Die Grünen-Chefin bringt die Debatte um Generationengerechtigkeit neu in Gang – und stellt die einseitige Belastung junger Menschen offen infrage.
Warum sollen nur junge Menschen von einer Wehrpflicht betroffen sein, und nicht "die Alten", fragte Grünen-Parteichefin Franziska Brantner in einem Interview mit der Welt.
Bereits vergangenes Jahr haben die Grünen in Bayern eine Dienstzeit für alle bis zum 67. Lebensjahr in der Form eines "Freiheitsdienstes" vorgeschlagen. Wie Thomas Wiegold in seinem Blog Augen Geradeaus berichtet, schlugen die bayrischen Grünen einen Dienst vor, der zwischen dem 18. und 67. Lebensjahr zu leisten ist und für "alle mit festem Aufenthalt in Deutschland unabhängig von Staatsbürgerschaft oder Geschlecht" gilt.
Im Interview mit der Welt begründet Brantner ihre Forderung mit der Generationengerechtigkeit.
"Wir müssen Gerechtigkeitsfragen, die diese Generation umtreiben, beantworten", so Brantner. "Wer zahlt die Schulden zurück? Oder die Wehrpflicht, ich überspitze mal bewusst: Warum eigentlich nur für die Jungen? Was machen die Alten? Die Rente: Was kommt eigentlich in der jungen Generation an? Wie kommt sie im Zeitalter von KI noch an gute Jobs? Was ist, wenn jemand nicht mehr zu Hause ausziehen kann, weil die Mieten zu hoch sind? Ich habe mir vorgenommen, diese Fragen noch stärker ins Zentrum zu stellen."
Das seit Januar in Kraft getretene Neue Wehrdienstmodell der aktuellen Regierung sieht vor, dass alle 18-jährigen ab dem Jahrgang 2007 einen Fragebogen der Bundeswehr erhalten.
Für Frauen ist eine Beantwortung der Fragen freiwillig, für Männer hingegen verpflichtend. Das liegt vor allem daran, dass eine Änderung der Wehrpflicht eine Änderung des Grundgesetzes vorsieht, die die Regierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) nicht hat. Dasselbe würde auch für eine Änderung der Altersobergrenze gelten.
In Friedenszeiten endet die Wehrpflicht für Männer nach Vollendung des 45. Lebensjahres. In einem möglichen Spannungsfall verlängert sich der Pflichtdienst um 15 Jahre. Die Altersgrenze ist in dem Fall erst ab dem 60. Lebensjahr erreicht.
Wehrpflicht oder ein sozialer Pflichtdienst für Senioren?
Brantner ist nicht die erste, die eine Art Pflichtdienst für ältere Menschen vorgeschlagen hat. Generationenforscher Klaus Hurrelmann sagte in einem Interview mit dem NDR vergangenes Jahr, dass auch ihn die Generationenfrage beschäftige. Er fragte, warum die älteren Generationen grundsätzlich von einem Pflichtdienst ausgenommen werden sollten und schlug ein Pflichtjahr für Senioren als "eine Geste, die Generationengerechtigkeit" vor.
Auch der Ökonom Marcel Fratzscher hat sich in einem Interview im August 2025 mit dem Spiegel für ein verpflichtendes soziales Jahr für alle Rentner ausgesprochen.
Der Sozialverband VdK weist die Idee jedoch entschieden zurück: Präsidentin Verena Bentele bezeichnet sie als "Schnapsidee" und kritisiert, dass Rentner zunehmend für gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht würden.
Viele ältere Menschen engagierten sich bereits heute intensiv – etwa in der Pflege von Angehörigen, bei der Kinderbetreuung oder im Ehrenamt – und leisteten damit einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. Ein verpflichtendes Jahr sei dem VdK zufolge daher weder notwendig noch respektvoll gegenüber ihrer Lebensleistung.