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Völlig isoliert in der Westsahara - Sorge vor Coronavirus

Völlig isoliert in der Westsahara - Sorge vor Coronavirus
Copyright  Sidi Ahmed Lyadasi
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Im Kampf gegen das Coronavirus versuchen Menschen auf der ganzen Welt, sich zu schützen, selbst an den entlegensten Orten.

Die Flüchtlingslager in der Westsahara, die nur wenige Kilometer von Tindouf in Südalgerien entfernt liegen, haben sich dem globalen Kampf gegen Covid-19 angeschlossen.

Machtkampf um Westsahara

Das Gebiet ist völkerrechtlich umstritten. Nach dem Abzug der Kolonialmacht Spanien wurde das Gebiet von Marokko beansprucht und größtenteils annektiert. Die linksgerichtete „Befreiungsfront“ der Sahrauis, die Frente Polisario, kämpft für einen unabhängigen Staat, die Demokratische Arabische Republik Sahara, auf dem gesamten Territorium von Westsahara. Seit dem Waffenstillstand von 1991 kontrolliert die Frente Polisario einen Streifen im Osten und Süden der Westsahara von der Grenze zu Algerien bis zur Atlantikküste.

Seit dem 19. März sind auf Anordnung der Frente Polisario die Grenzen zu Algerien und Mauretanien geschlossen und ist der Verkehr zwischen den Wilayas (Siedlungen, in die die Lager unterteilt sind) eingeschränkt.

Die Saharaui-Flüchtlinge, die 45 Jahre lang mitten in der algerischen Wüste "gefangen" waren, sehen sich somit einer neuen Isolation gegenüber.

Während sich Millionen von Menschen an die Ausgangssperre halten, leben die Saharauis die Quarantäne auf ihre Art. Ihre Rituale wie die Teezeremonie werden trotz äußerster Vorsichtsmaßnahmen beibehalten: Die Gläser werden öfter gespült und Hände gewaschen, obwohl Wasser ein knappes Gut ist.

"Schlecht vorbereitet"

Die Saharauis sind sich der Bedrohung bewusst, die das Coronavirus für einen Ort mit einer so rudimentären Infrastruktur darstellt.

Abdala Banani Saaid, ein Arzt aus der Sahara, kritisiert, dass das Gesundheitspersonal über sehr wenig Schutzausrüstung verfügt: kaum 600 Paar Handschuhe und 2.000 Masken für eine Bevölkerung von 180.000 bis 200.000 Menschen.

Als Beamter des Universitätskrankenhauses von Pamplona musste er nach der Schließung der Grenzen in den Flüchtlingslagern bleiben. "Alle Ärzte, die draußen arbeiten, helfen mit, aber im Moment ist kein Gesundheitszentrum wirklich vorbereitet. Selbst das nationale Krankenhaus verfügt über keine Beatmungsgeräte", warnt Abdala.

Bislang blieben die saharauischen Flüchtlingslager offenbar vom Coronavirus verschont. Die beiden in den letzten Tagen entdeckten Verdachtsfälle erwiesen sich als falscher Alarm.

Seit mehr als vier Jahrzehnten isoliert

Die Saharaui-Flüchtlinge wissen aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, isoliert zu sein. Viele mussten in die algerische Wüste fliehen, als Marokko das Gebiet der Westsahara besetzte, nachdem die spanische Kolonialmacht abgezogen war.

Wasser- und Nahrungsmittelknappheit, hohe Temperaturen... Angesichts der tiefen Gesundheits- und Wirtschaftskrise, wie sie durch das neue Coronavirus verursacht wird, ist die Verwaltung der knappen Ressourcen noch komplizierter.

Der Preis der wenigen in der Westsahara erhältlichen Produkte ist gestiegen - mit schwerwiegenden Folgen für die am meisten gefährdeten Familien. Hinzu kommt die Befürchtung, dass die humanitäre Hilfe, die in den vergangenen Jahren bereits zurückgefahren wurde, noch weiter reduziert wird.

Sahara-Familien erneut getrennt

Auf der anderen Seite der so genannten "Mauer der Schande" (eine von der marokkanischen Armee errichtete Barriere, die die "besetzte" Westsahara von den "befreiten Gebieten" trennt) passen sich Tausende von Saharauis wie andere marokkanische Bürger den Präventivmaßnahmen an, die vom Königreich Marokko verordnet wurden, einem Land, in dem 1661 Infektionen mit dem Coronavirus und 118 Todesfälle verzeichnet wurden (Stand: 13. April 2020).

Angesichts der tiefen Krise rief die Regierung in Rabat in der Nacht vom 20. März den Notstand aus und schränkte die Bewegungsfreiheit der Menschen ein. In Dakhla, einer Küstenstadt in den so genannten "besetzten Gebieten", gerieten marokkanische Siedler angesichts der Bedrohung durch Covid-19 in Panik. Fünf Tage später verließen trotz des Verbots über 1200 Marokkaner die Stadt.

Die saharauische Seite war im Gegensatz dazu bereit, die Ausgangssperre in den Städten der besetzten Sahara zu akzeptieren, obwohl viele von ihnen ihre Familien und ihr Vieh in der Wüste hatten gemäß ihrer Tradition als Beduinenvolk.

Darüber hinaus erklärt Sidi Ahmed Lyadasi, Präsident der NRO Adala UK, gegenüber Euronews: "Viele saharauische Bürger, die sich im Ausland aufhielten, wurden daran gehindert, ihren Familien in die 'besetzten Gebiete' nachzuziehen. Die marokkanischen Behörden haben keine Transportmittel zur Verfügung gestellt, sie haben nicht die Luftgrenze ausnahmsweise geöffnet, wie es die meisten Länder getan haben."

Wie Mohamed Mayara, Koordinator von Équipe Média (unabhängiges Informationsportal) gegenüber Euronews erklärte, "gibt es ein totales Misstrauen gegenüber der marokkanischen Regierung". Regelmäßig werfen die Saharauis, die seit 1975 unter marokkanischer Herrschaft in diesem Gebiet leben, Rabat Diskriminierungen vor; in Form von Wasserkürzungen, Telefonüberwachung und Verfolgungen, illegalen Verhaftungen sowie Folter.

Offene Wunde: Westsahara

Der Konflikt in der Westsahara ist eine der offenen Wunden der Kolonialisierung Afrikas. Als sich Spanien 1975 zurückzog, teilten Marokko und Mauretanien das Gebiet unter sich auf, obwohl Mauretanien vier Jahre später abzog - der Startschuss für den Krieg zwischen Marokko und der Polisario-Front. Saharauische Flüchtlinge ließen sich in den vier Lagern im algerischen Tindouf nieder.

Der Koordinator von Équipe Média ist der Ansicht, dass die saharauischen Unabhängigkeitskämpfer und Menschenrechtsaktivisten "keinen Zugang zu Gesundheitsdiensten haben, da Marokko der Ansicht ist, dass sie keine Rechte haben, solange sie die Regierung in Rabat weiter kritisieren", fügt er hinzu.