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The Queen's Gambit - beste Schachspielerin will Gender-Gap schließen

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Von Lillo Montalto Monella
Weltklasse-Schachspielerin Judit Polgar aus Ungarn, im Jahr 2018
Weltklasse-Schachspielerin Judit Polgar aus Ungarn, im Jahr 2018   -   Copyright  Soós Lajos/MTVA - Médiaszolgáltatás-támogató és Vagyonkezelõ Alap
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Der große Erfolg der Netflix-Serie "The Queen's Gambit" gepaart mit der Lockdown-Situation während der Corona-Pandemie heizt den wohl größten Schach-Hype seit dem Kalten Krieg an.

"The Queen's Gambit" inszeniert die fiktive Geschichte von Beth Harmon, einem verwaisten Schachwunderkind, das im Moskau der 1960er Jahre zum Star aufsteigt und sich mit einem männlichen sowjetischen Weltmeister misst. Die Serie wurde am 23. Oktober veröffentlicht und wurde zu Netflix' bisher größten gescripteten limitierte Serie. Im ersten Monat wurde sie in mehr als 62 Millionen Haushalten weltweit gesehen.

Schach gilt als eine der letzten Hochburgen männlichen Dominanz

Die Ungarin Judit Polgár ist die beste weibliche Spielerin in der Geschichte des Schachs - nicht im Film, sondern in der Realität. Sie glaubt, dass der aktuelle, "fantastische Aufschwung" dazu führen wird, dass noch mehr Eltern Schachbretter für ihre Töchter kaufen werden und hofft, dass sich so vielleicht die enorme Geschlechterkluft in einem Sport schließen kann. Schach gilt als eine der letzten Hochburgen männlichen Dominanz.

Im November verzeichnete Chess.com, die Online-Plattform, die sich dem Erlernen und Spielen des Schach-Sports widmet, einen Anstieg der weiblichen Spieler um 15 Prozent und erreichte damit den höchsten Anteil an weiblichen Spielern seit Bestehen.

"The Queen's Gambit Effect", wie Nick Barton, Direktor der Geschäftsentwicklung bei Chess.com, es nannte, trieb die Gesamtzahl der Neuanmeldungen aus Europa durch die Decke, von 280.000 im Oktober auf fast 1 Million im November. Die größten Zuwächse gab es in Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Spanien und Italien.

"Vor der Messe hatten wir etwa 7.000 bis 8.000 neue Europäer, die sich jeden Tag auf der Plattform angemeldet haben. Seit letzter Woche liegt die Zahl nun bei über 40.000", sagt Barton. "Das ist riesig".

Ihr Vater hat seine drei Töchter zu den besten Schachspielerinnen erzogen

Der ungarische Schachstar Polgár, die einzige Frau, die jemals in den Top 10 der Weltrangliste stand, vergleicht diesen "Boom" mit der Aufregung um das Match des Jahrhunderts von 1972 zwischen dem amerikanischen Champion Bobby Fischer und der sowjetischen Nummer 1, Boris Spassky.

Diese Meisterschaft fand in Island statt, einem idealen Ort für das Aufeinandertreffen zweier Supermächte auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, und wurde mehrfach fast abgesagt. Betrugsvorwürfe, mehrere Nichtantritte und ein erbitterter Krieg der Worte prägten die Partien, während die Welt das Spektakel verfolgte.

"Aber dieses Mal gibt es keine politischen Gründe, und es ist komplett außerhalb der Schachwelt angekommen", sagte Judith Polgár gegenüber Euronews.

Es wäre ein Durchbruch, drei Frauen in den Top 10 zu haben, als eine weibliche Weltmeisterin
Judit Polgár

Polgárs Vater, Lászlo, hat alle seine drei Töchter zu den besten Schachspielerinnen der Welt erzogen und ihnen sogar Esperanto beigebracht, eine "Weltsprache", die sich nie richtig durchsetzen konnte, um sie intellektuell zu fördern. Sein Motto war, dass Genies gemacht werden, nicht geboren. Es scheint, dass der Erfolg seiner Tochter ihm Recht gegeben hat.

Polgár wurde mit 15 Jahren Großmeisterin und erreichte in der Weltrangliste Platz 8. "Großmeister" ist der höchste vom Weltschachbund FIDE verliehene Titel für Turnierschachspieler. Judith Polgár führte die Frauenrangliste 26 Jahre lang an bis sie 2014 in den Ruhestand ging. Heute fördert sie Bildung durch die Entwicklung von Fähigkeiten, mit einem besonderen Fokus auf Schach als pädagogisches Mittel. Ihre älteren Schwestern, Susan und Sofia, wurden ebenfalls Großmeister und Internationale Schachmeister.

Schachwelt ist in der Realität noch viel sexistischer als im Film

Als "The Queen of Chess" betitelt, hat Polgár zwar selber Vergleiche mit der fiktiven Heldin des Netflix-Dramas Beth Harmon gezogen, aber auch darauf hingewiesen, dass sie von männlichen Konkurrenten viel schlechter behandelt wurde, verglichen damit, was Harmon in der Serie erlebt.

Ihre Kommentare sowie die Serie haben die Debatte über Ungleichheit und Sexismus im Schach ausgelöst. Eine gute Nachricht für einen Sport, in dem eine sexistische Sprache bis heute üblich ist.

In ihrer Karriere schlug Polgár sowohl den britischen Meister Nigel Short, der einmal sagte, dass Männer von Natur aus besser für das Spiel veranlagt seien als Frauen. Auch gegen den mehrfachen Weltmeister Garry Kasparov gewann sie. Er merkte einmal an, dass es nicht in der Natur von Frauen liege, Schach zu spielen.

Beim Schach kommen auf 15 Männer in einem Wettkampf eine Frau. Derzeit befindet sich nur eine Frau unter den 100 besten Schachspielern der Welt: Hou Yifan aus China, ist liegt auf Platz 86.

Gründe für den Gender-Gap im Schach und wie man ihn schließen kann

Polgár hat sich immer geweigert, reine Frauenturniere zu spielen. Sie glaubt nicht, dass getrennte Veranstaltungen für Jungen und Mädchen das Problem des geringeren Anteils an weiblichen Schachspielern lösen werden. Der spanische Journalist und einer der kenntnisreichsten Schach-Kommentatoren in der Welt, Leontxo García, teilt diese Überzeugung.

In den 90er Jahren, so García, hatte der spanische Verband abrupt weibliche Teilnehmer ausgeschlossen, um den zur Schau gestellten Machismus des Spiels einzudämmen. Aber ein paar Jahre später "waren es die Spielerinnen selbst, die ein Manifest schrieben und darum baten, die Entscheidung rückgängig zu machen".

Warum? García betont, dass es gut ist, gemischte Turniere zu haben, solange parallel dazu die nationalen Verbände in die Förderung bei Mädchen investieren. "Traumatische Entscheidungen können die Kluft zwischen weiblichen und männlichen Spielern nur noch vergrößern".

Polgár glaubt, "dass Mädchen manchmal schwächer sind und manchmal besser als die Jungen ihres Alters, besonders wenn sie noch sehr klein sind - ein Alter, in dem sie gerne gemischt spielen."

Mehr Mädchen-Schachvereine könnten helfen

Eines der Kernprobleme hinter diesem Geschlechtergefälle im Schach ist die hohe Zahl von Mädchen, die nach dem 10. Lebensjahr aufhören. Deshalb, so Polgár als auch García, werden mehr Mädchenschachvereine benötigt.

"Eigentlich gibt es sogar mehr Mädchen, die Schach spielen, wenn sie sehr jung sind, zwischen 6 und 10. Aber danach, im Alter von 10 oder 11 Jahren, hören sie irgendwann auf - sei es denn, sie finden einen Mädchenclub", sagt Polgár gegenüber Euronews. "Es ist sehr schwierig für ein Mädchen, mitzuhalten, wenn sie die Einzige im Raum ist zusammen mit den anderen Jungen - besonders in diesem Alter, wenn sie andere Mädchen brauchen, um sich wohl zu fühlen."

AP Photo
Die 17-jährige Judit Polgar notiert ihren ersten Zug am 16. Februar 1993 in einer Partie mit dem russischen Schachmeister Boris Spassky in BudapestAP Photo

Aber unabhängig vom Geschlecht haben es diejenigen, die eine Profikarriere im Schach anstreben, schwer, ihren Lebensunterhalt nur durch ihr Spiel zu bestreiten.

"Die Top-20-Spieler der Welt haben keine Gehälter, die sich mit denen eines Weltrang-Tennisspielers vergleichen lassen, können aber komfortabel davon leben. Wenn aber aber nicht zu den Top 50 der Welt gehört, muss man eine zweite Einnahmequelle haben, wenn man Schach als Beruf ausüben will", so Experte Leontxo García.

Wie kommen die Frauen an die Spitze?

Eva Repkova, slowakische Großmeisterin und Vorsitzende der Kommission für Frauen beim Internationalen Schachverband, hat gesagt, dass es ihrer Meinung nach nicht unmöglich ist, eines Tages eine weibliche Weltmeisterin zu haben, aber die Wahrscheinlichkeit sei nicht besonders groß.

Polgár glaubt, dass es ein viel größerer Durchbruch wäre, drei Frauen in den Top 10 zu haben, als eine weibliche Weltmeisterin.

"Es gibt viele Dinge, die stimmen müssen - deine Leidenschaft, dein Wissen, dein Team, deine Trainer, du selbst, deine psychologische Entwicklung, deine physische Vorbereitung, die zeitlichen Möglichkeiten und so weiter. Im Moment hat es [die Nummer 1 zu werden] nichts mit dem Geschlecht zu tun. Weltmeister zu werden, das passiert auch nur sehr, sehr wenigen Männern."

PETER KOHALMI/AFP
Kinder lernen in der "Brumi"-Vorschule in Budapest mit der Lehrmethode von Judit Polgars Schach zu spielenPETER KOHALMI/AFP

Die meisten registrierten Mitglieder der Chess.com-Plattform, die weltweit einen 200%igen Zuwachs an neuen Spielern verzeichnen konnte, kommen aus Europa.

"Wir haben im März unseren ersten weltweiten Boom erlebt", sagt Barton. "Auch die Zahl der Anfängerstunden steigt in Europa um das Fünffache. Frauen verbringen mehr Zeit auf Chess.com als Männer. Vielleicht sind sie geduldiger in ihrem Lernprozess."

Experte Leontxo García rechnet damit, dass sowohl das männliche als auch das weibliche Schach dank der Lockdowns eine glänzende Zukunft vor sich hat. "Es ist der einzige Sport - zusammen mit Bridge - der online ausgeübt werden kann. Die Welt braucht Schach jetzt mehr denn je, weil es immer mehr Menschen gibt, die weniger denken und weniger anspruchvoll."

"Schach ist nur im Prinzip statisch", so García weiter. "Das Innenleben eines Schachspielers ist faszinierend, es ist ein Kampf des Gehirns, und deshalb sind so viele Kino- und Theaterregisseure davon fasziniert. Es ist eine kreative Goldgrube, ohne dass man dem Drehbuch Drogensucht, Alkoholismus und Wahnsinn hinzufügen muss, wie es in The Queen's Gambit" geschehen ist.

Die Zeit ist reif - Eltern können ihren Mädchen Schachbretter schenken

Der Internationale Schachverband (FIDE) hat sein Interesse an einer Teilnahme an den Olympischen Spielen 2024 oder 2028 bekundet.

Eltern können ihren Töchtern jetzt ruhig Schachbretter schenken, meint Polgár, die Zeit sei reif dafür. Und Trainern rät sie, sollten die Mädchen dazu inspirieren, auf ihrem Niveau zu spielen, anstatt sich durch ihr Geschlecht zurückhalten zu lassen.

"Ich möchte, dass sie die gleiche Inspiration und die gleichen Möglichkeiten und Chancen für Mädchen wie für Jungen bieten. Wenn Trainer ein talentiertes siebenjähriges Mädchen sehen, sollten sie ihm nicht sagen, dass sie Weltmeisterin bei den Damen werden könnte. Sie sollten dem Mädchen sagen, dass sie die Beste der Welt werden könnte."