Eilmeldung
Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

"Staffellauf": Wie selbst die Corona-Pandemie Knochenmarkspenden nicht aufhalten kann

Vorbereitungen für eine Knochenmarktransplantation
Vorbereitungen für eine Knochenmarktransplantation   -   Copyright  David J. Phillip/Copyright 2016 The Associated Press. All rights reserved.
Schriftgrösse Aa Aa

Wenn ein kompatibler Knochenmarkspender für einen kranken Menschen gefunden wird, muss die Spende in weniger als 48 Stunden beim Empfänger ankommen - keine leichte Aufgabe, wenn dieser sich am anderen Ende der Welt befindet.

Corona-Krise: Auswirkungen auf die Knochenmarkstransplantationen

Die COVID-19-Krise hat weltweiten Transport um den Globus fast komplett zum Stillstand gebracht, Flugzeuge mussten am Boden bleiben. Doch was die Krise nicht geschafft hat, ist, den Prozess der Stammzellspende aufzuhalten.

Für Menschen mit einer Bluterkrankung können Knochenmarkstransplantationen (über-)lebenswichtig sein, deshalb mussten Transplantationszentren während der Pandemie entschlossen zu besonderen Maßnahmen greifen. Die Spenden werden nun nicht mehr frisch transportiert, sondern wegen längerer Lieferzeiten eingefroren, mit Hilfe der sogenannten Kryokonservierung. Bei dem Verfahren werden die Zellen eingefroren - sie können so ohne Schäden haltbar gemacht werden.

An den Ländergrenzen wurden regelrechte Kurier-Staffeln organisiert, um das kostbare Knochenmark zu transportieren, und Besatzungsmitglieder von Flugzeugen wurden gebeten, Kühltaschen zu ihren Bestimmungsorten zu bringen. Einige der Kuriere waren monatelang im Einsatz, weit weg von Zuhause und flogen von einem Ende der Welt zum anderen. Übernachtet haben sie in Flughafen-Lounges.

In Spanien ermöglichte die zivile Flughafenaufsicht einen Austausch zwischen Transporteuren, die sich nicht treffen konnten, und in einem anderen Beispiel brachte ein Militärflugzeug Stammzellen aus der Türkei für die Rettung eines Kindes in Rom.

Sebastian Scheiner/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved.
Kurier Mishel Zrian mit Knochenmark am Flughafen von Tel AvivSebastian Scheiner/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved.

Doch trotz aller Anstrenungen hatten die Corona-Krise auch Auswirkungen auf diesen Sektor.

So hat sich die Zahl der Menschen, die sich in durchschnittlichen Jahren in die Spenderregister aufnehmen lassen, in Europa 2020 praktisch halbiert, und wenn man sich die Situation in den größten Ländern der EU ansieht, sieht es ähnlich aus.

Im Vergleich zum Vorjahr gingen die in Italien registrierten neuen Spender um 49% -, in Spanien um 37% und in Deutschland um 40% zurück, während Frankreich darauf hofft, 2020 auf 58% des Vorjahres zu kommen.

In Italien sah sich der Verband der Knochenmarkspender (ADMO) gezwungen, Informationsveranstaltungen zur Knochenmarkspende an Schulen und Universitäten, an Sportzentren und auf Stadtplätzen abzusagen, genauso wie in Frankreich.

So wurden in Frankreich und Spanien während der ersten Corona-Welle die Neuregistrierungen für Knochenmarksspender für vier Monate ausgesetzt. Glücklicherweise hat der Rückgang der Neuregistrierungen jedoch nicht zu einem Rückgang der Zahl der Spenden geführt, und es gab nur sehr wenige Fälle, in denen eine lebensrettende Knochenmarkstransplantation verschoben oder abgesagt werden musste.

Sebastian Scheiner/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved.
Krankenschwester bereitet eine Knochenmarkstransplantation vorSebastian Scheiner/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved.

In Deutschland konnten 2019 827.000 neue Spender registriert werden, in Italien und Spanien - deren Gesundheitssysteme regional aufgeteilt sind - waren es gerade mal 49.000, bzw. 36.000 neue Namen, die ihren Weg auf die Liste fanden.

Aber selbst in einigen Ländern, in denen das Gesundheitssystem öffentlich und zentralisiert ist, wie in Frankreich, ist es nicht gelungen, mit den deutschen Zahlen mitzuhalten. Es gab gerade mal 27.000 Neuregistrierungen.

Knochenmarkspende: Eine Frage der Kosten?

In Deutschland kostet eine Registrierung zwischen 35 und 45 Euro, während diese Zahl in Italien auf 250 Euro steigt, ohne dabei die Kosten für das Gesundheitspersonal zu berücksichtigen.

Warum gibt es so deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen europäischen Ländern? In Italien sind gemeinnützige Organisationen wie ADMO, Adoces oder Adisco für die Registrierung und Probenentnahme zuständig. Das einzige Register in Italien befindet sich in Genua.

Hinzu kommen die Begrenzung der Zahl der Registrierungen, die vom Staat finanziert werden, sowie die hohen Kosten der Aktivitäten, die der Sammlung der Testkits vorausgehen, wie z.B. Werbe- und Informationsveranstaltungen, die Rom nicht finanzieren kann.

In Deutschland befindet sich Europas wichtigster Spenderpool. Fast ein Zehntel der in Frage kommenden Bevölkerung (zwischen 18 und 55 Jahren) ist registriert. 70% des Knochenmarks aus Deutschland kann exportiert werden, um Patienten außerhalb Deutschlands zu helfen.

Das deutsche System besteht aus 26 unabhängigen Spenderzentren, die meist in privater Hand - oder aber an Universitäten und Transfusionszentren angeschlossen sind.

Jedes ist für seine eigenen Finanzierungs- und Rekrutierungsstrategien zuständig, agiert unabhängig von den lokalen Behörden und kann das durch private Spenden aufgebrachte Geld erneut in die Registrierung von Spendern stecken.

Sebastian Scheiner/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved.
Kurier Mishel Zrian schläft in leeren Flughäfen und reist sofort nach der Auslieferung weiter, um eine Quarantäne zu vermeiden.Sebastian Scheiner/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved.

In Frankreich sind die 29 Zentren, die Freiwillige rekrutieren, an Knochenmarkstransplantationszentren angeschlossen. Diese wiederum gehören oft zu Einrichtungen, die Blutspenden ermöglichen oder zu öffentlichen Krankenhäusern.

Weniger Neuregistrierungen, aber Zahl der Spenden bleibt stabil

Im Vergleich zu Deutschland, so Dr. Evelyne Marry, Direktorin für Knochenmarkspenden- und Transplantation bei der französischen Agentur für Biomedizin, "haben wir eine Auswahl an Profilen getroffen, die auf Qualität statt auf Quantität aufbaut, wobei wir uns auf junge Menschen (je jünger der Spender, desto höher die Chancen auf eine erfolgreiche Knochenmarkstransplantation) und unterschiedliche geografische Gebiete konzentriert haben".

In Frankreich wird die Strategie von Paris beschlossen, in den deutschen Bundesländern hingegen gibt es keine zentrale Koordinierungsstelle.

In diesem Jahr gab es einen gewissen Rückgang bei Spenden und Knochenmarkstransplantationen, aber nicht wegen eines Mangels an Spendern, sondern weil Krankenhäuser geplante Operationen wegen Bettenmangels absagen mussten
Enric Carreras
Direktor des spanischen Knochenmarksspender-Programms

Spanien hat 2018 beschlossen, sich auf Spender unter 40 Jahren zu konzentrieren - eine Entscheidung, die zwangsläufig die Zahl Neuregistrierungen im Vergleich zu den Vorjahren verringert hat. Das Knochenmarkspende-System ist vollständig in öffentlicher Hand; die zahlreichen spanischen Zentren werden von den 17 autonomen Gemeinschaften des Landes verwaltet, aber jede verfolgt ihre eigene Strategie für die Registrierung neuer Spender.

"Nirgendwo, außer in Galizien, machen wir Mundabstriche. Blutproben werden überall verwendet. Und warum? Aus so vielen Gründen, auch wenn keiner davon mit der Wissenschaft zu tun hat", sagte Dr. Enric Carreras, Direktor des spanischen Knochenmarkspenderprogramms, das von der Josep-Carreras-Stiftung verwaltet wird.

Carreras bestätigt auch, dass seit Beginn der Pandemie von seiner privaten gemeinnützigen Stiftung, die die Registrierungen für den Staat verwaltet, keine Kommunikationskampagnen durchgeführt worden seien.

"Im Moment denken die Menschen nicht über Spenden nach, sie versuchen, sich selbst zu schützen und sich nicht zu infzieren", so Carreras.

"In diesem Jahr gab es einen gewissen Rückgang bei Spenden und Knochenmarkstransplantationen, aber nicht wegen eines Mangels an Spendern, sondern weil Krankenhäuser geplante Operationen wegen Bettenmangels absagen mussten", so Carreras. "Wenn auf der Intensivstation kein Bett zur Verfügung steht, muss im Falle von Komplikationen nach der Transplantation die Operation abgesagt werden".

Während der ersten Welle "konnten diejenigen aus Girona nicht nach Barcelona fahren, um zu spenden", sagte er, fügte aber hinzu, dass die Stiftung "auf die eine oder andere Weise" Lösungen für die durch die Pandemie aufgeworfenen Probleme gefunden habe.

Kathy Kmonicek/AP
Mann macht einen Rachenabstrich, um sich im Knochenmarksspenderegister eintragen zu lassenKathy Kmonicek/AP

Das Herz der Knochenmarkspender: die Niederlande

Alle Spender, die weltweit registriert sind, landen in der WMDA mit Sitz in den Niederlanden, einer Art Weltdatenbank, in der 135 vernetzte Register zusammengefasst sind. Sie hat Daten von über 37 Millionen potenzielle Spender erfasst.

"Vor dreißig Jahren, vor dem Internet, war es im Grunde ein riesiges Telefonbuch mit den Namen potenzieller Spender", sagt Joannis Mytilineos, Medizinischer Geschäftsführer des deutschen Zentrales Knochenmarkspenderregister (ZKRD).

Wann immer ein Krankenhaus eine Anfrage stellt, wird weltweit eine Suche aktiviert - das Knochenmark wird von einem Transplantationszentrum verkauft und von einem anderen gekauft, wobei das nationale Register als Vermittler fungiert.

Die Länder legen ihre Preise selbst fest; die Kosten für eine Einheit aus Deutschland liegen zwischen 14.000 und 17.000 Euro. Knochenmark, das aus den USA kommt, kann dagegen bis zu 30.000 Dollar kosten. Etwa 37% der weltweit transplantierten Stammzellen von anderen Spendern als Familienmitgliedern stammen aus Deutschland.

Mytilineos, der griechische Wurzeln hat, sagt, deutsche Spender seien mit so vielen Menschen im Ausland "wegen unserer Migrationsvergangenheit, die in der DNA festgehalten ist" kompatibel.

Offensichtlich ist es für die nationalen Gesundheitssysteme günstiger, Spender im eigenen Land zu finden, und nicht nur wegen der größeren genetischen Kompatibilität zwischen den einzelnen Menschen. "Eine Knochenmarkstransplantation innerhalb Spaniens kostet 4.500 Euro, weniger als ein Drittel des im Ausland erworbenen Knochenmarks", bestätigt Carreras.

Aber Marry weist darauf hin: "Die verschiedenen Register konkurrieren nicht miteinander. Jedes Land hat seine eigenen Regeln, es gibt Zentren, die öffentlich finanziert werden, und solche, die privat sind, aber die Philosophie der Register auf der ganzen Welt besteht darin, das Bewusstsein und die Maschinerie der internationalen Solidaritätsarbeit zu stärken".

Knochenmarkspender sind "eine internationale Gemeinschaft, und die Ineffizienz eines Landes wird von anderen Ländern ausgegleichen, aber dennoch strebt jedes Land nach dem Besten", sagt Mytilineos abschließend.