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State of the Union: Warum Kinder als erstes geimpft werden sollten

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State of the Union: Warum Kinder als erstes geimpft werden sollten
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Normalerweise bringt eine schlecht vorbereitete und schlecht getimete Dienstreise, von der einem auch noch abgeraten wird, nicht den erhofften Nutzen. Wenn man dazu auch noch politisches Kapital investiert hat, könnte das für immer verloren sein. Eine Erfahrung, die jetzt der EU-Außenbeauftragte machte.

Nach seiner Rückkehr aus Moskau hagelte es für Josep Borrell Kritik. "Erniedrigend" und "katastrophal" waren noch die harmlosesten Charakterisierungen. Borrell ließ sich von seinem russischen Gegenüber Sergej Lawrow nach allen Regeln der Kunst über den Tisch ziehen - und von der Ausweisung dreier EU-Diplomaten durch Moskau erfuhr Borrell auf Twitter, während eines Arbeitsessens mit Lawrow.

Borrell verteidigte sich im Europäischen Parlament, doch mehr als 70 Abgeordnete verlangten seinen Rücktritt oder seine Entlassung. Er war indes nicht der einzige im Mittelpunkt des Interesses.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wurde von den Volksvertretern wegen der langsamen Impfkampagne in die Mangel genommen. Sie räumte Fehler ein, erklärte das langsame Tempo aber mit technischen Erfordernissen.

Die europäische Impfstrategie ist aus vielerlei Gründen kritisiert worden. Einer davon ist, wer wann geimpft wird - und wer die Impfung als erstes erhält.

Dazu das folgende Interview mit Professor Julian Tang, Virologe an der Universität Leicester.

Euronews: Sie haben kürzlich geschrieben, dass die Impstrategie falsch angelegt sei, weil wir nicht junge Menschen impfen, sondern nur Senioren und medizinisches Personal. Was ist ihr Argument?

Tang: Dahinter steht die Idee, junge Menschen immun zu machen, um Ältere zu schützen. Wenn junge Menschen keinen Virus mehr in sich haben, sind die Älteren keiner Gefahr mehr ausgesetzt. Außerdem kann bei einer Immunisierung der Jüngeren die Wirtschaft wieder aktiv werden, Geschäfte können wieder geöffnet und Dienstleistungen angeboten werden, die von Älteren normalerweise genutzt werden. Und wenn alle Jüngeren geimpft sind, gibt es keine Infektionsquelle mehr, an der sich die Älteren anstecken könnten. Dies löst zwei Probleme, das der Wirtschaft und das von Schulen und Universitäten.

Euronews: Sie sagen, Jungen den Vorrang zu geben hat keine negativen Folgen für die Älteren - warum nicht?

Tang: Wenn man die Ansteckungsquelle für ältere Menschen immunisiert, dann sind Kinder und junge Erwachsene keine Gefahr mehr für die Älteren. Die Älteren sind dann zwar noch nicht selbst immun, doch gibt es kein Virus mehr, an dem sie sich anstecken könnten. Es wäre also eine zweigleisige Strategie, Senioren zu schützen und die Jungen zu impfen, damit sie Ältere nicht anstecken können. Außerdem sinkt das Risiko für die Jüngeren, denn sie haben ja normalerweise mehr Kontakte als Ältere.

Euronews: Wir kennen es, Familien sind zu Hause eingeschlossen und müssen irgendwie Kinder und Teenager bei Laune halten. Die Lockdowns sind aber auch hart für Jugendliche. Sehen sie langfristige Folgen für Kinder, wenn sie so lange eingeschlossen sind?

Tang: Ich habe gemischte Reaktionen gehört. Kinder, die den Umgang mit iPads und Computern gewohnt sind und die eine gute Internet-Verbindung haben, sind ok. Sie spielen virtuelle Spiele und halten virtuelle Chats mit anderen. Es ist für sie also einfacher als für Kinder, die keinen Zugang zu Computern und zum Internet haben und die nur persönliche Kontakte gewohnt sind.

Das Ganze ist natürlich eine Frage der Erziehung. Wenn man in einem IT-Haushalt aufwächst, in dem Kinder Online-Kontakte mögen, das ist das kein Problem. Wenn nicht, werden Kinder eher Traumata erleiden - ebenso ihre Eltern.