Nach fast fünfeinhalb Jahren Haft hat die belarussische Oppositionelle Maria Kalesnikava eine klare Warnung an Europa: Sie sieht Belarus zunehmend unter russischem Einfluss. Ihr Appell: Jetzt mit Lukaschenko sprechen, sonst muss die EU es bald mit Putin tun.
Maria Kalesnikava – die prominente belarussische Oppositionelle – hat dem Machthaber Aleksander Lukaschenko fast fünfeinhalb Jahre lang im Gefängnis die Stirn geboten. Währenddessen erhielt sie den berühmten Karlspreis, den sie erst jetzt entgegennehmen konnte. Für sie ein besonderes Zeichen von Solidarität. Nach Vermittlung durch die USA kam sie im vergangenen Dezember frei. Dennoch will die Flötistin weiter politisch aktiv sein. In Berlin sprach Euronews mit ihr über die Zukunft ihrer Heimat Belarus.
"Es gibt große Sorgen, dass Belarus seine Souveränität verlieren könnte. (...) denn ökonomisch sind wir nicht mehr so unabhängig wie früher", sagt Kalesnikava. Diese Entwicklung sei das Ergebnis westlicher Sanktionen. Durch den Druck kehre Lukaschenko in die Arme Russland zurück und der russische Präsident Wladimir Putin würde davon profitieren, wenn Belarus keinen Kontakt mehr zur EU habe.
EU und Belarus: Gespräche statt Sanktionen?
Lukaschenko gilt als engster Verbündeter Putins, der seit dem 24. Februar 2022 einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt. Bislang war Kalesnikavas Heimat nicht aktiv am Krieg gegen die Ukraine beteiligt. Doch im Dezember 2025 haben Russland und Belarus eine Militärübung mit 12.000 Soldaten an der polnischen Grenze durchgeführt. Die Angst vor einer versteckten Mobilmachung russischer Soldaten von Belarus aus in die Ukraine wurde damit größer. Doch den Menschen in Belarus fehlt jede Möglichkeit, sich zu wehren. Proteste werden brutal niedergeschlagen, die Opposition verfolgt. Als Reaktion auf die Unterdrückung der Zivilgesellschaft hat die EU Sanktionen gegen Belarus verhängt.
Lukaschenko hält seit 1994 an seiner Macht fest. 2020 forderten ihn drei Frauen heraus: Maria Kalesnikava, die Oppositionsanführerin Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo. Sie zogen gegen den belarussischen Machthaber in den Wahlkampf und bekamen riesige Unterstützung von ihren Mitbürgern. Doch am 9. August 2020 wurde Lukaschenko wiedergewählt, mit 80 Prozent der Stimmen. Viele Belarussen und westliche Staaten sind überzeugt: Die Wahlen wurden manipuliert.
Kalesnikawa: "Die Entscheidung, den Pass zu zerreißen, war viel leichter, als ein Salat im Restaurant zu bestellen"
In Belarus gingen die Menschen daraufhin auf die Straßen. Dagegen ging das Regime von Lukaschenko mit äußerster Gewalt vor. Menschen wurden brutal zusammengeschlagen. Es folgten Massenverhaftungen. Und die drei Frauen wurden für Lukaschenko zur größten Gefahr. Tichanowskaja und Zepkalo wurden ins Ausland verbannt und Kalesnikava wurde mit Gewalt an die ukrainisch-belarussische Grenze gebracht. Als sie realisierte, dass sie abgeschoben werden sollte, zerriss sie ihren Pass.
Diesen Moment beschreibt Kalesnikava heute gegenüber Euronews mit Humor: "Die Entscheidung, den Pass zu zerreißen, war viel leichter, als ein Salat im Restaurant zu bestellen", sagt sie und lacht.
Im September 2020 wurde sie verhaftet. Doch Kalesnikava bereut nichts. Sie würde heute alles genauso machen wie 2020, auch ins Gefängnis gehen. "Für mich war es ganz wichtig, dass ich als Politikerin auch in schlechten Zeiten nahe an meinem Volk bin und mit ihnen diesen schrecklichen Weg gehen kann", sagt sie.
Nun kann sie nicht mehr direkt zu ihrem Volk sprechen. Deshalb setzt sie auf die Unterstützung Europas. Kalesnikava hofft, dass Engagement und Solidarität langfristig den Weg zu mehr Demokratie und Unabhängigkeit in Belarus stärken werden.
Die jungen Belarussen wachsen mit Putins Propaganda auf
Das sei besonders wichtig, denn die jüngeren Generationen in Belarus hätten die blutigen Proteste von 2020 und den Kampf der oppositionellen Bewegung nicht mehr mitbekommen – eine große Gefahr für die demokratische Zukunft von Belarus, sagt Kalesnikava, insbesondere angesichts einer aggressiven russischen Propaganda. "Sie würden nicht verstehen, warum wir gekämpft haben, wie sich Freiheit anfühlt und wie der europäische Lifestyle ist", so die belarussische Oppositionelle zu Euronews.
Deshalb sei es wichtig, dass die EU mit Lukaschenko spricht. "Sprechen heißt nicht akzeptieren, sondern die eigenen Interessen der EU zu vertreten und damit eine Möglichkeit zu finden, Belarus zu beeinflussen", so Kalesnikava. Ohne Gespräch sei das nicht möglich Schließlich sei sie selbst ein Ergebnis solcher Gespräche, die der US-Präsident Donald Trump, der Rechtsanwalt John Coale und der US-Kongressabgeordnete Chris Smith mit Lukaschenko geführt haben.
Am 13. Dezember wurde Kalesnikava aus der Haft entlassen. Sie kam im Rahmen eines Deals frei, bei dem über 120 politische Gefangene freigelassen wurden. Doch in Belarus stecken weiterhin mehr als 1.000 politische Gefangene unter härtesten Bedingungen im Knast.
Kalesnikava warnt eindringlich: "Wenn man nicht mit Lukaschenko sprechen will, dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem man mit Putin sprechen muss." Das sei aus ihrer Sicht viel schlimmer.