Der Kreml betont, dass keine dritte Partei die Beziehung zwischen Russland und dem Iran ändern könne. Im Euronews-Interview erklärt Nikita Smagin, warum die beiden Länder trotz dieser Fassade strategische Partner und nicht Verbündete sind.
Vor genau einem Jahr schlossen Russland und Iran ein Abkommen über eine strategische Partnerschaft. Zu den Kernpunkten zählen die militärische Zusammenarbeit und die Wirtschaft, insbesondere der Energiesektor. Ziel ist es auch, die Auswirkungen internationaler Sanktionen abzumildern.
Heute, angesichts massiver Proteste gegen das Regime der Ayatollahs und US-Ankündigungen einer harten Antwort auf Gewalt gegen Demonstrierende, mehren sich Spekulationen über einen möglichen Machtwechsel im Iran und einen Kollaps der Islamischen Republik.
Wie geht es weiter zwischen Moskau und Teheran?
Der Kreml schwieg fast zwei Wochen. Am Donnerstag erklärte Russlands Außenminister Sergej Lawrow, dass"keine dritte Seite den grundlegenden Charakter der Beziehungen" zwischen beiden Ländern verändern könne.
Am 13. Januar äußerte sich auch die Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa erstmals und kommentierte die Lage in Iran. Wie erwartet gab sie dem "illegalen Sanktionsdruck des Westens" die Schuld. Dieser verursache wirtschaftliche und soziale Probleme, sagte sie. Zudem nutze man die "gesellschaftliche Anspannung", um den iranischen Staat zu destabilisieren und zu zerstören. Sacharowa wiederholte auch bekannte Kreml-Thesen zu den sogenannten "Farbrevolutionen".
Darunter versteht man unbewaffnete, meist friedliche, jedoch nicht immer gewaltfreie Revolutionen, die nach einer Farbe oder Pflanze benannt wurden, etwa die Rosenrevolution in Georgien oder die Orangene Revolution in der Ukraine.
Politikanalyst Nikita Smagin sagte im Gespräch mit Euronews, Russland habe seit Beginn der Proteste "sehr vorsichtig" reagiert. Es gab nur wenige Stellungnahmen, meist nur auf Ebene der russischen Botschaft in Teheran.
Diese Zurückhaltung hinge damit zusammen, dass Moskau die Lage aktuell prüfe. Man will herausfinden, ein Regimewechsel möglich ist oder andere radikale Veränderungen bevorstehen.
In ihrer Erklärung unterstützte Sacharowa die Islamische Republik nun jedoch klar. Smagin meint, Russland kam angesichts der Niederschlagung der Proteste zum Schluss, dass der iranischen Führung nichts droht. Daher könne man sie offen unterstützen. Das solle die Beziehungen beider Länder nun weiter voranbringen.
Verbündete oder strategische Partner?
Moskau und Teheran rückten nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine enger zusammen.
Smagin betont, die beiden Länder seien keine Verbündeten, sondern eher strategische Partner. Zwischen ihnen herrscht deutliches Misstrauen. Die Annäherung ist eine Folge der Umstände, weil beide auf der internationalen Bühne nur wenige Möglichkeiten haben.
In diesem engen Korridor agieren sie. Und genau das macht die Beziehungen relativ stabil.
Die wirtschaftlichen Verbindungen haben seit 2022 trotz aller Bemühungen kaum zugelegt. Die Handelszahlen änderten sich nur gering.
Smagin erklärt, es gebe Projekte mit Potenzial. Sie befänden sich jedoch noch in der Planungsphase: vorläufige Vereinbarungen über neue Atomkraftwerke, die von russischer Seite gebaut werden sollen, der Ausbau des Nord-Süd-Korridors und einer Bahnstrecke, russische Investitionen in Öl und Gas sowie die Idee, Iran zu einem Gashub zu machen, über den Russland Gas durch iranisches Gebiet liefern könnte.
Die militärische Zusammenarbeit wächst
Seit Beginn des Großangriffs auf die Ukraine setzt Russland iranische Shahed-Drohnen für verheerende Angriffe auf zivile Infrastruktur ein. Die Europäische Union verhängte bereits 2022 Sanktionen gegen Verantwortliche sowie gegen den Drohnenhersteller im Iran.
Nach Angaben von Bloomberg kaufte Russland seit Oktober 2021 Waffen im Wert von mehr als vier Milliarden Dollar aus dem Iran - darunter auch ballistische Raketen.
"Was die militärische Zusammenarbeit betrifft, sie weitet sich tatsächlich aus", sagt Nikita Smagin.
Inzwischen baut Russland Shahed-Drohnen auf eigenem Territorium und bezeichnet sie als "Geran-2". Die entsprechende Technologie hatte Moskau 2023 aus dem Iran erworben.
Russland hat die Produktion dieser Drohnen weitgehend lokalisiert und stellt zudem eigene Modelle her. Der Höhepunkt der Bedeutung Irans als militärischer Partner für Russland lag bereits in den Jahren 2022 und 2023, so Smagin.
Gleichzeitig kehrt sich die Richtung der Zusammenarbeit um: Russland versucht zunehmend, den Iran mit Waffen zu beliefern.
"Es geht um verschiedene Systeme, etwa Su-35-Kampfjets und Mi-28-Angriffshelikopter. Es gibt Hinweise darauf, dass die ersten Helikopter genau während der Proteste im Iran eingetroffen sind. Außerdem kursieren Informationen über weitere Waffen, über die man nicht offen spricht: gepanzerte Fahrzeuge vom Typ ‚Spartak‘, Mittel der elektronischen Kriegsführung und Radarsysteme", erklärt Smagin.
Der Iran wird zu einem immer wichtigeren Abnehmer russischer Rüstungsgüter. Smagin betont jedoch, Russland habe in diesem Bereich bislang nicht seine volle Kapazität ausgeschöpft. Das Land sei durch den Krieg gegen die Ukraine stark ausgelastet und verfüge entsprechend nur über begrenzte Möglichkeiten.
Kann der Kreml dem Regime der Ayatollahs beim Durchhalten helfen? Die Beispiele Venezuela und Syrien sprechen für sich.
Trotz jüngster Rückschläge in Syrien und Venezuela behält Moskau jedoch die Fähigkeit, Partnern in schwieriger Lage zu helfen.
In ihrem Beitrag für Foreign Policy weist die Mitarbeiterin des Nuklearprogramms des Carnegie Endowment Nicole Grajewski darauf hin, dass Russland im Fall Iran nicht auf direkte Einmischung setzt, sondern stattdessen den inneren Sicherheitsapparat des Regimes stärkt.