Wieder ans Licht gewöhnen: Spanische "Höhlenfrau" verbringt 500 Tage unter der Erde

Beatriz Flamini vor dem Start ihrer 500-Tage-Challenge.
Beatriz Flamini vor dem Start ihrer 500-Tage-Challenge. Copyright Dokumalia
Von Laura Llach
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Beatriz Flamini hat etwas gemacht, was noch nie jemand vor ihr tat: fast 17 Monate isoliert in einer Höhle verbracht. Die Wiedergewöhnung an die Welt stellt die Bergsteigerin vor eine neue Herausforderung.

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Beatriz Flamini wusste, dass sie jeder Versuchung widerstehen musste.

Unter keinen Umständen würde sie ihr neues Zuhause verlassen, nicht einmal, wenn ein Verwandter stirbt.

Die 49-jährige spanische Bergsteigerin saß 70 Meter unter der Erde in einer Höhle in Südspanien und schaffte es, die selbst gestellte Herausforderung zu meistern, 509 Tage ohne Kontakt zur Außenwelt dort zu verbringen.

Als sie am vergangenen Freitag wieder auftauchte, musste sie eine starke Sonnenbrille tragen, um ihre Augen vor der Helligkeit zu schützen.

"Ich hatte mich sehr gut mit mir selbst arrangiert, ich hätte noch ein bisschen länger bleiben können", sagte sie lachend. "Aber ich brauchte dringend eine Dusche."

Ein Jahr, vier Monate und 22 Tage lang lebte sie von der Welt abgeschnitten. Beatriz hatte keine Nachrichten von außen, nicht einmal ein Bewusstsein dafür, wie viele Tage in der Höhle vergangen waren.

Ihre Herausforderung bestand darin, herauszufinden, ob sie in einer "Selbstversorgung", wie sie es nennt, überleben kann, und das Ganze in einem Dokumentarfilm festzuhalten, der von der spanischen Firma Dokumalia produziert wird.

Seit ihrer Rückkehr wird die Bergsteigerin von einem Team aus Psychologen und Ärzten behandelt, die ihren Zustand beurteilen, um ihr zu helfen, sich wieder an das Leben über der Erde anzupassen.

Beatriz war nicht in der Lage, die Fragen von Euronews zu beantworten, da sich ihr Team Sorgen um ihre Gesundheit macht.

Stattdessen erklärte ihr Fitnesstrainer David de Antonio ihre Situation.

"Es ist wichtig zu verstehen, dass Beatriz, als sie die Höhle verließ, auf einmal von null auf hundert Prozent Kontakt kam, und das hat ihr nicht geholfen", sagt de Antonio.

"Dieses ganze Abenteuer wird enden, wenn es ihr wieder gut geht. Ich sehe es so, als hätten wir den Everest bestiegen. Wir sind auf dem Gipfel, und jetzt müssen wir wieder runter", fügt er hinzu.

Instagram Beatriz Flamini
Höhlenleben: Die freiwillige Isolation der Beatriz F.Instagram Beatriz Flamini

500 Tage ohne Kontakt zur Außenwelt

Beatriz ist nicht die erste, die versucht, so lange in einer Höhle zu leben. Bevor sie ihr Abenteuer begann, beschloss sie, sich auf einige zusätzliche Bedingungen einzulassen, um die Erfahrung einzigartig zu machen.

Eine davon war, allein in der Höhle zu bleiben, ohne Zeitangaben.

Die Kletterin hatte keine Ahnung, welcher Tag oder welche Uhrzeit gerade war. Die einzigen technischen Hilfsmittel, die ihr in der Höhle zur Verfügung standen, waren eine Kamera, mit der sie ihr Erlebnis aufzeichnete, und ein Computer mit einem eingeschränkten Betriebssystem.

Das Gerät hatte einen Router und wurde von Beatriz benutzt, um dem Hilfsteam ihre Grundbedürfnisse mitzuteilen. Sie konnte um Wasser oder Essen bitten, wenn sie es für nötig hielt.

Lebensmittel, Glühbirnen und Batterien wurden ihr von Mitgliedern einer örtlichen Höhlenforschergruppe gebracht. Sie hatten zuvor einen Ort vereinbart, an dem sie die Vorräte deponierten, so dass sie sie abholen konnte, ohne jemanden zu sehen.

So sammelten sie Helfer:innen auch ihren Abfall ein.

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Sie ernährte sich überwiegend von Babynahrung, und gelegentlich brachte man ihr besondere Leckerbissen wie ein Stück Obst oder eine Avocado.

"Da sie keine Zeitangaben hatte, konnte sie keine Routine haben. Sie wusste nicht, wann sie essen oder schlafen sollte. Sie konnte nicht berechnen, ob sie vor einer Stunde oder vor einem Tag zu Mittag gegessen hatte. Und sie wusste nicht, ob sie zehn Minuten oder zehn Stunden geschlafen hatte", sagt ihr Trainer.

Das Einzige, was es ihr ermöglichte, die Zeit grob im Auge zu behalten, war ihre eigene Menstruation.

Beatriz kommunizierte nicht täglich mit dem Team, aber die Psychologen nutzten Nachrichten, um ihren psychischen Zustand zu beurteilen und zu erfahren, wie es ihr ging.

Dies war der einzige Kontakt, den sie mit der Außenwelt hatte. Niemand wusste etwas anderes, nicht einmal ihre Familie.

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Während ihrer Erfahrung musste sie schwierige Situationen meistern. Sie litt unter akustischen Halluzinationen und gab an, dass ihr "Gehirn Dinge erfand", weil es in der Höhle still war, und dass sie von Zeit zu Zeit sogar Schreie hörte.

Das Schlimmste war jedoch eine Fliegeninvasion. "Die Fliegen kamen herein und begannen, Larven zu legen, ich konnte sie nicht kontrollieren und wurde von ihnen quasi überschwemmt", sagte sie.

Dokumalia
Beatriz Flamini bereitet ihr Zelt vor.Dokumalia

Technische Probleme

Nach den ersten 300 Tagen musste Beatriz aufgrund eines technischen Problems die Höhle für sechs Tage verlassen.

Sie spürte "das Rauschen des Routers in ihrem Gehirn", eine Anspielung auf das Gerät, mit dem sie in der Höhle mit ihrem Team kommunizierte.

Sie kampierte am Eingang der Höhle, während ein Techniker das Gerät reparierte.

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Nach diesem unvorhergesehenen Ereignis kehrte sie in die Höhle zurück. Ihr Team hatte befürchtet, dass sie nach dem Auftauchen nicht mehr in die Höhle zurückkehren wollte.

"Das Gehirn sucht immer nach Ausreden, um aufzugeben. Dieser Vorfall machte die Sache kompliziert, denn er hätte für Beatriz der perfekte Vorwand sein können, um aufzugeben", sagt de Antonio.

"Wenn man etwas zum ersten Mal tut, ist es einfacher, den Sprung zu wagen, weil man nicht weiß, worauf man sich einlässt. Das Frage ist, ob man das Gleiche noch einmal macht, wenn man weiß, was auf einen zukommt. Die Tatsache, dass sie die Herausforderung annahm, obwohl sie wusste, was sie erwartete, zeigt ihre unglaubliche Willenskraft", fügt er hinzu.

Sie hielt an ihrer Entschlossenheit fest und schaffte es, das Abenteuer zu bestehen.

Dokumalia
Die spanische Bergsteigerin beim Fitnesstraining in der HöhleDokumalia

Genesungsprozess

Am Freitag erfuhr Beatrice, dass in der Ukraine Krieg herrscht, aber die Nachricht, die sie am meisten berührte, war der Tod von Königin Elizabeth II.

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"Man sagte mir, sie sei gestorben", gestand sie den Medien ungläubig.

Die freiwillige Isolation hat ihren Tribut gefordert. De Antonio sagt, dass sie vor dem Betreten der Höhle einen Plan ausgearbeitet haben, um den Schaden zu minimieren.

"Sie areitete mit Psychologen, wie sie mögliche Situationen in der Höhle antizipieren kann", sagt er.

Sie erstellten auch einen Trainingsplan, damit sie ihre körperliche Form nicht verliert, zumal Beatriz als Sportlerin sehr fit war.

Im Moment versuchen sie, sie wieder in den natürlichen Kreislauf der Dinge einzubinden.

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"Niemand hat so lange kein Licht mehr bekommen. Die Frage, die sich ihre Trainer jetzt stellen, ist, wie man die Rhythmen auf gesunde Weise wieder aufnehmen kann", sagt sie.

De Antonio bezeichnet den Erholungsprozess der Bergsteigerin als Experiment.

"Da noch niemand so etwas gemacht hat, haben wir kein Beispiel, dem wir folgen können. Die Ärzte werden nie einen Fall wie den von Beatriz kennenlernen, aber sie schauen sich ähnliche Fälle an, um sie behandeln zu können".

Diese 500 Tage in der Dunkelheit waren ein "kontrollierter Wahnsinn", wie es der Ausbilder beschreibt. "Eine Höhle ist ein sehr lebensfeindlicher Ort, er ist nicht ohne Weiteres mit menschlichem Leben vereinbar."

Während dieser Zeit, so die Bergsteigerin, habe sie nie ans Aufhören gedacht, aber ihr Trainer fragt sich schon, wie sie das geschafft hat.

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"Ich weiß nicht, was ihr durch den Kopf ging, ich weiß nicht, ob sie jemals darüber nachgedacht hat, das ist etwas, das sie uns in Zukunft erzählen muss", sagt er.

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