Nach dem Tod von Revolutionsführer Ali Khamenei scheint der Sturz des Regimes zum ersten Mal seit 47 Jahren eine realistische Option zu sein. Doch das Regime verfügt weiterhin über das Gewaltmonopol. Es sind historische Zeiten für die Menschen im Iran, meint Gastautorin Gilda Sahebi.
Wenn man mit Menschen spricht, die schon einmal in den Iran gereist sind, dann ähneln sich die Erzählungen, die sie von ihren Reisen mitbringen: Überwältigende Landschaften, faszinierende kulturelle Schätze, vielfältige Kulinarik, außergewöhnliche Gastfreundschaft, Musik, Tanz und Freude. Es ist dieser Iran, an den heute besonders viele Menschen denken. Mit der Hoffnung auf ein Ende der Islamischen Republik keimt auch die Sehnsucht auf nach einem Land, das ohne den Schatten der Diktatur viel Licht bereithält.
Nach Tod Khameneis steht die Islamische Republik am Abgrund
Ob das Land frei wird, ob sich die Menschen im Iran werden entfalten und ohne Unterdrückung werden leben können – diese Frage ist schwer zu beantworten. Nach der Tötung von Revolutionsführer Ali Khamenei scheint der Sturz des Regimes zum ersten Mal in den 47 Jahren des Bestehens der Islamischen Republik eine realistische Option zu sein. Man könnte sagen: So nah und doch so fern. Denn noch ist das Land nicht befreit.
Die Islamische Republik steht zwar so nah am Abgrund wie noch nie. Der Großteil der Menschen im Land empfindet nur noch Abscheu und Hass gegenüber den Machthabern. Zu groß ist die rohe Gewalt, die das Regime gegen die eigenen Menschen in den vergangenen Jahrzehnten ausgeübt hat. Zuletzt ließ es bei landesweiten Protesten Anfang Januar Zehntausende Menschen auf den Straßen und in den Krankenhäusern ermorden, darunter viele Kinder und Jugendliche. Es ließ Leichen verschwinden, verhaftete Ärzte, die Protestierende versorgten, und richtete vermeintliche Aufrührer hin. Die Botschaft an die Menschen: Wenn es um den Erhalt der Islamischen Republik geht, kennen wir keine Grenzen. Auch das allerletzte Band zwischen Regime und Bevölkerung ist zerschnitten.
Das iranische Regime ist völlig isoliert
Bereits die ersten Stunden des Kriegs haben außerdem gezeigt, dass das Regime nicht mehr in der Lage ist, die eigenen Leute zu schützen. Dem israelischen und US-amerikanischen Militär scheint es mit Leichtigkeit gelungen zu sein, Ali Khamenei, die mutmaßlich bestgeschützte Person im Land, zu töten. Derweil kam dem iranischen Regime kein Staat in der Region zur Hilfe, im Gegenteil – nachdem die Führung in Teheran als Reaktion auf die Angriffe US-Militärbasen und zivile Ziele in mehreren arabischen Ländern mit Raketen beschoss, distanzierten sich diese deutlich von der Islamischen Republik. Das Regime steht vollkommen isoliert da. Nicht einmal von der verbrüderten Hisbollah kann es mehr eine nennenswerte Schützenhilfe erwarten.
Freudenschreie in den Straßen
Nachdem sich die Gerüchte um den Tod Ali Khameneis bestätigten, strömten im ganzen Land Menschen auf die Straßen, um zu tanzen und zu feiern; Freudenschreie erfüllten die Straßen des Iran. Die Gewalt, die die Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten durch jenes System erfahren hat, das maßgeblich durch Ali Khamenei geformt wurde, steckt den Menschen im Iran in den Knochen. Es schien, als ginge ein kurzes Seufzen der Erleichterung durch das Land. Ein Funke der Gerechtigkeit in einem Staat, in dem Straflosigkeit für die größten Verbrechen Normalität ist.
Und doch markiert der Tod des Revolutionsführers nicht das Ende der Islamischen Republik. Es dauerte fast 24 Stunden, bis das Regime den Tod bestätigte – in dieser Zeit, davon kann man ausgehen, hat die verbliebene Führung eine Strategie entwickelt, wie sie weitermachen will. Das wichtigste Ziel: Machtdemonstration. Es soll kein einziges Zeichen von Schwäche an die Öffentlichkeit geraten. Das System muss demonstrieren, dass es trotz aller Verluste nicht wackelt. So wurden sogar Trauermärsche für Ali Khamenei organisiert, und das mitten im Krieg. Eine Übergangsführung wurde vorgestellt, ein Triumvirat, in dem unter anderem Staatspräsident Mahsoud Pezeshkian einen Platz einnimmt. Die Nachfolge des Revolutionsführers soll so schnell wie möglich geregelt werden.
Das Regime hat noch Hunderttausende Männer unter Waffen
Im Land herrscht neben Freude über die getöteten Repräsentanten des Staats – neben Ali Khamenei wurden auch eine Reihe hochrangiger Generäle und Offizieller getötet – somit gleichzeitig Unsicherheit darüber, wie es nun weitergehen kann. US-Präsident Donald Trump hatte bei seiner Erklärung, die den Kriegsbeginn begleitete, die Menschen im Iran dazu aufgerufen, die Regierung zu „übernehmen“. Die militärischen Angriffe würden ihnen diesen Weg ebnen. Allein: Den Menschen stehen auch weiterhin Hunderttausende Männer unter Waffen gegenüber.
Das Regime verfügt weiterhin über das Gewaltmonopol – und es hat im Januar gezeigt, wie weit es bereit ist, zu gehen, um die Islamische Republik zu verteidigen, mit oder ohne Revolutionsführer.
Wird das Regime auf Demonstranten schießen?
Reza Pahlavi, der Sohn des ehemaligen Schahs, der eine prominente Rolle in der Exil-Opposition eingenommen hat und sich als dessen Anführer präsentiert, hat die Truppen in den vergangenen Tagen wiederholt dazu aufgerufen, die Waffen niederzulegen und sich dem Widerstand anzuschließen. Auch Donald Trump erklärte, dass dies der einzige Weg für die Regimetreuen sei, mit dem Leben davon zu kommen. Eine entscheidende Frage wird also in den nächsten Tagen und Wochen sein: Werden Regimekräfte auf Menschen schießen, sollte es wieder zu Demonstrationen kommen?
Neben all den Unsicherheiten treibt die Bevölkerung außerdem die Angst vor weiteren Bombardierungen um. Viele Menschen, vor allem in der Hauptstadt Teheran, versuchen, auf dem Land Schutz zu suchen. Im Iran gibt es keine Schutzbunker, in denen Menschen Sicherheit finden könnten. Die Schlangen an den Tankstellen sind lang, die Autos drängen sich auf den Straßen. Laut der in den USA ansässigen Menschenrechtsorganisation HRANA sollen bereits mindestens 133 Zivilisten bei den Angriffen getötet worden sein. Niemand weiß, wie lange dieser Krieg noch andauern wird, und was danach kommt.
Historische Zeiten für die Menschen im Iran, die Region und die Welt
Nur eines ist sicher: Die Menschen im Iran sind nicht nur bereit für Freiheit und Demokratie. Sie haben in den vergangenen 47 Jahren immer wieder bewiesen, dass sie zum Äußersten gehen, um den Weg zur Freiheit für die nächste Generation zu ebnen. Nicht nur sie träumen in diesen Tagen von einem Iran des Lichts. Auch Millionen Iranerinnen und Iraner im Ausland sehnen sich nach Freiheit für ihre Heimat. Die Transition in eine Demokratie ist möglich, wenn auch alles andere als sicher. Es sind historische Zeiten für die Menschen im Iran, die Region und die Welt. Am Ende steht, hoffentlich, ein Land, das ohne den Schatten einer Diktatur aufblühen kann.