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"Die Stunde des Friedrich Merz" Bald ein Wertekonservativer CDU-Chef?

Friedrich Merz hat in der vergangenen Woche seinen Aufsichtsratsvorsitz bei dem US-Investmenthaus Blackrock aufgegeben.
Friedrich Merz hat in der vergangenen Woche seinen Aufsichtsratsvorsitz bei dem US-Investmenthaus Blackrock aufgegeben.   -   Copyright  AP Photo/Jens Meyer   -   Jens Meyer
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Es war die Nachricht des Tages, schon um 9.30 am Montagmorgen: Annegret Kramp-Karrenbauer, Schützling der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, verzichtet auf die Kanzlerkandidatur und legt ihren Parteivorsitz nieder. Wenn Twitter eine Glaskugel wäre, dann dürfte sich Friedrich Merz jetzt freuen: Sein Name war innerhalb kürzester Zeit in aller (Twitter-)Munde.

AKK war in den vergangenen Tagen zunehmend unter Druck geraten, nachdem CDU-Abgeordnete in Thüringen gemeinsam mit der AfD einen FDP-Kandidaten zum Ministerpräsidenten wählten.

Merz selbst äußerte sich zunächst nicht direkt zu dem Erdbeben in der eigenen Partei, auf Twitter sagte er nur, es gebe "noch andere Nachrichten in diesen Tagen" und verbreitete eines seiner Zeitungsinterviews. Über einen Sprecher ließ er zudem mitteilen, dass „in so einer Situation kluges Nachdenken wichtiger [ist], als schnell zu reden“.

Kramp-Karrenbauers Entscheidung verdiene Respekt, so Merz dann später auf Twitter. "Ich gebe ihr jede Unterstützung dabei, den Prozess ihrer Nachfolge und der Kanzlerkandidatur als gewählte Parteivorsitzende von vorn zu führen."

Kann er sich jetzt neue Hoffnungen auf den Parteivorsitz machen? Die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch hatte bereits vor Kramp-Karrenbauers Rücktrittsankündigung Friedrich Merz als möglichen neuen starken Mann der CDU ins Gespräch gebracht.

"Ich könnte mir vorstellen, dass Friedrich Merz sich da ins Spiel bringt und dass es Leute gibt, die sagen: Ja, das trauen wir ihm eher zu als Laschet, der inhaltlich im Grunde eine andere Position hat und der sich vielleicht schwertut, die ostdeutschen Landesverbände zu integrieren", so Münch gegenüber Euronews.

Wer ist Friedrich Merz?

Merz gilt als Vertreter des rechten Flügels der CDU, er wurde als "Erzrivale" Merkels bezeichnet und auch seine Kritik an der Kanzlerin spricht er offen aus. Er ist Finanzexperte, gilt als "moderner Reaktionär" und "Mann des großen Kapitals". Und er wird als "Wertekonservativer" beschrieben. Seine Unterstützer hoffen, dass mit ihm unter anderem an die AfD verlorene Wähler zurück zu den Christdemokraten kommen könnten.

Als Ende 2018 ein neuer Parteivorsitz gewählt wurde, galt er gemeinsam mit AKK als Favorit. Beobachter meinen, es sei seine schwache Parteitagsrede gewesen, die den sonst als guten Rhetoriker bekannten Merz das Amt kosteten. Er verlor die Abstimmung mit 517 zu 482 Stimmen.

Einen Ministerposten gab es anschließend von Kramp-Karrenbauer für Merz nicht - auch wenn andere prominente Stimmen aus der CDU sich dafür ausgeprochen hatten, um dem konservativen und wirtschaftsliberalen Flügel der Partei ein prominentes Gesicht zu geben.

Gutes Timing oder gut informiert?

Zeitlich passend, dass Merz in der vergangenen Woche seinen Aufsichtsratposten bei dem US-Vermögensverwalter Blackrock aufgab. Am 6. Februar erklärte er dann in einem Interview, dass er sich "in den nächsten Wochen und Monaten noch stärker für dieses Land engagieren" wolle.

Merz ist in der Politik ein alter Bekannter. Er war von 2000 bis 2002 Unions-Fraktionschef im Bundestag und damit Oppositionsführer – bis ihn Angela Merkel aus dem Amt drängte. Danach zog er sich Schritt für Schritt aus der aktiven Politik zurück und sammelte in der freien Wirtschaft einen Vorstandsposten nach dem anderen. "Der Perspektivwechsel der vergangenen Jahre hat seinen Blick auf die Politik geschärft", schreibt Merz über sich selbst auf seiner Internetseite.

Im Jahr 2000 den umstrittenen Begriff von der "deutschen Leitkultur" in Umlauf gebracht: in der Debatte verlangte er von Ausländern in Deutschland, Deutsch zu lernen und sich an "Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten zu akzeptieren". Er vertritt eine strikte Einwanderungspolitik. Er setzt sich in der Wirtschaft für Deregulierung und Privatisierung ein und fordert seit langem eine Vereinfachung der Einkommenssteuer. Damit und mit der Forderung, den Solidaritätszuschlag abzuschaffen, sorgte Merz für Aufsehen.

Laptop verloren: Merz dankt...

2004 verlor Merz seinen Laptop an einem Taxistand am Berliner Ostbahnhof. Er hatte Glück: Ein obdachloser Zeitungsverkäufer fand ihn, gab das Gerät beim dem zu der Zeit noch im Bahnhof ansässigen Bundesgerenzschutz ab und hinterließ als Kontakt die Adresse der Obdachlosenhilfe.

Einige Wochen später übergab ihm eine Sozialarbeitern den - laut Widmung - "Dank an den ehrlichen Finder": Merz' neues Buch. Der Titel: "Nur wer sich ändert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion - Kursbestimmung für unsere Zukunft".

Persönliches

Merz wurde 1955 in Brilon im Sauerland geboren, er ist seit 30 Jahren verheiratet und Vater von drei Erwachsenen Kindern. Er hat Rechts- und Staatswissenschaften und ist als Rechtsanwalt tätig.

Mit 17 Jahren trat er in die CDU ein und saß ab 1989 für fünf Jahre im Europäischen Parlament, von 1994 bis 2009 war er Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit Juni 2019 ist er Vizepräsident des Wirtschaftsrates der CDU e.V.