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Europas Düngemittelkrise: Hohe Preise wegen Iran-Krieg, abhängig von Russland

Rund ein Drittel der weltweiten Düngemittellieferungen läuft über die Straße von Hormus.
Rund ein Drittel der weltweiten Düngemittellieferungen läuft über die Straße von Hormus. Copyright  (c) Copyright 2023, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten Jan Woitas
Copyright (c) Copyright 2023, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten Jan Woitas
Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am
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Mitten in der Frühjahrsbestellsaison gerät der Düngemittelmarkt in eine Doppelkrise: Der Iran-Krieg treibt die Preise, die Straße von Hormus ist blockiert – und zugleich zeigt sich, wie abhängig Europa noch immer von russischen Lieferungen ist.

Jetzt müsste Winterweizen seine zweite Stickstoffgabe bekommen, Zuckerrüben warten auf die Aussaat, Raps auf die letzte Düngung vor der Blüte. Der März ist für die Landwirtschaft eine extrem wichtige Zeit. Doch ausgerechnet jetzt geraten die Düngermärkte unter Druck.

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Seit den US-Angriffen auf den Iran Ende Februar ist die Straße von Hormus blockiert – jene Meerenge am Ausgang des Persischen Golfs, durch die etwa ein Drittel des weltweiten Düngemittelhandels läuft. Wichtige Erzeugerländer wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Katar können ihre Harnstoff- und Ammoniaklieferungen nicht mehr planmäßig verschiffen.

Zusätzlich ist der Gaspreis stark gestiegen. Der europäische Gasreferenzpreis TTF (Title Transfer Facility) binnen weniger Wochen von rund 32 auf fast 52 Euro pro Megawattstunde. Das ist deshalb besonders relevant, weil Erdgas rund 80 Prozent der Produktionskosten stickstoffhaltiger Mineraldünger ausmacht.

Düngerpreise ziehen deutlich an

Die Folgen sind am Markt bereits sichtbar. In mehreren Bundesländern sind die Preise für wichtige Stickstoffdünger innerhalb weniger Wochen deutlich gestiegen. In Niedersachsen verteuerte sich Kalkammonsalpeter, einer der meistgenutzten Stickstoffdünger, innerhalb eines Monats um rund 15 Prozent. In Schleswig-Holstein kostete Harnstoff vor dem Iran-Krieg noch deutlich weniger als heute.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMLEH) betont auf Anfrage von Euronews: "Die Tragweite der weiteren Entwicklung hängt von der Dauer der kriegerischen Handlungen rund um den Iran und den Persischen Golf ab – es handelt sich um eine dynamische und volatile Marktlage."

Noch ist die Lage nicht mit den Extremwerten der Energiekrise 2022 vergleichbar, als Harnstoff zeitweise mehr als 1.000 Euro pro Tonne kostete. Das BMLEH bestätigt zudem: Deutsche Landwirte hätten schätzungsweise bereits 60 bis 80 Prozent ihres saisonalen Stickstoffbedarfs eingekauft. Im Handel heißt es jedoch, das Problem liege derzeit weniger in der Verfügbarkeit der Ware als in der Logistik: Händler und Spediteure kommen mit der Abwicklung kaum nach.

Paul Henschke bekommt für eine Tonne Brotweizen 176 Euro – für eine Tonne Dünger zahlt er mehr als das Dreifache.
Paul Henschke bekommt für eine Tonne Brotweizen 176 Euro – für eine Tonne Dünger zahlt er mehr als das Dreifache. © Landwirtschaftlicher Betrieb "PAUL HENSCHKE" 2026

"Da muss man gut rechnen"

Viele Höfe trifft der Preisanstieg trotzdem hart. Paul Henschke, der seinen Betrieb in Sachsen-Anhalt auf 80 Hektar im Nebenerwerb bewirtschaftet, konnte seinen Bedarf nicht wie größere Höfe schon im Herbst auf Vorrat einkaufen. Er muss jetzt zu aktuellen Preisen bestellen – und merkt, wie eng die Kalkulation geworden ist.

"Harnstoff kostet derzeit 550 Euro die Tonne netto, Kalkammonsalpeter rund 370 Euro", sagt er im Gespräch mit Euronews. Für seinen Betrieb gehe die Rechnung kaum noch auf: "Für 200 Kilo Kalkammonsalpeter zahle ich pro Hektar schon 70 Euro – nur für die erste Dünge-Gabe." Der Kalidünger sei dabei noch nicht einmal eingerechnet.

Gleichzeitig bekommt Henschke für seinen Futterweizen aktuell nur 168 Euro pro Tonne. Dazu kommen steigende Transportkosten, die direkt im Düngerpreis landen. Viel Spielraum bleibt da nicht. "Da muss man gut rechnen", sagt er.

Henschke erwartet dabei keine schnelle politische Reaktion. "Von der Agrarpolitik hat man noch nicht viel gehört, dass da Bewegung reingekommen ist. Das ist sehr träge", sagt er. Auf ein Eingreifen des Staates wartet er nicht.

Wird es bei Iran-Eskalation überhaupt noch Dünger geben?

Ähnliches berichtet Dr. Willi Kremer-Schillings, bekannt als "Bauer Willi", der seinen Ackerbaubetrieb in der Köln-Aachener Bucht zu rund 80 Prozent mit organischem Dünger wie Gülle und Gärresten bewirtschaftet. Auch dort schlagen die gestiegenen Kosten bereits durch. Die Ware selbst sei um rund 40 Prozent teurer geworden, sagt er – und obendrauf habe sich auch die Ausbringung verteuert.

Seinen Mineraldünger hatte Kremer-Schillings vorausschauend im Herbst eingekauft. Doch ihn treibt inzwischen eine grundsätzlichere Sorge um: ob die Ware bei einer weiteren Eskalation überhaupt noch physisch verfügbar sein wird. Schon in der Corona-Zeit sei genau das das entscheidende Problem gewesen – nicht nur der Preis, sondern die Verfügbarkeit.

Unterstützung erwartet auch er nicht. "Ich bin fest davon überzeugt, dass der Staat nichts tun wird. Man hat uns bisher fast immer nur Knüppel zwischen die Beine geworfen", sagt Kremer-Schillings. Er denkt pragmatisch: 'Wir sind Unternehmer – also unternehmen wir was." Dass sich die gestiegenen Kosten irgendwann auch im Supermarkt niederschlagen werden, hält er für unvermeidlich – allerdings mit Verzögerung von zwei bis drei Monaten.

Russland größter Düngeranbieter der Welt

Die Turbulenzen durch den Iran-Krieg legen zugleich ein strukturelles Problem offen, das Europa seit Jahren mit sich herumschleppt: die anhaltende Abhängigkeit von Russland als Düngerlieferant. Noch 2025 kamen laut EU-Kommission rund 22 Prozent der EU-Düngemittelimporte aus Russland – allein im ersten Halbjahr im Wert von 1,3 Milliarden Euro. Russland exportierte 2025 insgesamt 45 Millionen Tonnen Düngemittel und blieb damit weltgrößter Anbieter.

Für die Kriegskasse: Der russische Präsident Wladimir Putin trifft sich 2025 im Kreml mit Andrej Gurjew, dem Vorsitzenden des Verbands der russischen Düngemittelhersteller.
Für die Kriegskasse: Der russische Präsident Wladimir Putin trifft sich 2025 im Kreml mit Andrej Gurjew, dem Vorsitzenden des Verbands der russischen Düngemittelhersteller. AP Photo Pool Sputnik Kremlin

Osteuropa abhängig von russischem Dünger

Besonders abhängig sind osteuropäische Länder. Polen – eines der größten Agrarländer der EU – importierte trotz des heimischen Produzenten Grupa Azoty jahrelang erhebliche Mengen russischer Ware. Auch die baltischen Staaten und Bulgarien deckten Teile ihres Bedarfs in Russland.

Doch auch in Westeuropa greifen Händler wieder auf russische Alternativen zurück, wenn Lieferungen aus Katar und anderen Golfstaaten stocken. Das treibt die Preise zusätzlich, auch weil auf russische und belarussische Düngemittel inzwischen EU-Sonderzölle gelten.

Seit Juli 2025 erhebt die EU diese Sonderzölle auf russische und belarussische Düngemittel. Zum bestehenden Wertzoll von 6,5 Prozent kommt ein gestaffelter Mengenzoll, der in den kommenden Jahren deutlich steigen soll. Parallel schlug die EU-Kommission im Februar 2026 vor, die allgemeinen Zölle gegenüber anderen Ländern vorübergehend auszusetzen, um Alternativen aus Nordafrika und den USA leichter einführen zu können.

Auch Tobias Goldschmidt (Grüne), Energiewende- und Umweltminister von Schleswig-Holstein, fordert Konsequenzen. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sprach er sich für ein wirksames europäisches Sanktionsregime ohne Hintertür aus. Das reduziere die Abhängigkeit von Russland und stärke Europas Ernährungssouveränität.

Deutsche Düngerfabriken abhängig von russischem Gas

Landwirt Henschke beschreibt das strukturelle Dilemma nüchtern: "Wir haben in Deutschland Düngemittelwerke, aber die werden einfach runtergefahren, weil sie ohne russisches Gas nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können." Zudem verkauft Russland seinen Dünger seit Jahren zu Preisen, mit denen europäische Hersteller schlicht nicht mithalten können.

Das BMLEH verweist dabei auf bereits beschlossene Energieentlastungen: Die Gasspeicherumlage wurde zum Januar 2026 abgeschafft, die Stromsteuer auf EU-Mindestniveau gesenkt – Maßnahmen, die auch energieintensive Düngemittelproduzenten entlasten sollen.

Doch die Abhängigkeit von Russland hat tiefere Wurzeln. Die Ökonomen Werner Gleißner und Florian Follert schrieben bereits 2022 in der Fachzeitschrift Wirtschaftsdienst: "In Deutschland wurde mit dem Ausstieg aus der Nutzung der Nuklearenergie und dem weltweit einzigartigen fast zeitgleichen Ausstieg aus der Stromproduktion durch Kohle ein Weg beschritten, der auf Jahrzehnte zur vollständigen Abhängigkeit von Gas führt, das im Wesentlichen günstig aus Russland importiert werden sollte."

Felder wie dieses müssen jetzt gedüngt werden – doch Kalkammonsalpeter kostet in Deutschland aktuell rund 15 Prozent mehr als noch vor einem Monat.
Felder wie dieses müssen jetzt gedüngt werden – doch Kalkammonsalpeter kostet in Deutschland aktuell rund 15 Prozent mehr als noch vor einem Monat. AP Photo

Martin May, Geschäftsführer des Industrieverbands Agrar (IVA), warnt auf Nachfrage von Euronews deshalb ausdrücklich vor der Gefahr, dass heimische Produktionsanlagen dauerhaft schließen – mit Folgen nicht nur für die Versorgungssicherheit, sondern auch für die Klimabilanz: Denn europäische Hersteller produzieren nach deutlich strengeren Umwelt- und Klimastandards als russische Konkurrenten.

Viele Landwirte haben allerdings nicht den Luxus zu hinterfragen, woher ihr Dünger kommt. Kremer-Schillings sagt offen: "Ich kaufe meinen Dünger bei der Genossenschaft und die laden ihn mir auf den Anhänger. Woher der kommt, weiß ich nicht." Er vergleicht es mit Medikamenten: Wer frage schon nach, ob seine Tablette aus Indien oder China komme? Sie brauchen den Dünger, wenn die Felder ihn brauchen.

Die heimische Düngerproduktion unter Druck

Für den IVA liegt darin die eigentliche Lehre der Krise. "Eine starke heimische Düngemittelproduktion ist die wesentliche Säule für Versorgungssicherheit und Preisstabilität", sagt Geschäftsführer May. Mit den deutschen Produktionsanlagen allein lasse sich ein Großteil des inländischen Bedarfs an Mineraldüngern decken.

Gerade deshalb blickt die Branche mit Sorge auf politische Entscheidungen in Europa. May warnt, die geplante Aussetzung des CO2-Grenzausgleichsmechanismus CBAM stelle zentrale Rahmenbedingungen infrage und gefährde die Zukunft der europäischen Produktion.

Mehr als ein Preisschock

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) warnt zudem vor einer weiteren Dimension der Krise: dem möglichen Ausfall von Schwefel und anderen Rohstoffen aus der Golfregion, die als Nebenprodukte der Erdgasförderung anfallen und für die Düngemittelherstellung wichtig sind. Sollte die Eskalation im Iran andauern, hätte das nicht nur Folgen für Europa. Auch die Ernährungssicherheit in Afrika und im Nahen Osten könnte unter Druck geraten – mit möglichen Auswirkungen auf Migration und regionale Stabilität.

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