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19 von 20 Opfer bleiben still: Partnerschaftsgewalt selten angezeigt

Dunkelfeldstudie: Mehr als 90 Prozent der Gewalterfahrungen werden nicht angezeigt.
Dunkelfeldstudie: Mehr als 90 Prozent der Gewalterfahrungen werden nicht angezeigt. Copyright  Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved.
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Von Franziska Müller
Zuerst veröffentlicht am
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Erstmals seit 20 Jahren liegen erneut Daten zu Gewalterfahrungen im Alltag vor. Die Dunkelfeldstudie LeSuBiA zeigt insbesondere, dass die meisten Fälle von Gewalt nicht zur Anzeige gebracht werden. 19 von 20 Opfern bleiben still.

Es sei "reiner Zufall", dass die Frau überlebt hat. Das sagte die Staatsanwaltschaft über den monatelangen sexuellen Missbrauch eines 27-Jährigen an seiner Freundin. Am Dienstag stand der Mann vor dem Landgericht München.

"Das, was in der Anklage steht, entspricht der Wahrheit", erklärte der junge Mann vor Gericht. Anfang Februar hatte er dort noch geschwiegen. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft lauten: er habe seine Freundin narkotisiert, vergewaltigt und sie dabei gefilmt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war es reiner Zufall gewesen, dass die Frau während der Gewaltanwendung nicht gestorben ist.

Der Student ist wegen versuchten Mordes in sieben Fällen angeklagt, darüber hinaus wegen gefährlicher Körperverletzung, besonders schwerer Vergewaltigung und weiteren Delikten.

Der Fall weckt Erinnerungen an die Geschichte von Gisèle Pelicot. Ihr inzwischen ehemaliger Ehemann hatte sie fast ein ganzes Jahrzehnt mit Medikamenten betäubt, missbraucht und Dutzenden Männern zur Vergewaltigung angeboten. Er wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt. Pelicot machte den Prozess öffentlich, um das Thema in die Gesellschaft zu bringen und gilt nun als Ikone für Frauenrechte in Frankreich.

Weniger als 10 Prozent der Fälle zur Anzeige gebracht

Jede neunte Frau und fast jeder zwanzigste Mann berichten, vom Partner oder Ex-Partner absichtlich getreten, gestoßen oder hart angefasst worden zu sein. Hinter verschlossenen Türen wird Frauen gedroht, die eigenen Kinder, Verwandte oder Freunde zu verletzten, sie zu isolieren oder gar umzubringen.

Am Dienstag hat das Bundeskriminalamt eine Dunkelfeldstudie veröffentlicht, um auf Gewalterfahrungen in Partnerschaften und im digitalen Raum hinzuweisen. Denn: in 19 von 20 Fällen bleiben Opfer von Gewalt still, weniger als 10 Prozent der Betroffenen bringen Gewalterfahrungen zur Anzeige.

"Gewalt ist kein Randphänomen, sie betrifft Millionen Menschen in unserem Land", erklärt Bundesfamilienministerin Karin Prien. Fast jede sechste Person erlebe körperliche Gewalt in der Partnerschaft. Das "Schweigen ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck von Angst und offenbar fehlenden Zugängen zu Hilfe", sagte sie weiter bei der Vorstellung der Studie.

Auch der Präsident des Bundeskriminalamts Holger Münch betonte, man müsse dafür sorgen, dass mehr Betroffene den Mut finden, Gewalt anzuzeigen, um Unterstützung zu erhalten. Die Studie legt seines Erachtens in diesem Bereich einen Grundstein für eine "gezielte Weiterentwicklung von Schutz- und Hilfsangeboten".

Fast jede zweite Person hat bereits sexuelle Belästigung erfahren

Die Schwerpunkte dieser Studie liegen auf den Themen Partnerschaftsgewalt, sexualisierte Gewalt und digitale Gewalt. Die Auswertungen der Erfahrungen von rund 15.000 Personen zeigen allumfassend: Frauen, junge Menschen, Personen mit Migrationshintergrund und Angehörige der queeren Community sind besonders oft von Gewalt betroffen.

In (Ex-)Partnerschaften gibt es per se nur einen geringen Unterschied in der Geschlechterverteilung. Sowohl von psychischer als auch von körperlicher Gewalt sind Männer und Frauen etwa gleichermaßen betroffen.

Bei sexueller Belästigung sind Frauen deutlich häufiger betroffen, insgesamt hat fast jede zweite Person in ihrem Leben bereits sexuelle Belästigung erfahren. In 31 Prozent der erfassten Situationen trugen Frauen körperliche Folgen davon, bei den Männern waren es 11,9 Prozent.

Trotz der geringen Geschlechterunterschiede in Teilen der Studie, erleiden Frauen jedoch im Vergleich zu Männern in Gewaltsituationen mehr Verletzungen, schätzen die Lebensgefahr als größer ein und empfinden stärkere Angst.

Insgesamt geht die Gewalt gegenüber Frauen überwiegend von Männern aus. In der Partnerschaft beläuft sich der Anteil auf 98 Prozent, bei sexualisierter Gewalt sind 90 Prozent der Täter männlich, bei digitaler Gewalt sind es 70 Prozent.

Auch verstärkt betroffen sind jüngere Personen. Ihnen widerfährt Gewalt besonders häufig durch sexuelle Belästigung, in Form von digitaler Gewalt und verabreichten K.O.-Tropfen. Auch Gewalterfahrungen durch Erziehungsberechtigte sind den Ergebnissen der Studie zufolge keine Seltenheit.

Dobrindt: Modell der Fußfessel kommt auch in Deutschland

Nach Angaben des BKA-Präsidenten Münch soll die Studie eine verlässliche Grundlage für politische Entscheidungen, Prävention und Hilfsangebote liefern. "Die Opfer brauchen Schutz und müssen sich frei bewegen können", erklärte auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). Darum sei es gut, dass jetzt das spanische Modell der Fußfessel auch in Deutschland komme, sagte er weiter.

Die Bundesregierung hat den Einsatz der spanischen Fußfessel in Fällen häuslicher Gewalt im Dezember vergangenen Jahres auf den Weg gebracht.

Außerdem: "Der Einsatz von K.o.-Tropfen wird künftig so geahndet wie der Einsatz einer Waffe. Wir setzen früh an und klären junge Menschen auf an welcher Stelle Gewalt in der Partnerschaft beginnt. Es geht um mehr Schutz für die Opfer und härtere Strafen für die Täter." Ein Bündnis aus drei Organisationen des Opferschutzes fordert die Einberufung einer nationalen Gewaltschutz-Konferenz.

Die Frauenhauskoordinierung e.V. (FHK), der Deutsche Juristinnenbund e.V. (djb) sowie die Frauengruppe der Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordern Bundeskanzler Friedrich Merz auf, Gewaltschutz zur Chefsache zu machen. Der Juristinnenbund sieht unter anderem eine gezieltere Fortbildung zu den Themen häuslicher Gewalt als mögliche Verbesserung der Lage.

"Bei der 'Innersten Sicherheit' - der Sicherheit im eigenen Zuhause - darf es angesichts der erschreckenden Ergebnisse der LeSuBiA-Studie keinen weiteren Aufschub geben", so die FHK-Geschäftsführerin Sibylle Schreiber. Die vorherige Dunkelfeldstudie stammte aus dem Jahr 2004. Was gleich geblieben ist: Für Betroffene ist es nach wie vor unglaublich schwer, wirksame Unterstützung zu finden, um eine Gewaltbeziehung zu verlassen.

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