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Venezuela als Signal für Teheran? Was der Sturz von Verbündeten für den Iran bedeutet

Ali Khamenei und Nicolas Madur treffen sich in Teheran
Ali Khamenei und Nicolas Madur treffen sich in Teheran Copyright  khamenei.ir
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Von Babak Kamiar
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Der Machtverlust langjähriger Partner wie in Venezuela fällt für Teheran in eine Phase wachsender wirtschaftlicher und sozialer Spannungen. Äußerer Druck, innere Unzufriedenheit und geopolitische Umbrüche verstärken sich gegenseitig.

Obwohl die Neujahrsfeiertage noch nicht vollständig vorbei waren, wiesen einige Nutzer sozialer Medien auf einen auffälligen Anstieg der Pizzalieferungen rund um das Pentagon in den frühen Morgenstunden des Samstags hin. In informellen Online-Kreisen gilt dieses Phänomen seit Jahren als möglicher Hinweis auf bevorstehende US-Militäroperationen.

Unabhängig von der Überzeichnung solcher Beobachtungen richtet die Gleichzeitigkeit mehrerer geopolitisch relevanter Entwicklungen erneut den Blick auf die US-Außenpolitik und ihre Auswirkungen auf Verbündete und Gegner Washingtons – von Venezuela über den Iran und Syrien bis darüber hinaus.

Trump, der Jahresbeginn und vertraute Botschaften

Auch in den ersten Tagen des neuen Jahres verzichtete US-Präsident Donald Trump nicht auf deutliche Botschaften gegenüber der Islamischen Republik Iran. Diese fielen zeitlich zusammen mit wichtigen Entwicklungen in Lateinamerika und Afrika: vom direkten Angriff auf Caracas und dem Sturz von Nicolás Maduro bis hin zu Militäroperationen gegen Stellungen des sogenannten „Islamischen Staates“ im Norden Nigerias, die offenbar auf Ersuchen der dortigen Zentralregierung durchgeführt wurden.

Einige Analysten verweisen darauf, dass Iran, Venezuela und Nigeria zugleich energiepolitisch relevant sind. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die Vereinigten Staaten angesichts der angespannten Lage auf den globalen Energiemärkten versuchen, ihren Einfluss im Ölsektor auszubauen und möglicherweise auch die OPEC indirekt zu beeinflussen. Vertreter der venezolanischen Ölindustrie erklärten jedoch, dass die wichtigsten Förderanlagen des Landes – die über die weltweit größten nachgewiesenen Ölreserven verfügen – nicht beschädigt worden seien und Produktion sowie Raffination fortgesetzt würden.

Der Sturz Maduros: mehr als ein regionaler Umbruch

Der Sturz von Nicolás Maduro wird in Venezuela nicht nur als innenpolitischer Einschnitt wahrgenommen. Für Teheran besitzt das Ereignis eine doppelte Bedeutung, da Venezuela in den vergangenen Jahren zu den engen Verbündeten des Iran zählte. Beide Länder hatten eine umfassende Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Energie und Sicherheit aufgebaut – von den engen Beziehungen während der Präsidentschaft Mahmud Ahmadinedschads und Hugo Chávez’ bis hin zu groß angelegten wirtschaftlichen und logistischen Projekten.

Diese Kooperation, die in vielen Fällen mit milliardenschweren iranischen Investitionen einherging – insbesondere durch Organisationen mit Nähe zur Revolutionsgarde –, beruhte weitgehend auf ideologischer Nähe und gemeinsamer Opposition gegenüber den USA. Nach dem Sturz der Maduro-Regierung ist das Schicksal dieser Investitionen sowie offener finanzieller Forderungen des Iran ungewiss, zumal Teheran selbst unter einer schweren Wirtschaftskrise und einem Mangel an Devisen leidet.

Proteste im Iran und internationale Parallelen

Die Entwicklungen fallen in eine Phase erneuter Straßenproteste im Iran, die durch öffentliche Unterstützungsbotschaften Trumps zusätzliche Aufmerksamkeit erhielten und sich auf zahlreiche Städte ausweiteten. Der zeitgleiche Zusammenbruch einer strategischen Allianz in Lateinamerika und die Zuspitzung der Lage im Iran werden von vielen Beobachtern nicht als Zufall betrachtet.

Insbesondere nach dem sogenannten Zwölf-Tage-Krieg und dem, was einige Analysten als sicherheitspolitische Schwachstellen im iranischen Verteidigungssystem beschreiben, kamen vereinzelt – teils unbelegte – Spekulationen über eine erhöhte Verwundbarkeit der politischen Führung auf.

Reaktion der iranischen Führung

Vor diesem Hintergrund bekräftigte Irans oberster Führer Ali Khamenei erneut seine bekannte Unterscheidung zwischen „Demonstranten“ und „Unruhestiftern“. Er warnte, dass der Staat angesichts vermeintlicher Versuche, das System zu untergraben, nicht zurückweichen werde. Ob diese Positionierung vor oder nach dem Sturz Maduros erfolgte, ist unklar. Die zeitliche Nähe beider Ereignisse wurde jedoch von vielen Beobachtern als bemerkenswert gewertet. Bei einer Ansprache am Samstag erklärte Khamenei, er werde „den Feind in die Knie zwingen“.

Von Damaskus bis Caracas: die Rolle Moskaus

Die Erfahrungen in Syrien und Venezuela – beides Länder, die politisch und militärisch von Russland unterstützt wurden – haben neue Fragen zur Rolle Moskaus in globalen Machtkonstellationen aufgeworfen. Beide Regierungen brachen trotz russischer Unterstützung vergleichsweise abrupt zusammen.

Dies veranlasste einige Analysten zu Spekulationen über mögliche größere Abkommen zwischen Weltmächten, bei denen das Schicksal regionaler Verbündeter Teil geopolitischer Tauschgeschäfte sein könnte – von der Ukraine bis zum Nahen Osten. In solchen Szenarien gilt auch der Iran nicht als Ausnahme.

Abhängigkeit vom Osten – Schutz oder Risiko?

Der Iran hat seine Abhängigkeit von Russland in den vergangenen Jahren deutlich vertieft; beide Länder unterzeichneten sogar ein Abkommen über langfristige Zusammenarbeit. Experten weisen jedoch darauf hin, dass diese Partnerschaft für den Kreml nicht zwingend von dauerhaftem strategischem Wert sei und Teheran bei veränderten Interessenlagen leicht an Bedeutung verlieren könnte.

Während des Zwölf-Tage-Krieges blieb Russlands Unterstützung für den Iran weitgehend politischer und diplomatischer Natur. Anzeichen für eine konkrete militärische Abschreckung gab es nicht. Moskau vermied es, die Spannungen mit den USA und Israel weiter zu verschärfen, und beschränkte sich auf allgemeine Appelle zur Zurückhaltung – ein Vorgehen, das in Teilen des Iran als Ausdruck russischer Interessenpriorisierung wahrgenommen wurde. Dennoch bleibt Teheran auf Moskau angewiesen, weniger aus Vertrauen als mangels Alternativen unter den Bedingungen internationaler Isolation.

Chinas pragmatischer Blick

Auch Chinas Haltung gegenüber dem Iran wird zunehmend als pragmatisch beschrieben. Peking nutzt Teheran – ähnlich wie Moskau – vor allem als geopolitischen Faktor und Energiequelle, vermeidet jedoch in kritischen Phasen kostspielige Unterstützung oder direkte Konfrontationen mit den USA. Diese Haltung relativiert die Vorstellung vom „Osten“ als verlässlichem Gegenpol zum Westen. Innerhalb Irans zeigt sich dabei eine Spaltung zwischen jenen, die China als Entwicklungsmodell betrachten, und anderen, die weiterhin auf Russland setzen.

Wirtschaftliche Krise und verspätete Versprechen

All diese Faktoren lasten auf einer iranischen Wirtschaft, die unter Sanktionen, hoher Inflation und massivem Kaufkraftverlust leidet. Kritiker bemängeln, dass staatliche Reformversprechen häufig kurzfristig angelegt seien und zu spät kämen, um strukturelle Probleme zu lösen. In der öffentlichen Debatte werden solche Maßnahmen zunehmend als symbolisch wahrgenommen – mit begrenzter Wirkung in einer sich weiter zuspitzenden wirtschaftlichen Lage.

Bashar al-Assad und Wladimir Putin
Bashar al-Assad und Wladimir Putin AP

Welche Botschaft haben diese Entwicklungen für Teheran?

Der Sturz von Regierungen, die in den vergangenen Jahren enge und freundschaftliche Beziehungen zur Islamischen Republik unterhielten – von Baschar al-Assad in Syrien bis zu Nicolás Maduro in Venezuela –, wirft unweigerlich die Frage auf, welche Botschaft diese Entwicklungen für Teheran haben.

Handelt es sich dabei lediglich um die Folge spezifischer innerer Umstände in den jeweiligen Ländern? Oder deuten sie auf eine veränderte Haltung der Großmächte gegenüber ihren langjährigen Verbündeten hin? Die Antworten darauf bleiben offen. Sicher ist jedoch, dass das Zusammenspiel aus äußerem Druck, inneren Unruhen und dem Wegbrechen politischer Partner die Islamische Republik in eine der komplexesten politischen und wirtschaftlichen Phasen der vergangenen Jahre geführt hat.

Eine Krise mit langer Vorgeschichte

Die jüngsten Proteste im Iran, ausgelöst durch eine tiefe Wirtschaftskrise und den fortschreitenden Verlust grundlegender Lebenssicherheit, gelten nicht als plötzliche oder unvorhersehbare Ereignisse. Sie sind weniger das Ergebnis eines singulären Schocks als vielmehr das Resultat einer langjährigen Akkumulation wirtschaftlichen Drucks, chronischer Instabilität und einer schrittweisen Erosion des öffentlichen Vertrauens – eine Krise, deren Ausbruch früher oder später zu erwarten war.

Neben anhaltend hoher Inflation, dem kontinuierlichen Wertverlust der Landeswährung und einem deutlichen Rückgang der Kaufkraft hat insbesondere die weit verbreitete Wahrnehmung struktureller Korruption zur Verschärfung der sozialen Unzufriedenheit beigetragen. Hinzu kommt eine wachsende soziale Kluft, die sich nicht nur in Einkommensunterschieden äußert, sondern auch im Zugang zu Chancen, im Lebensstil und im Ton des offiziellen Diskurses gegenüber der Bevölkerung. Dieser steht aus Sicht vieler Bürger zunehmend im Widerspruch zum Verhalten weiter Teile der politischen und wirtschaftlichen Elite.

In den vergangenen Jahren sorgten immer wieder Berichte und Bilder über Vermögensverhältnisse oder den Lebensstil einflussreicher Persönlichkeiten für öffentliche Empörung – etwa Enthüllungen über finanzielle Aktivitäten von Kazem Siddiqui, dem früheren Freitagsimam von Teheran, oder die breite Debatte über die kostspielige und als „unislamisch“ kritisierte Hochzeit der Tochter von Ali Shamkhani, dem ehemaligen Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats. Auch wenn diese Fälle jeweils nur kurzzeitig im Fokus der Öffentlichkeit standen, blieben sie für viele als Symbole eines tieferliegenden Problems präsent.

Tatsächlich handelt es sich dabei weniger um Einzelfälle als um sichtbare Ausprägungen eines strukturellen Phänomens. Dessen Fortdauer und Wiederholung haben die gesellschaftliche Toleranz schrittweise untergraben.

Eine Gesellschaft zwischen äußerem Druck und innerer Erosion

Die iranische Gesellschaft befindet sich heute in einer widersprüchlichen Lage. Einerseits ist sie geprägt von der historischen Erfahrung von Krieg, Sanktionen und externen Bedrohungen und reagiert entsprechend sensibel auf Instabilität. Andererseits sieht sich ein erheblicher Teil der Bevölkerung einer Staatsführung gegenüber, die aus ihrer Sicht bei der Bewältigung wirtschaftlicher Probleme, der wirksamen Bekämpfung von Korruption und der Entwicklung einer glaubwürdigen Zukunftsvision weitgehend versagt hat – und in manchen Fällen selbst Teil des Problems ist.

Die Gleichzeitigkeit von äußerem Druck und innerer Erosion hat ein Umfeld geschaffen, in dem frühere Instrumente des Krisenmanagements und gesellschaftlicher „Befriedung“ zunehmend an Wirksamkeit verlieren.

Vor diesem Hintergrund lassen sich die aktuellen Wirtschaftsproteste nicht allein als Reaktion auf steigende Preise oder Währungsschwankungen verstehen. Sie sind vielmehr Ausdruck einer tieferliegenden Strukturkrise, die sich über Jahre hinweg aufgebaut hat und bei nahezu jedem wirtschaftlichen, politischen oder sicherheitspolitischen Schock erneut zutage treten kann.

Beobachter ziehen dabei zunehmend Parallelen zu anderen Staaten mit großen Ressourcen, aber schwacher staatlicher Handlungsfähigkeit – ein Vergleich, der zuletzt auch in öffentlichen Äußerungen iranischer Oppositioneller aufgegriffen wurde. Zugleich rief der israelische Oppositionspolitiker Jair Lapid die iranische Führung dazu auf, die Entwicklungen in Venezuela aufmerksam zu verfolgen.

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