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Klaus Schwab: "Wir können nicht zur alten Normalität zurückkehren"

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Klaus Schwab: "Wir können nicht zur alten Normalität zurückkehren"
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Es mag unlogisch klingen, aber Covid-19 könnte der Moment sein, in dem die Welt eine zweite Chance hat, es richtigzumachen. Die globale Ungerechtigkeit wurde durch die Pandemie auf brutale Weise aufgedeckt: das sich vertiefende Wohlstandsgefälle, die Ungleichheit der Gesundheitsversorgung, die Arbeitsplatzunsicherheit, die sich verschärfende Klimakrise sowie die Entlarvung von Führungskräften, die für sich selbst und nicht für ihre Bürger arbeiten. Aber sie hat auch auf beispiellose Weise gezeigt, dass die Welt gemeinsam und schnell für das Allgemeinwohl handeln kann. Professor Klaus Schwab, Gründer und geschäftsführender Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums, glaubt, dass ein globaler Neuanfang möglich ist. Er hat ein Buch über genau dieses Thema veröffentlicht und ist für ein Gespräch im euronews-Studio zugeschaltet.

Euronews-Reporterin Isabelle Kumar:
Guten Tag und vielen Dank, dass Sie mein Gast in The Global Conversation sind. Wenn Sie sich den Zustand der Welt im Augenblick anschauen, welches Wort kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?

Klaus Schwab, Gründer und geschäftsführender Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums:
Ich halte das Wort „Reset“ für passend, weil wir das Virus noch immer bekämpfen, aber jetzt nach der Ankündigung von Impfstoffen recht optimistisch sein können. Wir müssen jetzt darüber nachdenken, wie wir die Post-Corona-Ära strukturieren, wie wir sie gestalten. Und da kommt mir natürlich das Wort „Reset“ in den Sinn, denn eines ist klar, wir können nicht zur alten Normalität zurückkehren. Wir müssen diese Gelegenheit nutzen, wie es unsere Eltern und Großeltern nach dem Zweiten Weltkrieg getan haben, um wirklich darüber nachzudenken, was schiefgelaufen ist und was wir besser machen können.

Euronews:
Was ist Ihre Priorität bei der Einleitung dieses Resets?


Klaus Schwab:

Es gibt drei Dimensionen, drei Prioritäten. Die erste besteht darin, die Welt widerstandsfähiger zu machen, denn wir werden definitiv mit anderen Überraschungen konfrontiert werden, mit schwarzen Schwänen, wie sie genannt werden, vielleicht mit verschiedenen Arten von Viren. Zweitens müssen wir die Welt integrativer und gerechter machen, denn wir haben gesehen, dass wir ein untragbares Ausmaß an Menschen erreicht haben, die sich ausgeschlossen fühlen. Und schließlich müssen wir die Welt viel grüner machen. Wir müssen endlich all unsere Energie in die Dekarbonisierung stecken, um eine große Katastrophe zu vermeiden, für die wir heute die ersten Anzeichen sehen.

Die Welt braucht einen systemischen Ansatz

Euronews:
Bedauerlicherweise. Herr Professor, wir werden nur auf einige der von Ihnen angesprochenen Themen eingehen können. Als Erstes möchte ich über die COVAX-Organisation (Covid-19 Vaccines Global Access) sprechen, denn in gewisser Hinsicht ist der COVAX-Plan ein Lichtblick, wenn man sich diese dunklen Wolken ansieht, die Covid-19 über die Welt gebracht hat - denn die Initiative zeigt, wie wohlhabendere Nationen sich um jene kümmern, die vor größeren Herausforderungen stehen. Inwieweit beeinflusst dieser COVAX-Plan, der ärmeren Ländern Zugang zu SARS-CoV-2-Impfstoffen bietet, Ihre Vision einer integrativeren Gesellschaft?

Klaus Schwab:
Das ist ein Lichtblick. Er bestätigt erneut die Effektivität, die man erreichen kann, wenn die richtigen Partner zusammenarbeiten. Es ist ein systemischer Ansatz. Wir können unsere Probleme in der Welt nicht lösen, indem wir einfache Ansätze wählen, und COVAX kombiniert die Impfstoffe mit der Behandlung, mit Tests und den richtigen gesundheitspolitischen Ansätzen. Was wir also in unserer Welt in Zukunft brauchen, ist ein verstärkt systemischer Ansatz, weil wir wissen, dass alles voneinander abhängt. Alles ist nicht nur auf globaler Ebene miteinander verbunden, sondern, wenn man die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Fragen betrachtet, sind sie alle miteinander verbunden. Wir brauchen also einen systemischen Ansatz.

Euronews:
Herr Professor, wenn wir diesen systemischen Ansatz brauchen, haben wir ein kleines Problem: Denn während beispielsweise die EU schnell dabei war, COVAX zu unterstützen, gibt es Akteure wie die USA, Russland, die nicht mit an Bord sind.

Klaus Schwab:
Ich denke, dass wir in Zukunft vielleicht auch einen Beitritt der USA erleben werden. Ich denke, COVAX ist ein sehr wichtiger Schritt, um sicherzustellen, dass die Kluft zwischen den entwickelten Ländern und den Schwellenländern, den am wenigsten entwickelten Ländern, nicht noch größer wird. Wir haben gesehen, dass das Virus diese Länder besonders hart und zerstörerisch getroffen hat. Mit COVAX sorgen wir dafür, dass auch diese Menschen von Impfstoffen profitieren können. Und wir sorgen auch auf europäischer Ebene mit einer im Vergleich zu dem, was wir in der Vergangenheit gesehen haben, viel besseren Zusammenarbeit dafür, dass wir die Ungerechtigkeit bei der Verteilung aller Mittel, die wir zur Bekämpfung dieses Virus benötigen, nicht noch verstärken.

Reform des internationalen Systems

Euronews:

Sie sind ein Verfechter des Multilateralismus, einer Multi-Stakeholder-Gesellschaft. Wird dieses multilaterale System mit dem Abgang von Donald Trump neuen Schwung bekommen - kehren wir zum traditionellen Multilateralismus zurück oder ist die Welt auf einem neuen Weg?

Klaus Schwab:
Auch hier müssen wir uns neu orientieren, wir können nicht zu dem System des Multilateralismus zurückkehren, das wir nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen haben. Was wir brauchen, ist eine Reform des internationalen Systems. Denken Sie nur an die Welthandelsorganisation. Wir müssen neue Dimensionen des Welthandels implementieren, z.B. alles, was mit dem elektronischen Handel zu tun hat und so weiter. Der Multilateralismus wird also definitiv durch die Wahl von US-Präsident Joe Biden einen Auftrieb erhalten. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir jetzt die notwendigen Systeme schaffen können, die wir für das 21. Jahrhundert brauchen.