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Babyflaute: Frankreich will Kinderkriegen mit 250 € beliebter machen

ARCHIV - Ein Arzt führt am 7. August 2018 in einem Krankenhaus in Chicago einen Ultraschall bei einer schwangeren Frau durch. (AP Photo/Teresa Crawford, Datei)
ARCHIV - Ein Arzt führt am 7. August 2018 in einem Krankenhaus in Chicago einen Ultraschall bei einer schwangeren Frau durch. (AP Photo/Teresa Crawford, Datei) Copyright  AP Photo
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Von Sophia Khatsenkova
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Frankreich erlebt einen historischen Rückgang: 2025 gab es erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg mehr Sterbefälle als Geburten. Die Regierung plant drastische Familienhilfen, doch junge Paare fühlen sich weiterhin überfordert.

Lucie erinnert sich noch gut daran, wie peinlich ihr die Nachricht war, dass ein Regierungsschreiben zum Rückgang der Geburtenrate an junge Erwachsene über 29 Jahre verschickt werden sollte. Das Projekt befindet sich zwar noch in Vorbereitung und sein Inhalt ist nicht veröffentlicht, doch es hat bereits heftige Kritik ausgelöst.

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"Ich fand das Vorgehen extrem ungeschickt. Das ist überhaupt nicht der richtige Weg, um die Öffentlichkeit zu sensibilisieren", erklärte sie.

Die 27-Jährige lebt in einer Beziehung und wünscht sich eines Tages Kinder. Doch der Druck des Alltags bremst sie aus. "Das Problem geht tiefer als die Unfruchtbarkeit. Wir haben Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden und finanziell über die Runden zu kommen. Ein Brief, der uns quasi dazu auffordert, Kinder zu bekommen, wirkt eher beängstigend."

Mit diesem Gefühl steht sie nicht allein da. Frankreich erlebt derzeit eine beispiellose demografische Wende.

2025 verzeichnete das Land erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg mehr Todesfälle als Geburten. Laut Insee wurden im vergangenen Jahr 645.000 Kinder geboren. 2010 waren es noch über 850.000. Gleichzeitig wurden 651.000 Todesfälle registriert.

Ein "familienpolitischer Urknall"

Vor diesem Hintergrund hat eine parlamentarische Informationsmission zu Ursachen und Folgen des Geburtenrückgangs, initiiert von der Gruppe "Horizons", 37 Vorschläge vorgelegt und fordert einen "Big Bang" in der Familienpolitik.

Dabei betonen die Verantwortlichen ihre Zurückhaltung: kein natalistischer Appell, sondern Unterstützung für Familien.

"In Frankreich gibt es weiterhin einen starken Kinderwunsch. Unsere Arbeit zielt nicht darauf ab, eine natalistische Botschaft zu senden, sondern Eltern zu begleiten, die sich ein Kind wünschen", erklärte Constance de Pélichy, Abgeordnete der LIOT und Vorsitzende der Mission, im Gespräch mit Euronews.

Studien zufolge wünschen sich Französinnen und Franzosen im Durchschnitt weiterhin zwei bis 2,3 Kinder pro Frau. Die tatsächliche Fertilitätsrate lag 2025 jedoch nur bei 1,55 gegenüber 1,38 im EU-Durchschnitt.

Universelle Unterstützung und neuer Elternurlaub

Die weitreichendste Maßnahme ist ein "universelles Familiengeld" von 250 Euro pro Kind und Monat – ab dem ersten Kind bis zum 20. Lebensjahr, ohne Einkommensprüfung. Es soll einen Teil der bisherigen Leistungen ersetzen und würde jährlich rund zehn Milliarden Euro kosten. Laut Bericht könnte die Reform bis 2030 umgesetzt werden.

Das wäre eine grundlegende Veränderung, denn bislang wird das Kindergeld in Frankreich erst ab dem zweiten Kind gezahlt.

Jean-Philippe Vallat, Direktor für Familienpolitik bei der UNAF, begrüßt den Ansatz: "Der Bericht konzentriert sich auf materielle und finanzielle Hürden. Das entspricht dem, was uns Eltern seit Jahren berichten."

Darüber hinaus schlägt der Bericht ein neues zinsloses Immobiliendarlehen bei jeder Geburt vor, um Familien beim Kauf oder bei der Erweiterung ihres Wohnraums zu unterstützen – ein Punkt, der häufig als Hindernis genannt wird.

Auch die Betreuungsangebote sollen ausgebaut werden. Selbst familiäre Lösungen, etwa durch Großeltern, sollen stärker berücksichtigt und unterstützt werden.

Zudem wird vorgeschlagen, die bestehenden Regelungen in einem einheitlichen Elternurlaub (CPU) zu bündeln. Dieser soll es Eltern ermöglichen, bis zum Kindergartenbeginn beim Kind zu bleiben. Vorgesehen ist eine bessere Vergütung im ersten Jahr: Nach Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub würden vier Monate lang 70 Prozent des Gehalts gezahlt, anschließend sechs Monate lang 50 Prozent (bis zur Beitragsbemessungsgrenze).

Constance de Pélichy plädiert außerdem für einen kürzeren, aber besser bezahlten "universellen Geburtsurlaub" von 38 Wochen bei 80 Prozent des Gehalts.

Vorschläge, die polarisieren

Einigkeit herrscht darüber jedoch keineswegs. Die 30-jährige Lise relativiert die Bedeutung der 250 Euro: "Das deckt gerade mal die Windelkosten."

Alexis, Vater einer Tochter in der Vendée, sieht Licht und Schatten: "Wohnbeihilfen könnten helfen. Auch beim Elternurlaub finde ich Verbesserungen gut. Aber insgesamt müsste das ganze System reformiert werden. Es gibt zu viele Steuern. Das hält uns davon ab, ein zweites Kind zu bekommen."

Die Ökonomin Pauline Rossi von der École Polytechnique warnt hingegen, dass universelle Leistungen vor allem wohlhabenderen Haushalten zugutekommen könnten: "Universalität ist das Gegenteil von effizienter öffentlicher Ausgabensteuerung."

Ihrer Ansicht nach haben familienpolitische Maßnahmen generell nur begrenzten Einfluss auf die Geburtenrate. Entscheidend seien vor allem Betreuungsmöglichkeiten. "Das beeinflusst die Entscheidung für ein weiteres Kind am stärksten."

Auch die UNAF sieht hier Nachbesserungsbedarf: Die Vorschläge zu einem "Marshallplan" für Betreuungsangebote blieben in finanzieller Hinsicht zu vage.

Rossi betont zudem, dass finanzielle Anreize vor allem bei zweiten oder dritten Kindern wirkten. "Der Staat kann eine Entscheidung am Rand beeinflussen. Aber es ist deutlich schwieriger, ein Paar zu überzeugen, überhaupt das erste Kind zu bekommen."

Ein Beispiel dafür sind Mélanie und Florian aus Paris: Sie möchte Kinder, er nicht. Mélanie glaubt, dass niedrigere Inflation, geringere Arbeitslosigkeit und politische Stabilität entscheidender wären. Florian wünscht sich konkrete Entlastungen wie kostenlose Windeln oder günstigere Kita-Plätze, räumt jedoch ein, dass auch das seine grundsätzliche Haltung nicht ändern würde.

Viele der Befragten betonen daher: Bevor über Geburtenförderung gesprochen wird, brauche es bessere Löhne, mehr Jobs, geringere Inflation und bezahlbare Lebenshaltungskosten.

Warum der Geburtenrückgang Sorgen bereitet

Der Rückgang wirft grundlegende Fragen zur Finanzierung des Sozialstaats auf. "Sinkende Geburtenraten sind problematisch für Renten und öffentliche Haushalte", sagt Pauline Rossi.

Zudem drohen Engpässe auf dem Arbeitsmarkt. In bereits angespannten Branchen könnte eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung das Wachstum bremsen.

Allerdings betonen Ökonomen, dass die Geburtenrate nicht der einzige Hebel sei. Produktivität, Erwerbsquote, Migration und Arbeitsmarktpolitik könnten die Effekte abfedern – auch wenn diese Maßnahmen politisch sensibel sind.

Rossi nennt drei unbequeme Optionen: geringere Renten und Gesundheitsleistungen, mehr Erwerbstätige oder längere Lebensarbeitszeiten.

Blick nach Europa

Frankreich steht mit dieser Entwicklung nicht allein da. Im Vereinigten Königreich sank die Fertilitätsrate 2024–2025 auf etwa 1,41–1,44 Kinder pro Frau. Die Regierung setzt dort vor allem auf besseren Zugang zu Kinderbetreuung und Elternzeit, unter anderem mit staatlich finanzierten 30 Betreuungsstunden pro Woche ab neun Monaten für Haushalte unterhalb einer bestimmten Einkommensgrenze.

Italien verzeichnete 2024 mit rund 370.000 Geburten einen historischen Tiefstand. Die Fertilitätsrate fiel auf 1,18 – eine der niedrigsten in Europa. Die Regierung stellt eine Milliarde Euro für familienpolitische Maßnahmen bereit, darunter Beitragsbefreiungen, Verbesserungen beim Elternurlaub und ein erhöhter "Mütterbonus".

Portugal bildet eine vorsichtige Ausnahme: 2025 wurden dort mehr als 87.700 Geburten registriert – der höchste Stand seit zehn Jahren. Dennoch liegt die Fertilitätsrate mit 1,44 weiterhin nur leicht über dem EU-Durchschnitt, und das Durchschnittsalter bei der ersten Geburt steigt weiter.

Auch Griechenland reagiert: Mit einem 1,6-Milliarden-Euro-Plan setzt die Regierung auf Steuererleichterungen und finanzielle Anreize, um dem demografischen Rückgang entgegenzuwirken.

Insgesamt zeigt sich: Finanzielle Hilfen allein reichen vielen nicht aus. Für zahlreiche junge Menschen hängt die Entscheidung für Kinder weniger von einzelnen Maßnahmen als von einem grundlegenden Gefühl wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Stabilität ab.

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