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"Niemand hat den Syrienkrieg gewonnen, alle haben verloren"

Von Anelise Borges  & Sabine Sans
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Der Krieg in Syrien hat die Hälfte der Bevölkerung aus dem Land vertrieben. Millionen Syrer überquerten die Grenzen. Sie flüchteten vor dem Töten und Verstümmeln. In den vergangenen 10 Jahren strandeten schätzungsweise 1,4 Millionen Menschen in Europa.

Als Tänzer hatte der 31-jährige Dorado Jadiba schon immer von Auftritten in Frankreich geträumt. Er konnte es nicht fassen, als er 2018 nach langer Flucht endlich dort ankam:

"Als ich in Paris ankam, bin ich 8 Stunden lang gelaufen - ich bin einfach nur gelaufen. Ich konnte es nicht begreifen - bin ich wirklich in Frankreich? Wirklich, ich konnte es nicht fassen!"

Durch 8 Länder zu Fuß von Griechenland nach Frankreich

Für Dorado Jadiba war es ein langer Weg in ein sicheres Leben. Der 31-Jährige verließ seine Heimatstadt Damaskus, die Hauptstadt Syriens, kurz nach dem Ausbruch des Konflikts. Er erzählt:

"Mein Viertel, Jarmuk, wurde von einem Flugzeug überflogen, das eine Bombe abwarf. Auf dem Boden explodierte sie, alles war voller dieser kleinen Dinger – ich weiß nicht, wie man dazu sagt. Etwas traf mich am Rücken, direkt neben meiner Wirbelsäule. Und ich wurde am Bein verletzt. Was hätte ich tun sollen? Ich hatte die Wahl zwischen sterben oder fortgehen."

Der durch Schrapnelle verwundete Dorado Jadiba flüchtete durch den Libanon, den Iran und die Türkei. Er war zwei Monate in einem Flüchtlingslager in Griechenland. Auf dem weiteren Weg wurde er mehrmals illegal zurückgeschickt:

"In Kroatien hat mich die kroatische Polizei den ganzen Weg zurück nach Serbien gebracht. Ich war verzweifelt und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wollte zurück nach Kroatien, also schlug ich mich nach Bosnien durch und von dort wieder nach Kroatien. Dann kam ich nach Slowenien. Dort fragte mich die Polizei, ob ich Asyl beantragen wolle. Und ich sagte, nein, ich will nach Frankreich. Sie schoben mich nach Kroatien ab, und dort schickte man mich wieder nach Serbien zurück."

Syrien - der endlose Krieg

Dorado Jadiba ist auf der Flucht und der Krieg in seinem Heimatland findet kein Ende. In den vergangenen zehn Jahren sind mehrere Versuche, eine Lösung für den Syrienkrieg zu finden, gescheitert: Von Initiativen der Arabischen Liga bis hin zu Gesprächen, die von Russland, der UNO und Kasachstan vermittelt wurden - nichts führte zum Erfolg. Zehn Jahre nach dem Beginn eines Konflikts, der Hunderttausende Menschenleben forderte, ist Syrien heute ein geteiltes Land: in ein vom Regime kontrolliertes Gebiet im Süden, ein von den Kurden verwaltetes Gebiet im Osten und ein von der Türkei unterstütztes Widerstandsnest im Nordwesten.

Assad: ein verworrenes Netz an Allianzen

Inzwischen scheint der Mann, den die Menschen ursprünglich loswerden wollten, unbezwinglich zu sein: Bashar al Assad festigt seine Macht durch ein verworrenes System an Allianzen mit ausländischen Nationen, die irgendwann die Gefallen einfordern werden, die sie sich durch ihre Unterstützung verdient haben. Das wird Assad teuer zu stehen kommen, aber er gibt sich siegessicher.

"Niemand hat diesen Krieg gewonnen", meint Dorado Jadiba. _"Wir haben eine Menge Dinge verloren. Wir alle haben sehr viel verloren. Ich habe viele meiner Freunde verloren, ich habe meinen Cousin verloren. Alle syrischen Familien haben jemanden verloren."
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Der allgegenwärtige Rassismus

Das Schwierigste bei dem Versuch, sich irgendwo wieder ein Leben aufzubauen, ist laut Dorado Jadiba der allgegenwärtige Rassismus:

Der Tänzer hat gerade eine Berufsausbildung als Sportlehrer abgeschlossen und hofft, bald arbeiten zu können - und etwas von dem zurückzugeben, was Frankreich ihm gegeben hat:

"Dieses Land hat seine Arme weit für mich geöffnet. Von Anfang an. Es gibt hier Menschen, die mich unterstützen. Deshalb hoffe ich natürlich, dass die Franzosen eines Tages sagen: 'Das ist der Mann, den wir brauchen' oder 'Das ist der Mann, nach dem wir gesucht haben'."