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Karikaturenstreit: In den Niederlanden haben Lehrer Angst um ihr Leben

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Karikaturenstreit: In den Niederlanden haben Lehrer Angst um ihr Leben
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Die brutale Ermordung des Lehrers Samuel Paty hat Frankreich zutiefst erschüttert. Doch die Folgen dieser Tat sind auch in anderen Ländern spürbar.

Der Geschichtslehrer Paty wurde enthauptet, nur, weil er seinen Job gemacht macht. Während einer Unterrichtsstunde, in der es um Meinungsfreiheit ging, zeigte er umstrittene Karikaturen des im Islam wichtigsten Propheten Mohammed. Auch in den Niederlanden fürchten Lehrer um ihr Leben, weil sie dieselbe Art von Unterricht praktizieren.

Ein Lehrer, der in der Emmaus-Schule in Rotterdam arbeitet, ist schon seit Wochen nicht mehr zum Dienst erschienen. Nach der Gedenkfeier der Schule für Samuel Paty hatte er Drohungen erhalten, seitdem ist er untergetaucht. Schülern fiel eine Karikatur auf, die sich auf die französische Satirezeitung Charlie Hebdo bezog und die seit fünf Jahren in seinem Klassenzimmer hängt.

Neue Debatte nun in der Niederlande

Ein Schüler findet, dass der Lehrer nur seine Meinung geäußert hat. Wenn man damit nicht einverstanden sei, könne man ja auch darüber reden und ihn höflich bitten, es wieder zu entfernen, meint er. Die Meinung einer anderen Schülerin lautet: "Etwas Positives über Religion zu zeigen, ist gut - doch Karikaturen sind meist negativ." Ein weiterer Schüler sagt, dass es nicht angemessen sei, die Karikaturen in der Schule zu zeigen, vor allem wenn es Kinder gebe, die gläubig seien.

Auf der Karikatur, die die Debatte in den Niederlanden neu entfacht hat, ist ein kopfloser Karikaturist von Charlie Hebdo zu sehen. Dieser streckt einem Dschihadisten, der ein blutiges Schwert schwingt, die Zunge heraus. Die Karikatur trägt den Titel "Unsterblich".

Einige Schüler haben in dem gezeichneten Dschihadisten fälschlicherweise den Propheten Mohammed gesehen. Das Foto von der Karikatur im Klassenzimmer des Lehrers wurde, kurz nach der Gedenkfeier für Samuel Paty, in den sozialen Medien gepostet. Es kam zu Drohungen – eine Schülerin wurde verhaftet. Von der Emmaus-Schule gab es dazu auf Anfrage keinen Kommentar.

"Provokation muss ein Ziel haben"

Euronews wollte mit acht Moscheen und ebenso vielen Schulen sprechen, doch niemand wollte über Karikaturen und über Meinungsfreiheit diskutieren. Schließlich erklärte sich ein Lehrer einer anderen Schule bereit, mit uns zu sprechen. Zwar fühle er sich nicht unsicher, er bat aber darum, anonym zu bleiben. Wir diskutierten darüber, ob Karikaturen in der Schule gezeigt werden sollten.

Provokation müsse ein Ziel haben, meint der Pädagoge. "Wenn es die Absicht ist, zu schockieren und dann mit den Kindern über diese Dinge zu sprechen, ist das vielleicht okay. Wir reden auch über Sex und auch über Pornofilme, doch ich zeige diese Filme nicht. Wir können darüber reden, ohne die Bilder anzusehen."

Streit um Blasphemiegesetz

Zwei niederländische Imame haben gefordert, das im Jahr 2013 abgeschaffte Blasphemiegesetz wieder einzuführen. Andere meinen jedoch, die Meinungsfreiheit müsse um jeden Preis geschützt werden. Dafür setzt sich Dilan Yeşilgöz-Zegerius von der konservativen Partei VVD ein. Sie sagt, dass man härter gegen Personen vorgehen will, die Karikaturisten, Journalisten, Anwälte und Richter bedrohen.

Doch was sagen die Karikaturisten? Wir haben mit dem Chefredakteur der Website Cartoon Movement, einer globalen Plattform für Pressekarikaturen und grafischen Journalismus, Tjeerd Royaards, gesprochen und gefragt, ob es Einschränkungen für seine Arbeit geben sollte.

Wenn man Satire macht und Karikaturen erstellt, bewegt man sich am Rande der Meinungsfreiheit, man will erkunden, wo hier die Grenzen liegen. Heute kommt erschwerend hinzu, dass Gewalt eine Rolle spielt, wenn man über Konsequenzen für Karikaturen spricht. Aber ich glaube nicht, dass es hilft, neue Grenzen zu setzen, denn die Übergänge sind fließend.
Satiriker entscheiden selbst, wann sie über ein Thema zeichnen und wann sie es nicht tun. Sie haben Vorlagen, an denen sie sich orientieren. Die Freiheit der Meinungsäußerung ist nicht grenzenlos.
Tjeerd Royaards
Chefredakteur "Cartoon Movement"

Charlie Hebdo ist nicht der Ort, an dem alles begann. Die dänische Zeitung Jyllands-Posten war die erste, die im Jahr 2005 Karikaturen über den Propheten Mohammed veröffentlichte. Das französische Satiremagazin veröffentlichte sie erneut und fügte weitere hinzu.

"Das ist keineswegs eine Provokation", sagt Philippe Val, ehemaliger leitender Redakteur bei Charlie Hebdo. Die Ausübung des Rechts auf Karikatur- und Pressefreiheit sei keine Provokation.

Jeder weiß, was danach geschah. Der Anschlag auf Charlie Hebdo im Jahr 2015 war der Beginn einer Reihe von dschihadistischen Anschlägen, die in Europa rund 400 Menschenleben forderten, mehr als 200 allein in Frankreich.

Terrorserie in Europa

Samuel Paty war einer von ihnen und es war kein Einzelfall. Nur Wochen später wurden in Nizza drei Menschen bei einem islamistischen Terroranschlag in einer katholischen Kirche getötet. In Wien wurden Anfang Dezember bei einer Schießerei in der Nähe einer Synagoge vier Menschen getötet. Der sogenannte Islamische Staat bekannte sich dazu.

Doch wie verbreitet ist der radikale Islam in den Niederlanden? Lassen sich hier Terroranschläge einfach vorbereiten? Wir haben diese Frage der muslimischen Organisation "Plattform für islamische Organisationen in Rijnmond", die insgesamt 70 Moscheen im Großraum Rotterdam vertritt, gestellt. Ihre Aufgabe ist es zwischen dem Islam und säkularen Institutionen zu vermitteln.

"Ich kann nicht hundertprozentig versichern, dass das hier nie passieren wird", sagt Zakaria Chiadmi. "Wir hatten unseren Anteil an Vorfällen in den Niederlanden. Einzelkämpfer waren dafür verantwortlich, nicht direkt die muslimische Gemeinschaft.“

Der Mord an einer der umstrittensten und berühmtesten Figuren des Landes ist immer noch in aller Munde. Vor 16 Jahren wurde der Filmregisseur und Produzent Theo Van Gogh getötet. Das holländische "Enfant terrible" bezahlte für seine Provokationen gegen den Islam mit dem Leben.

Die Kolumnistin Ebru Umar hat jahrelang mit Van Gogh zusammengearbeitet. Sie tritt vehement für Meinungsfreiheit ein. Sie musste damit klarkommen, dass diese mit einem Preis verbunden ist.

Alles, was wir geschrieben haben, hat Spaß gemacht, aber es war auch eine Herausforderung. In dem, was wir geschrieben haben, steckte Humor. Wir hätten nie gedacht, dass jemand aus religiösen islamischen Gründen morden würde. Dann ist es passiert.
Ebru Umar
Kolumnistin

Frankreichs Kampf gegen den Islamismus

Van Gogh bewegte sich am rechten politischen Rand. Er polarisierte, wie etwa mit seinem Dokumentarfilm über Frauen und den Islam. Seine expliziten, provokativen Szenen waren der Auslöser für den Mord durch einen in den Niederlanden geborenen Muslim. Ebru Umar prangert das Schweigen an, das nach solchen Ereignissen entsteht: "Es ist jetzt in Frankreich passiert, aber eines Tages wird es auch hier passieren. Wir ignorieren es einfach und halten die Klappe, solange es nicht vor der eigenen Tür geschieht."

In den Jahren 2005 und 2006 brachen in der gesamten muslimischen Welt gewaltsame Proteste aus, nachdem die Karikaturen veröffentlicht wurden. Hunderte Menschen wurden dabei getötet.

Die gleichen Szenen spielen sich auch heute noch ab. Auf die Ankündigung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, hart gegen den radikalen Islam vorgehen zu wollen, reagierten einige muslimische Länder empört. Konsequenzen kündigte Macron sowohl vor, als auch nach dem Tod von Paty an. Hat sich also seit 2015 nichts geändert?

Seit Charlie Hebdo ist es gefährlicher geworden. Es ist unberechenbarer geworden. Wir haben mehr Drohungen wegen unserer Arbeit erhalten. Das Umfeld, in dem Karikaturen entstehen, ist undurchsichtiger und komplexer geworden.
Tjeerd Royaards
Chefredakteur "Cartoon Movement"

Viele Fragen bleiben offen. Muss die muslimische Gemeinschaft ihre Forderung nach einem Blasphemiegesetz überdenken? Oder muss sich die westliche Welt an eine Bevölkerung anpassen, die immer vielfältiger wird?

Journalist • Monica Pinna