Zwischen 200.000 und 300.000 Euro fordern Clans teilweise von Restaurant-Betreibern, so ein Experte zu Euronews. Wer nicht zahlt, dem drohen Schüsse und Repressalien. Ein Gastronom verlor seine Bar – und das Vertrauen in den Staat.
Plötzlich tauchten sie auf – "drei Araber", wie Jan Philipp Bubinger sie beschreibt, "ein bisschen muffelig, in Joggingklamotten". Monatelang machten sie dem Gastronomen das Leben zur Hölle. Sie behinderten seinen Barbetrieb so massiv, dass er sein Restaurant in der Berliner Winterfeldtstraße schließlich für immer schließen musste.
"Am Anfang versuchten sie, meine Gäste gezielt zu vergraulen", erzählt Bubinger. Regelmäßig saßen sie in seiner Bar, provozierten, machten Lärm. Mit Erfolg: Gäste blieben weg, der Umsatz sank. Gleichzeitig boten die Kriminellen Bubinger ihre Dienste an. Denn immer wieder riefen Nachbarn, die sich über Lärm beschwerten, die Polizei – nichts Ungewöhnliches in der Gastronomie.
Täter gehen systematisch vor
Die Männer "regelten" dieses Problem eigenmächtig. Sie gingen zu den betreffenden Nachbarn, bedrohten sie im Hausflur – eine Dienstleistung, wie sie es offenbar verstanden. "Sie wollten 500 Euro im Monat von mir", erzählt Bubinger Euronews.
Ein Schutzgeld-Schnäppchen im Vergleich zu manchen Fällen, die Hakan Taş bekannt sind. Der ehemalige sicherheitspolitische Sprecher der Berliner Linken ist gut vernetzt in der türkischen Community der Hauptstadt. Schutzgelderpresser verlangen teilweise 200.000 bis 300.000 Euro, erklärt Taş Euronews.
Um Forderungen festzulegen, gehen Täter systematisch vor: Personen werden in Betriebe eingeschleust, etwa als Studenten mit Nebenjob, um Abläufe, Umsätze und Kundenfrequenz auszuspähen. Clans aus verschiedenen Ländern teilen sich Stadtviertel auf, um sich nicht in die Quere zu kommen.
Die Täter stammen aus Tschetschenien, Russland, Italien, der Türkei und seit kurzem auch aus Albanien, so Taş. Auch viele arabische Clans versetzen die Berliner Gastro-Szene in Angst und Schrecken.
Eingeflogene Täter
"Dafür werden gezielt auch junge Männer im Ausland rekrutiert", sagt Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel zur dpa, wie der rbb berichtet. "Sie reisen kurzfristig mit einem Touristenvisum ein und begehen dann Straftaten, für die sie Aufträge erhalten haben."
Auch Taş beobachtet diese Entwicklungen: "Es sind neue Familien hinzugekommen in letzter Zeit, die sich mächtig fühlen und auf dem Markt etwas ergattern wollen." Nach dem Tod des Berliner Clan-Bosses Mehmet K., auch bekannt als "Kurden-Mehmet", der zwischen Gruppierungen vermittelte, sei ein Vakuum entstanden. Nun versuchten die Clans, an neue Gebiete und Geldquellen zu gelangen, erzählt Taş.
Ihre Opfer trauen sich nur selten an die Öffentlichkeit oder gar zur Polizei. Die Angst ist groß. "Die Erpresser greifen tatsächlich zur Waffe", sagt Taş. Es werde auf Scheiben geschossen, und wenn nicht gezahlt werde, könne die nächste Kugel den Gewerbetreibenden oder Angehörige treffen. Die Täter verfügen oft über detaillierte Informationen zu Wohnort und Alltag der Opfer.
Taş kritisiert, dass Betroffene zu wenig über Schutzmöglichkeiten informiert werden und auch vom Berliner Senat zu wenig Unterstützung komme. Viele könnten sich private Sicherheitsfirmen nicht leisten.
Auf Nachfrage von Euronews warnt die Polizei: Zahlungen würden, "wenn überhaupt, lediglich bewirken, dass weitere Forderungen durch eben diese Tätergruppierungen vorübergehend unterbleiben."
Immer öfter Schusswaffen genutzt
Weil die Täter ihre Opfer einschüchtern, sinke die Anzeigebereitschaft, so die Behörden. Die Polizei geht deswegen von einem Dunkelfeld aus. Vermehrt werden mittlerweile auch Schusswaffen eingesetzt, um Opfer zu erpressen.
Die Polizei verweist auf ihre Spezialeinheit "Ferrum", die seit November in der Hauptstadt unterwegs ist. Etwa 100 Polizisten sowie Spezialisten gehören ihr an. Bisher hätten sie "bereits elf richterliche Haftbefehle erlangt und vollstreckt".
Gastronom Bubinger, der vor mehreren Jahren Opfer einer Schutzgelderpressung wurde, war damals enttäuscht. Zwar nahm die Polizei seine mutmaßlichen Erpresser vorläufig fest, doch auf der Wache wurde ihm gesagt, dass bei einer Anzeige sein Name und seine Adresse in den Unterlagen stehen würden.
Damit wären sie bei Akteneinsicht für die mutmaßlichen Täter einsehbar. "Ich hatte absolut das Gefühl, dass die Polizei mich da im Stich gelassen hat." Aus Angst entschied Bubinger sich gegen eine Anzeige.
Betroffener: Schutzgelderpressungen sind kein Filmklischee
Kurz darauf begannen Drohanrufe: Er solle keine Aussage machen und Berlin verlassen. Wochenlang schlief der Gastronom kaum, blieb nachts wach aus Sorge um seine Familie. Das Geschäft lief schlecht, die Bedrohung gab ihm den Rest. Wenig später schloss er seine Bar für immer.
"Ich hatte das Gefühl, dass ich für die Polizei nur Mittel zum Zweck war", sagt er heute. Der Fahndungserfolg habe gezählt, nicht der Schutz des Opfers. Sein Vertrauen sei nachhaltig erschüttert.
Gelöst wurde die Situation schließlich nicht durch Ermittlungen, sondern durch einen befreundeten Libanesen, der einen der Männer anrief und erwirkte, dass Bubinger in Ruhe gelassen wurde.
Dass manche Menschen Schutzgelderpressung für ein Filmklischee halten, hält Bubinger für naiv. "Es passiert. Nicht überall, nicht ständig, aber es passiert."
Heute betreibt er ein anderes Lokal in zentraler Lage, mit viel Publikumsverkehr. Er fühlt sich sicherer. Nicht, weil das Problem verschwunden wäre, sondern weil die Öffentlichkeit schütze.
Auf eine Anfrage von Euronews hat Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) nicht reagiert.