Während Europa Milliarden in militärische Fähigkeiten im All investiert, entsteht im hohen Norden ein neuer Raumfahrtstandort. Ein deutsches Start-up spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Hinter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) liegen zwei Tage Aufenthalt in der Arktis. Dabei gab es ein volles Programm: Besuch bei der Militärübung "Cold Response", an der 1.600 Bundeswehrsoldaten teilnehmen, Gespräche über gemeinsame Rüstungsprojekte mit Kanada und über Energiekooperation mit Norwegen – und ein Abstecher nach Andøya zum Weltraumbahnhof im Norden des skandinavischen Landes.
Dort soll kommende Woche das deutsche Unternehmen Isar Aerospace eine Rakete starten – und erstmals auch Satelliten ins All befördern.
Daniel Metzler, Gründer, Vorstandschef und Mitgründer von Isar Aerospace, freut sich über den hohen Besuch: "Es gibt mittlerweile ein deutliches Bewusstsein dafür, dass der Weltraum eine zentrale Rolle für unsere Verteidigung spielt. Die Herausforderung besteht jetzt darin, diesem Bewusstsein Taten folgen zu lassen. Dazu braucht es gezielte Investitionen und starke Partnerschaften."
Merz bezeichnete das Projekt bei seinem Besuch als Beispiel europäischer Zusammenarbeit. Ziel sei es, die Abschreckungsfähigkeit Europas zu stärken und zugleich neue technologische Entwicklungen voranzutreiben.
Doch was genau macht Isar Aerospace in Norwegen – und warum ausgerechnet dort?
Ein deutsches Start-up will ins All
Das Unternehmen mit Sitz in Ottobrunn bei München entwickelt Trägerraketen für den Transport kleiner und mittlerer Satelliten sowie ganzer Satellitenkonstellationen in die Erdumlaufbahn. Gegründet wurde Isar Aerospace 2018 als Ausgründung der Technischen Universität München. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen mehr als 300 Mitarbeitende aus über 40 Nationen – viele mit langjähriger Erfahrung in der Raumfahrt oder in anderen High-Tech-Branchen.
Im vergangenen Jahr hatte das Start-up Aufträge von der Europäischen Union und der Europäischen Weltraumorganisation ESA für zwei Missionen erhalten. Die Starts sollen Satelliten eines niederländischen und eines französischen Unternehmens in die Umlaufbahn bringen. Isar Aerospace sieht darin einen wichtigen Schritt hin zu weiteren institutionellen Missionen mit seiner Trägerrakete "Spectrum".
Der erste Testflug fand Ende März 2025 statt und dauerte nur rund 30 Sekunden. Danach wurde der Flug abgebrochen, die Rakete stürzte kontrolliert ins Meer. Ein zweiter Test war ursprünglich bereits für den 21. Januar geplant, musste jedoch wegen ungünstiger Wetterbedingungen verschoben werden.
Der neue Weltraumbahnhof Europas
Dass ausgerechnet Norwegen ein wichtiger Startstandort für europäische Raketen ist, hat vor allem geografische Gründe. Der Weltraumbahnhof Andøya Spaceport liegt auf der Insel Andøya im Norden des Landes, weit über dem Polarkreis.
Schon seit den frühen 1960er-Jahren starten von dort Forschungsraketen und Ballons. 2023 eröffnete der norwegische Kronprinz Haakon den neuen Weltraumbahnhof offiziell. Er soll künftig auch europäischen Unternehmen – darunter deutschen Firmen – Startmöglichkeiten bieten und gilt als erster operativer orbitaler Spaceport auf dem europäischen Festland.
Der Standort bietet zahlreiche technische Vorteile: Durch die Nähe zum Nordpol und die Lage an der Küste lassen sich von Andøya aus besonders gut polare und sonnensynchrone Umlaufbahnen erreichen. Diese werden vor allem für Erdbeobachtungs-, Klima- und Aufklärungssatelliten genutzt – und sind weltweit stark nachgefragt.
Das deutsche Raumfahrtunternehmen Isar Aerospace hat derzeit eine Sonderrolle: Das Unternehmen erhält exklusiven Zugang zum ersten Startplatz, der eigens auf seine Raketen zugeschnitten ist und eine eigene Startrampe, eine Infrastruktur für die Nutzlastintegration sowie ein Kontrollzentrum umfasst.
Andøya als Testfeld für die deutsche Raumfahrt
Isar Aerospace ist jedoch nicht das einzige deutsche Raumfahrtprojekt, das vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya aus startet. Mehrere europäische Unternehmen nutzen den Standort zunehmend für Tests und Technologieentwicklung.
So absolvierte das britisch-deutsche Unternehmen Hypersonica mit Sitz in Wessling Anfang Februar seinen ersten Hyperschall-Testflug. Die Rakete SCOOTER HS-1 startete am 3. Februar vom Andøya Spaceport und erreichte laut Unternehmensangaben Geschwindigkeiten von über Mach 6 sowie eine Reichweite von mehr als 300 Kilometern. Während des Aufstiegs und des anschließenden Abstiegs durch die Atmosphäre hätten alle Systeme planmäßig funktioniert. Die Tests hätten es ermöglicht, die Leistung der einzelnen Komponenten unter Hyperschallbedingungen zu validieren.
Die Gründer Philipp Kerth (CEO) und Marc Ewenz (CTO) erklärten in einer Mitteilung, das Unternehmen habe damit "einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur Entwicklung der ersten souveränen Hyperschall-Angriffsfähigkeit Europas bis 2029 erreicht". Hypersonica wurde im Dezember 2023 von den beiden deutschen Wissenschaftlern gegründet, die zuvor an der Universität Oxford promoviert hatten.
Ähnlich ausgerichtet ist auch ein Forschungsprogramm des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR): Am 6. Oktober 2025 startete vom Weltraumbahnhof Andøya das Flugexperiment ATHEAt. Die Forschungsrakete erreichte Geschwindigkeiten von über Mach 9 und eine Höhe von mehr als 30 Kilometern. Der Flug dauerte rund vier Minuten, etwa zwei Minuten davon im Hyperschallbereich.
Die Entwicklung solcher Technologien steht vor allem im sicherheitspolitischen Kontext. Russland hat seine Hyperschallrakete "Oreschnik" bereits im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt und weitere Systeme nach Belarus verlegt. Die Rakete soll eine Reichweite von bis zu 5.500 Kilometern haben und sowohl mit einzelnen als auch mit mehreren Sprengköpfen ausgestattet werden können.
Die Bestrebungen von Hypersonica und der DLR zielen darauf ab, eine europäische Antwort auf russische Hyperschallraketen zu entwickeln.
Auch Rheinmetall setzt auf Andøya
Dass sich auch die deutsche Rüstungsindustrie für den Standort in Norwegen interessiert, überrascht daher kaum. Im September vergangenen Jahres unterzeichneten Andøya Space und Rheinmetall Nordic AS eine Absichtserklärung. Ziel ist es, gemeinsam kommerzielle Kapazitäten für zivile und militärische Weltraumoperationen auszubauen.
Nach Angaben der Unternehmen soll die Kooperation dazu beitragen, Satelliten künftig schneller starten zu können und damit den wachsenden Sicherheitsanforderungen in Europa gerecht zu werden. Langfristig sollen so regelmäßige kommerzielle Startdienste sowie flexible, kurzfristige Startmöglichkeiten vom europäischen Festland entstehen.
Bislang war Europa bei vielen Missionen auf Startplätze außerhalb des Kontinents angewiesen. Eigene Startkapazitäten stärken daher nicht nur die Raumfahrtindustrie stärken, sondern auch technologische und sicherheitspolitische Abhängigkeiten verringern. Der Weltraumbahnhof Andøya gilt deshalb als Schlüsselstandort für eine unabhängigere europäische Raumfahrt.
35 Milliarden Euro für militärische Fähigkeiten im All
Die Bedeutung eigener Weltraumkapazitäten ist inzwischen auch im Bundesverteidigungsministerium angekommen: Die Bundesregierung plant, in den kommenden Jahren rund 35 Milliarden Euro in die militärische Nutzung des Weltraums zu investieren.
Auch bei der deutsch-norwegischen Zusammenarbeit in der Raumfahrt kommt Bewegung in die politische Ebene. Nach seinem Besuch am Weltraumbahnhof erklärte Merz auf einer Pressekonferenz, er habe eine deutsch-norwegische Arbeitsgruppe zur Raumfahrt ins Leben gerufen.
Ziel sei es, Europa einen eigenständigeren Zugang zum Weltraum zu ermöglichen. Dass das notwenig sei, so Merz, habe ihn der Besuch der Weltraumstation noch einmal gezeigt.
"Sie ist die einzige, die wir in Europa haben. Wenn wir in dieser Zukunftstechnologie unabhängig werden wollen, dann brauchen wir auch solche Eigenständigkeiten, die uns sicherer und widerstandsfähiger machen," so der Bundeskanzler am Freitagnachmittag.
In der Branche wächst deshalb schon seit längerem die Hoffnung auf neue Aufträge – und auf einen Schub für europäische Raumfahrtunternehmen.
So auch bei Isar Aerospace Gründer Daniel Metzler. Er hofft, dass auch deutsche Raumfahrtfirmen davon profitieren können, trotz der starken Konkurrenz aus den USA, wie er in einem Statement des Unternehmens mitteilte.
Für ihn dürfte jedoch zunächst der 19. März entscheidend werden: An diesem Tag ist der zweite Start für Isar Aerospace vom Spaceport Andøya geplant – vorausgesetzt, das Wetter spielt diesmal mit.