300 Kilometer weit, 7.400 km/h schnell: Der Prototyp einer europäischen Hyperschallrakete hat seinen ersten Testflug bestanden. Liefert ein deutsch-britisches Start-Up damit die Antwort auf die russische Oreschnik-Rakete?
Europa hat eine Hyperschallrakete. Zumindest ist der erste erfolgreiche Test eines britisch-deutschen Herstellers abgeschlossen, serienreif könnte die Rakete im Jahr 2029 sein. Gibt Europa damit die Antwort auf die russische Oreschnik?
"Hypersonica hat einen wichtigen Meilenstein auf unserem Weg zur Entwicklung der ersten souveränen Hyperschall-Angriffsfähigkeit Europas bis 2029 erreicht", teilte das Unternehmen am Montag mit. "Dies ist ein stolzer Moment für die europäische Verteidigungsinnovation", so die Gründer Dr. Philipp Kerth und Dr. Marc Ewenz weiter.
Erste europäische Hyperschallrakete
Der Raketenprototyp von Hypersonica erreicht Geschwindigkeiten von sechsfacher Schallgeschwindigkeit, Mach 6 in Fachsprache. Das kommt mehr als 7.400 Kilometern pro Stunde gleich, in der Sekunde legt die Rakete zwei Kilometer zurück.
Damit kann die Rakete über 300 Kilometer weit fliegen. Laut Bericht des Unternehmens hat der Testflug im norwegischen Andøya einwandfrei geklappt. Während des Aufstiegs und des anschließenden Abstiegs durch die Atmosphäre sollen alle Systeme funktioniert haben. Laut Berichten hat der Testflug bereits am 3. Februar stattgefunden.
Der Testflug habe darüber hinaus wertvolle Daten geliefert. Damit könnten nach Angaben von Hypersonica künftige Hochgeschwindigkeits-Angriffssysteme weiterentwickelt werden. Auch die Waffenprofile von Gegnern könnten mit diesen Daten besser analysiert werden.
Raketen im Jahr 2029 serienreif
"Als Europäer, die den Werten der Freiheit und Demokratie verpflichtet sind, verfolgen wir diese Arbeit mit einem klaren Verantwortungsbewusstsein für die sichere und prinzipientreue Entwicklung dieser Spitzentechnologie", erklärte das Unternehmen, das sich selbst als privat finanziertes Start-Up bezeichnet und 2023 gegründet wurde.
Insbesondere der kurze Entwicklungszeitraum von etwa neun Monaten ermögliche neue Fähigkeiten in der Rüstungsindustrie, erklärte das Unternehmen weiter. Bis 2029 will das Unternehmen die Hyperschallrakete so weiterentwickeln, dass Europa Angriffsfähigkeit besitzt. Schrittweise sollen weitere Tests folgen, von Hyperschallflügen bishin zur Flugsteuerung und komplexeren Manövern.
"Dieser Ansatz wird es Europa ermöglichen, innerhalb der Zeitvorgaben sowohl des NATO- als auch des britischen Hypersonic Frameworks 2030 Hyperschallfähigkeiten einzusetzen – und das zu einem Bruchteil der üblichen Kosten", lautet das Fazit des Unternehmens in einer Pressemitteilung.
Es gab zudem eine weitere Finanzierungsrunde. Darin kommen dem Verteidigungs- und Luftfahrtstart-Up 23,3 Millionen Euro in der Serie A zugute. Auch die deutsche Regierung hat investiert.
"Stolzer Moment für die europäische Verteidigungsinnovation"
Nach Angaben von Hypersonica beteiligt sich die deutsche Bundesagentur für bahnbrechende Innovationen (SPRIND) gemeinsam mit mehreren hundert Ventures. Die Mittel sollen für weitere Flugtests im ersten Quartal 2026 genutzt werden. SPRIND-Direktor Rafael Laguna de la Vera betonte, die Investitionen würden zur "Verteidigungsautonomie Europas beitragen". Das fördere auch einen künftig unabhängigen Zugang zum Weltraum.
Sie würden nach Unternehmensangaben außerdem dazu beitragen, die Nachfrage der NATO-Mitgliedstaaten nach hochpräzisen Angriffskapazitäten zu decken – eine kritische Lücke im europäischen Verteidigungsportfolio.
"Unsere Mission ist klar: Europa mit dem technologischen Vorsprung auszustatten, den es braucht und will, um sich mit manövrierfähigen Hyperschallsystemen gegen militärische Aggressionen zu verteidigen und die demokratischen Werte zu schützen, die unsere Gesellschaften verbinden", erklärten die Gründer Kerth und Ewenz.
Europa rüstet auf und setzt vermehrt auf lokale Beschaffung. Die Abhängigkeit Europas von US-amerikanischen Rüstungsgütern hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri haben sich die Waffenimporte aus den USA nach Europa - einschließlich der Ukraine - zwischen 2020 und 2024 im Vergleich zu den fünf Jahren zuvor mehr als verdreifacht.
Zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten ging der größte Anteil der US-Waffenexporte nach Europa: Der Anteil stieg von 13 Prozent (2015–2019) auf 35 Prozent (2020–2024). Insgesamt verdoppelten die europäischen Nato-Staaten in diesem Zeitraum ihre Rüstungsimporte, wobei zwei Drittel davon aus den Vereinigten Staaten stammten. Jetzt soll eine Zeitenwende folgen, wie bereits Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und sein Nachfolger Friedrich Merz (CDU) erklärten.
Aktuell sieht der Haushaltsentwurf für 2026 Verteidigungsausgaben von insgesamt rund 108,2 Milliarden Euro vor. Das verteilt sich auf 82,7 Milliarden Euro im regulären Wehretat und 25,5 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr.
Der Großteil der Beschaffungsaufträge soll an europäische Hersteller fließen. Lediglich etwa acht Prozent sollen in den USA eingekauft werden, wie Euronews bereits im September berichtete.
"Oreschnik"-Angriff in der Ukraine
Russland hat seine Hyperschallrakete "Oreschnik" bereits im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt, weitere wurden nach Belarus verlegt. Die Rakete hat eine Reichweite von bis zu 5.500 Kilometern und kann sowohl mit einzelnen als auch mit mehreren Sprengköpfen bestückt werden.
Am 8. Januar teilte Russland mit, die Westukraine mit einer solchen Raktete angegriffen zu haben. Bereits im November 2025 drohte der russische Präsident Wladimir Putin, diese Raketen einzusetzen. "Wir schließen den Einsatz von Oreschnik gegen das Militär, Einrichtungen der Militärindustrie oder das Entscheidungszentrum, auch in Kyjiw, nicht aus", sagte Putin auf einer Pressekonferenz in Kasachstan, wie Euronews berichtete.
Die Rakete sei vermutlich mit Sprengstoffattrappen oder Trainingsmunition bestückt gewesen, sagte ein ranghoher Vertreter der Ukraine. Einschläge in der Betonstruktur der Werkstatt seien von kleiner Submunition verursacht worden. Die Strahlenbelastung sei normal, die Schäden sind offenbar überschaubar.
Bundeskanzler Friedrich Merz verurteilte den Angriff als "inakzeptabel". Auch aus Großbritannien und Frankreich kam scharfe Kritik.
In einem Beitrag auf X schrieb der Bundeskanzler, dass Russland mit dem Einsatz der "Oreschnik" eskaliere, während die Ukraine, Europa und die USA sich für Frieden einsetzen. Er bekräftige, dass "wir an der Seite der Ukraine stehen". Der Angriff richtete sich gegen die ukrainische Energieinfrakstruktur in Lwiw.
Auch die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas wertete den "Oreschnik"-Angriff als gezielte Machtdemonstration. Die Rakete sei "als Warnung an Europa und die USA gedacht", erklärte sie ebenfalls auf X. Präsident Wladimir Putin strebe ihr zufolge keinen Frieden an, vielmehr reagiere Russland auf diplomatische Bemühungen mit weiterer Zerstörung.
Russland hat nach Angaben Moskaus im Ukraine-Krieg Hyperschallraketen eingesetzt, die wegen ihrer extrem hohen Geschwindigkeit sehr schwer abzufangen sind. Militärs und Rüstungsexperten debattieren seit Jahren, ob und inwieweit Hyperschallraketen die bisherigen militärischen Kräfteverhältnisse zwischen USA und Europa sowie China und Russland verändern werden.