Russischen Arbeitern werden hohe Prämien versprochen, Gefangenen die Freiheit, Ausländern ein schneller Pass: So füllt Moskau seine Reihen für den Ukrainekrieg. Experten warnen jedoch, die Rekrutierung sei angesichts der schwächelnden Wirtschaft „extrem kostspielig“.
Für russische Arbeiter mit mittlerem Einkommen ist es ein großer Zahltag. Für Kriminelle, die den harten Haftbedingungen und Misshandlungen entkommen wollen, ist es eine Chance auf Freiheit. Für Einwanderer, die auf ein besseres Leben hoffen, ist es ein schnellerer Weg zur Staatsbürgerschaft. Alles, was sie dafür tun müssen: einen Vertrag unterschreiben und in der Ukraine kämpfen.
Eine landesweite Mobilisierung ist in Russland weiterhin höchst unpopulär. Gleichzeitig ist der Bedarf an neuen Soldaten dringender denn je, fast vier Jahre nach Beginn der umfassenden Invasion der Ukraine. Vor diesem Hintergrund suchen die Behörden mit Hochdruck nach neuen Reserven, die sie an die Front schicken können.
Einige Rekruten kommen aus dem Ausland und landen in einem blutigen Abnutzungskrieg. Nach einem gegenseitigen Verteidigungsabkommen mit Moskau im Jahr 2024 entsandte Nordkorea Tausende Soldaten. Sie sollten Russland helfen, die Region Kursk gegen einen ukrainischen Vorstoß zu verteidigen.
Gleichzeitig wächst die Zahl der Südasiaten, die über Druck und Täuschung berichten. Betroffen sind unter anderem Menschen aus Indien, Nepal und Bangladesch. Anwerber sollen sie mit Jobversprechen in den Militärdienst gedrängt haben. Auch Beamte in Kenia, Südafrika und dem Irak bestätigten solche Praktiken gegenüber ihren Bürgern.
Präsident Putin sagte bei seiner Jahrespressekonferenz im Dezember, 700.000 russische Soldaten kämpften in der Ukraine. Dieselbe Zahl nannte er für 2024, für Dezember 2023 sprach er von 617.000. Ob diese Angaben stimmen, lässt sich kaum überprüfen. Auch die Zahl der Opfer bleibt unklar, weil Moskau nur wenige offizielle Daten veröffentlicht.
Im vergangenen Sommer erklärte das britische Verteidigungsministerium, nach seinen Erkenntnissen seien mehr als eine Million russische Soldaten getötet oder verwundet worden.
Die unabhängige russische Nachrichtenseite Mediazona hat gemeinsam mit der BBC und Freiwilligen seit Kriegsbeginn Berichte, soziale Medien und Behördenquellen ausgewertet. Demnach umfasst die bestätigte Liste mehr als 160.000 Namen gefallener Militärangehöriger. Mehr als 550 davon seien Ausländer aus zwei Dutzend Ländern.
Wie Russland neue Soldaten bekommt
Anders als in der Ukraine gilt in Russland seit der Invasion im Februar 2022 kein Kriegsrecht. Putin hat auch keine allgemeine Mobilisierung angeordnet.
Trotzdem folgte wenige Monate später eine Teilmobilisierung von 300.000 Soldaten. Zehntausende Russen flohen daraufhin ins Ausland. Als die Zielzahl erreicht war, wurde die Mobilisierung gestoppt. Putins Dekret ließ jedoch die Tür für weitere Einberufungen offen. Gleichzeitig wurden Militärverträge unbefristet. Soldaten dürfen seitdem nicht entlassen oder demobilisiert werden, außer sie erreichen ein bestimmtes Alter oder werden durch Verletzungen dienstunfähig.
Seither setzt Moskau vor allem auf die sogenannte „freiwillige Einberufung“. Die Zahl der Freiwilligen bleibt hoch. Im vergangenen Jahr seien es mehr als 400.000 gewesen, sagte Putin im Dezember. Unabhängig überprüfen ließ sich das nicht. Ähnliche Zahlen wurden auch für 2024 und 2023 genannt.
Aktivisten berichten, dass Verträge häufig eine feste Dienstzeit vorsehen, etwa ein Jahr. Das wirkt wie eine befristete Verpflichtung. In der Praxis würden die Verträge jedoch automatisch auf unbestimmte Zeit verlängert.
Die russische Regierung lockt mit hohen Gehältern und umfangreichen Leistungen. Auch Regionen setzen Anreize und versprechen Prämien, teils in Höhe von mehreren zehntausend Dollar. In der Region Chanty-Mansijsk können Rekruten laut lokalen Behörden Prämien von bis zu 50.000 Dollar erhalten. Das ist mehr als das Doppelte des durchschnittlichen Jahreseinkommens in der Region. Das monatliche Gehalt lag 2025 Berichten zufolge bei knapp über 1.600 Dollar. Hinzu kommen Steuererleichterungen und Möglichkeiten zum Schuldenerlass.
Obwohl der Kreml offiziell auf Freiwilligkeit setzt, berichten Medien und Menschenrechtsorganisationen von Zwang. Wehrpflichtige Männer zwischen 18 und 30, die ihren Grundwehrdienst leisten und eigentlich nicht in die Ukraine entsandt werden sollen, würden demnach oft von Vorgesetzten gedrängt, Verträge zu unterschreiben und an die Front zu gehen.
Die Rekrutierung wurde außerdem auf Gefangene und Menschen in Untersuchungshaft ausgeweitet. Zu Beginn des Krieges trieb der inzwischen verstorbene Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin diese Praxis voran. Später übernahm das Verteidigungsministerium. Inzwischen erlauben Gesetze die Anwerbung sowohl von Verurteilten als auch von Verdächtigen.
Ausländer sind dabei keine Ausnahme. Wie andere Männer im wehrpflichtigen Alter geraten sie ins Visier, in Russland und im Ausland. Gesetze beschleunigen den Erwerb der russischen Staatsbürgerschaft für Wehrdienstleistende. Zudem berichten russische Medien und Aktivisten von Razzien in Gegenden, in denen Migranten leben oder arbeiten. Dort würden sie unter Druck gesetzt, sich zu verpflichten. Neue Staatsbürger werden außerdem in Rekrutierungszentren vorgeladen, um ihre Wehrpflichtfähigkeit zu prüfen.
Im November erließ Putin einen Erlass, der Ausländer mit dauerhaftem Aufenthaltswunsch zum Militärdienst verpflichtet. Einige Rekruten werden Berichten zufolge mit Jobversprechen nach Russland gelockt. Danach sollen sie gedrängt werden, Verträge mit dem Verteidigungsministerium zu unterschreiben.
2023 deckten kubanische Behörden eine von Russland aus operierende Gruppe auf und versuchten, sie zu zerschlagen. 2024 sagte Nepals Außenminister Narayan Prakash Saud der Associated Press, sein Land habe Russland aufgefordert, Hunderte rekrutierte Nepalesen zurückzubringen. Auch die sterblichen Überreste gefallener Bürger sollten überführt werden. Nepal verbot seinen Bürgern daraufhin, zur Arbeit nach Russland oder in die Ukraine zu reisen.
Ebenfalls 2024 enttarnte Indiens Bundesuntersuchungsbehörde ein Netzwerk, das mindestens 35 Inder unter dem Vorwand von Jobs nach Russland lockte. Die Männer hätten eine Kampfausbildung erhalten und seien gegen ihren Willen in die Ukraine geschickt worden. Einige seien „schwer verletzt“ worden, so die Behörde. Als Putin 2024 Indiens Premier Narendra Modi empfing, erklärte Neu-Delhi, die „verleiteten“ Bürger würden aus der russischen Armee entlassen.
Irakische Beamte gehen davon aus, dass etwa 5.000 Iraker den russischen Streitkräften beigetreten sind. Wie viele auf ukrainischer Seite kämpfen, ist unklar. Die Behörden in Bagdad gingen gegen solche Rekrutierungsnetzwerke vor. Ein Mann wurde im vergangenen Jahr wegen Menschenhandels zu lebenslanger Haft verurteilt.
Eine unbekannte Zahl von Irakern wurde in der Ukraine getötet oder gilt als vermisst. Einige Familien berichten, ihre Angehörigen seien unter falschen Versprechen nach Russland gelockt und zum Armeedienst gezwungen worden. In anderen Fällen traten Iraker freiwillig bei, um Lohn und die russische Staatsbürgerschaft zu erhalten.
Ausländer, die in den Krieg gelockt werden, sind besonders gefährdet, sagt Anton Gorbatsevich von der Aktivistengruppe Go Forest. Viele sprächen kein Russisch und hätten keine militärische Erfahrung. In den Augen mancher Kommandeure gälten sie als „überflüssig“.
In diesem Monat erklärte die ukrainische Behörde für die Behandlung von Kriegsgefangenen, mehr als 18.000 Ausländer hätten auf russischer Seite gekämpft oder kämpften noch. Fast 3.400 seien getötet worden. Hunderte Bürger aus 40 Ländern würden in der Ukraine als Kriegsgefangene festgehalten.
Sollten diese Zahlen stimmen, wären Ausländer dennoch nur ein kleiner Teil der Truppe. Putin spricht von 700.000 Soldaten in der Ukraine. „Die Anwerbung von Ausländern ist nur eine Möglichkeit, den ständigen Bedarf zu decken“, sagt Artem Klyga, Leiter der Rechtsabteilung der Bewegung der Kriegsdienstverweigerer. Die Rekrutierungsbemühungen seien stabil. Die meisten, die bei seiner Organisation Hilfe suchen, seien weiterhin russische Staatsbürger.
Ekaterina Stepanenko, Russlandforscherin am Institute for the Study of War in Washington, sagt: Der Kreml sei in den vergangenen zwei Jahren bei der Rekrutierung, auch von Ausländern, „kreativer“ geworden. Gleichzeitig seien diese Bemühungen für Russland „extrem kostspielig“, gerade angesichts einer sich abkühlenden Wirtschaft.