Iran setzt womöglich Mobilfunk-Störsender ein. Laut einem Experten ähneln sie Geräten, die Russland in der Ukraine einsetzt.
Im Iran dauert die landesweite Internetsperre inzwischen seit sechs Tagen. Millionen sind faktisch vom Rest der Welt abgeschnitten.
Fast der gesamte Internetverkehr des Landes läuft durch einen einzigen, staatlich kontrollierten Engpass. So konnten die Behörden digitale Kommunikation mit einem automatischen Abschaltmechanismus nahezu sofort kappen, sagt Alp Toker, Direktor der Internet-Watchdog-Gruppe NetBlocks.
Die klassischen Netze sind offline. Elon Musks Satelliteninternet Starlink bleibt eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt online zu gehen – trotz eines landesweiten Verbot für Satellitenanbieter, erlassen nach dem Zwölf-Tage-Krieg mit Israel im vergangenen Jahr.
Nach iranischem Recht kann der Besitz eines Starlink-Terminals zu einer Haftstrafe von sechs Monaten bis zwei Jahren führen. Wer mehr als zehn Satellitengeräte einführt, muss mit bis zu zehn Jahren Gefängnis rechnen.
Die iranische Internetrechtsgruppe Filter.Watch berichtet, dass der Staat in einigen Stadtvierteln in Teheran Satellitensignale stört.
Berichten zufolge setzt Iran wohl mobile Störsender ein
Starlink-Satelliten umkreisen die Erde in einer Höhe von 550 Kilometern. Sie empfangen Funksignale von Terminals am Boden und leiten die Daten weiter, um Internetzugang bereitzustellen.
Störsender überlagern dieselben Funkfrequenzen mit Signalen. Das bremst Verbindungen oder blockiert sie vollständig.
In einigen Teilen Teherans verzeichneten Starlink-Nutzer Paketverluste von bis zu 40 Prozent, meldet Filter.Watch. Kurze Nachrichten lassen sich dann noch senden, Videoanrufe oder Surfen sind jedoch nicht möglich.
Die Analyse von Filter.Watch legt nahe, dass die Störungen von mobilen Einheiten ausgehen. Diese lassen sich von Viertel zu Viertel verlegen, um Starlink-Signale zu blockieren.
Toker sieht Parallelen zu russischen Taktiken in der Ukraine, wo mobile Systeme eingesetzt wurden, um Satelliten-Terminals am Boden zu stören.
Er hält es für möglich, dass einige dieser Techniken dort entwickelt und verfeinert wurden. Vorausgesetzt, es gab einen Informationsaustausch mit iranischen Behörden.
Möglicher Einsatz russischer Technik in Iran
Das iranische Militär diskutierte im September nach dem Krieg mit Israel den Erwerb des russischen Systems Krasukha-4 zur elektronischen Kampfführung, laut dem Institute for the Study of War, einer US-amerikanischen gemeinnützigen Organisation.
Die Krashua-4 ist ein mobiles russisches System der elektronischen Kampfführung. Es soll Satelliten im niedrigen Erdorbit in Entfernungen von bis zu 300 Kilometern stören, heißt es bei den Streitkräften der Vereinigten Staaten. Mehrere Antennen rotieren in alle Richtungen und fluten die Funkfrequenzen mit Störsignalen.
Russland setzte die Krasuhka-4 dem Vernehmen nach 2024 in der Donbas-Region in der Ostukraine ein, um Raketen und Patriot-Luftabwehrstellungen zu desorientieren, berichtet die ukrainische Nachrichtenseite The Kyiv Independent. Sie bezeichnet die Krasukha-4 als Russlands fortschrittlichstes System der elektronischen Kriegsführung und als zentrales Element seiner Strategie.
Iran verfügt demnach über eine eigene Variante, die Cobra V8, so das Centre for Non-Proliferation Studies (CNS), eine US-amerikanische gemeinnützige Organisation.
Erstmals 2023 vorgestellt, sei die Cobra V8 ein vielseitiges Mehrzwecksystem der elektronischen Kriegsführung, das gegnerische Radare erkennt, analysiert und stört, erklärte die staatliche Nachrichtenagentur IRNA.
Belege fehlen zwar. Doch es sei nicht ausgeschlossen, dass Iran die Krasukha-4 in den vergangenen zehn Jahren erhielt und nachbaute, heißt es in der CNS-Studie.
2024 soll Russland Iran weitere fortgeschrittene Systeme der elektronischen Kriegsführung überlassen haben, die militärische Dienste in bis zu 5.000 Kilometern Entfernung stören können, schreibt die konservative israelische Publikation Channel 14 und der Telegram-Kanal Ram Reports.
Die Fachseite Army Recognition und dieKyiv Post identifizierten sie später als Murmansk-BN, einen Langstrecken-Störsender für Kommunikation.