiden müssen, aber niemand traf eine Entscheidung", so Árpád Bella. "Sie haben zwar eine Order gegeben, aber sie hatten Angst, dass, wenn diese ganze Situation irgendwie schiefgeht, - wenn zum Beispiel Gorbatschow seine Meinung ändert - , wir in Schwierigkeiten geraten. Und wer wäre dann verantwortlich gewesen? Die Person hier vor Ort."

Historisches Ereignis

Das Paneuropäische Picknick war ein historischer Schritt im Verhandlungsprozess zwischen Ost- und Westdeutschland, der Sowjetunion und Ungarn, meint der Historiker Ignác Romsics: "Man testete aus, was und in welchem Umfang die Sowjetunion und auch Ostdeutschland akzeptieren würden."

Ungarn hatte zwar mit Ostdeutschland ein Abkommen, die Ostdeutschen nicht aus dem Land zu lassen. Aber auch Ungarn näherte sich dem Westen und unterzeichnete die Genfer Konvention über den Schutz von Flüchtlingen. Das Picknick war eine Initiative einer der Oppositionsgruppen und begann als österreichisch-ungarisches Treffen an der Grenze. Die Grenze wurde für drei Stunden symbolisch fernab der Hauptstraßen geöffnet. Nur sechs Grenzschutzbeamte waren anwesend, um die Pässe zu bearbeiten. Ungarn durften damals bereits legal die Grenze nach Österreich passieren. Eine größere Angriffstruppe wurde mehrere Kilometer entfernt stationiert. Von der Organisatoren des Picknicks wurden Flyer in ungarischer und deutscher Sprache verteilt. Das Motto: "Baut ab und nehmt mit." Wahrscheinlich haben ungarische Geheimdienste die Flyer an ostdeutsche Flüchtlinge verteilt, die sich bereits im Land befanden, vor allem an der Grenze, im Balatongebiet und in Budapest.

Offiziell hätten die Grenzschutzbeamten nicht auf einzelne Personen schießen dürfen, die die Grenze illegal überqueren. Aber sie hätten die Massen an der Grenze stoppen, sie hätten in die Luft schießen können. Das hätte voraussichtlich zu einer Panik und mehr Schüssen führen können, da die DDR-Bürger entschlossen zur Flucht waren. Die spätere Aussage der ungarischen Führungsebene, es habe keinen Schießbefehl gegeben, ist unwahr. Es gab keine konkrete Anordnung, die für diese Situation gültig war. Die Grenzschutzbeamten wussten nicht, ob sie bestraft werden würden oder nicht, und versuchten verzweifelt, ihre Vorgesetzten über die Situation zu informieren. Die Befehlskette funktionierte so schlecht, dass die Verstärkungstruppen erst eintrafen, als alle Ostdeutschen die Grenze bereits überquert hatten.

Die spontane Massenflucht war der Vorlauf zur generellen Öffnung der ungarischen Westgrenze für Zehntausende in Ungarn festsitzende ausreisewillige DDR-Bürger: Ein entscheidender Schritt zum Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989.