Im ungarischen Wahlkampf jagt ein Skandal den nächsten: eine einvernehmliche Affäre, ein KI-Video eines erschossenen ungarischen Soldaten, die Klobürstenaffäre, aussagende Uniformierte und Sprengstoff an einer Gasleitung. Das sind die größten Eklats eines Wahlkampfs, der immer weiter eskaliert.
Nichts zeigt deutlicher, wie zugespitzt diese Wahl ist, als das Tempo dieses Wahlkampfs im Vergleich zu den vergangenen zwanzig Jahren. Seit Wochen rast die Kampagne in einem kaum noch nachzuvollziehenden Rhythmus. Beinahe täglich geschieht etwas, das vor wenigen Monaten noch so groß gewesen wäre, dass es tagelang, vielleicht sogar wochenlang die Titelseiten beherrscht hätte. Jetzt verdrängt eine neue Enthüllung die vorige oft schon nach wenigen Stunden, spätestens am nächsten Tag. Leaks, Enthüllungen und Skandale jagen einander ohne Pause.
Wie extrem dieser Wahlkampf im Vergleich zu früheren Runden tatsächlich ausfällt, lässt sich im Moment nur schwer seriös einschätzen. Das liegt auch daran, dass wir alle einer kognitiven Verzerrung unterliegen, die im Englischen "recency bias" heißt.
Wegen dieses Näheeffekts überschätzen wir Ereignisse, die zeitlich nah an der Gegenwart liegen, und bewerten ältere Entwicklungen systematisch als weniger wichtig. Vieles spricht jedoch dafür, dass viele Menschen das Gefühl haben: In Ungarn hat es seit Menschengedenken keinen derart erbitterten Wahlkampf gegeben wie jetzt.
Wie aufgeheizt die Lage ist, zeigt auch, dass Reddit-Nutzer seit Wochen eigene Kalender anlegen, um bei all den wichtigen Ereignissen nicht den Überblick zu verlieren. Das Portal hvg.hu hat die wichtigsten Episoden der vergangenen Monate in einer seitenlangen Infografik zusammengefasst. Auf dieser Grundlage und mithilfe weiterer Quellen greifen wir im Folgenden einige der markantesten Geschichten heraus.
Ungarischer Minister beleidigt Roma vulgär
Offiziell begann die Wahlkampfzeit am 21. Februar. Politisch brisant wurde es aber schon im Januar. Damals eskalierte die Affäre um das Heim in der Szőlő utca. Der ehemalige Politiker Péter Juhász hatte Ende Dezember Videos veröffentlicht, die Misshandlungen in einer Besserungsanstalt zeigen. Auf einer Aufnahme ist zu sehen, wie der Direktor den Kopf eines Jungen mit voller Wucht auf den Tisch schlägt.
Für die Regierung war dieser Skandal besonders peinlich. Die Unterstützung von Familien gehört zu ihren wichtigsten Markenzeichen, und wegen Missständen im Kinderschutzsystem mussten bereits Staatspräsidentin Katalin Novák und Justizministerin Judit Varga zurücktreten. Am Ende stellte die Regierung die Einrichtung in der Szőlő utca zunächst unter Polizeiaufsicht, schloss sie dann am 19. Januar und stellte das gesamte System der Besserungsanstalten um.
Nur wenige Tage später, am 23. Januar, leistete sich János Lázár einen folgenschweren Ausrutscher. Der Verkehrsminister, damals der einzige Fidesz-Politiker, der landesweit auf Foren tourte, bezeichnete einheimische Roma als "innere Reserve" und sagte, man könne sie notfalls einsetzen, um die "vollgeschissenen" Zugtoiletten zu putzen, falls sich sonst niemand dafür finde.
Aus diesen geschmacklosen Äußerungen wurde ein Dauerskandal, und die Klobürste entwickelte sich zu einem der Symbole des Protests gegen die Regierung. Wie stark das bis heute nachwirkt, zeigte sich vor einigen Wochen, als wir den Wahlkampf in Dörfern im Komitat Nógrád beobachteten, in denen besonders viele Roma leben. Aktivisten der Tisza-Partei verwiesen dort ausdrücklich auf Lázárs Worte, um die Menschen davon zu überzeugen, dass sich die Regierung nicht um sie kümmert.
Die Tisza-Partei selbst kam zu Jahresbeginn zunächst relativ skandalfrei durch - das hielt allerdings nicht lange. Im Januar präsentierte sie zwei prominente Ministerkandidaten, István Kapitány und Anita Orbán. Die Regierungsseite griff beide sofort wegen früherer beruflicher Stationen und internationaler Kontakte an und weitete die Attacken rasch auf andere Tisza-Politiker aus.
Viktor Orbán legte am 4. Februar in seiner Jahresbilanz nach: Er beschimpfte Shell und die Erste Bank als "Todesschmarotzer" und "Kriegshunde". Kapitány hatte eine Führungsposition bei Shell inne, beim Geldinstitut Erste arbeitete früher der Tisza-Haushaltsexperte András Kármán.
Drogen am Tisch und geschminkter Hintern im Staatsfernsehen
Knapp eine Woche später tauchte im Internet das Foto eines Betts auf - und hielt die Öffentlichkeit tagelang in Atem. Péter Magyar ging der drohenden Affäre schnell offensiv entgegen und trat selbst vor die Presse. Er erklärte, in dem Bett habe er eine "konsensuale sexuelle Beziehung" mit Evelin Vogel gehabt, die zu diesem Zeitpunkt nicht mehr seine Freundin gewesen sei. Laut Magyar geschah das nach einer Tisza-Party in den frühen Morgenstunden. In der Wohnung habe er außerdem eine "drogenähnliche Substanz" gesehen, von der er aber nichts konsumiert habe.
Auf das Foto folgte bislang kein Video. Regierungstreue Akteure nutzen die Bilder dennoch für eine Reihe von Vorwürfen gegen Magyar. Einige deuten an, der Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten konsumiere Drogen. Andere suggerieren, er habe nicht nur mit Evelin Vogel, sondern auch mit dem Tisza-Vizechef Márk Radnai im Bett gelegen.
Zusätzlich angeheizt wurde die Stimmung durch einen Audiomitschnitt, der vor gut einer Woche veröffentlicht wurde. Darauf soll Radnai mit Evelin Vogel sprechen, die unter anderem sagt: "Sagen wir mal, bei dir steckt er ihn nicht trocken rein." Der Sänger János Petrás von der nationalkonservativen Rockband Kárpátia erklärte danach im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, Péter Magyar wisse nicht, ob er Frauen oder Männer lieber möge.
"Sollen sie einfach entscheiden, ob sie so einen Menschen an der Spitze des Landes sehen wollen. Einen, der dann mit Donald Tusk bespricht, wessen Hintern stärker nach Lippenstift aussieht, wenn sie sich mit Selenskyj treffen", sagte der Sänger, während der Moderator erfolglos versuchte, ihn zu bremsen.
Erschossener ungarischer Soldat an der Front
Zurück in den Februar: Am 21. begann die offizielle Wahlkampfperiode. Für die beiden großen Parteien bedeutete das vor allem, verkünden zu können, alle nötigen Unterstützungsunterschriften innerhalb weniger Stunden eingesammelt zu haben und ihre Wahlplakate in den Straßen aufzuhängen. Im Netz lief der Wahlkampf da aber längst auf Hochtouren. Einen Tiefpunkt erreichte er schon zwei Tage zuvor, am 19. Februar.
An diesem Tag veröffentlichte die Budapester Fidesz-Organisation auf Facebook ein KI-generiertes Video. Darin weint ein ungarisches Mädchen seinem Vater hinterher, der an der Front schließlich mit einem Kopfschuss getötet wird. Die Botschaft des viel diskutierten Clips: Wer nicht Fidesz wählt, riskiert den Krieg.
Eine der großen Neuerungen dieses Wahlkampfs ist die zentrale Rolle der Künstlichen Intelligenz. Was sich in den vergangenen Monaten abgespielt hat, ist auch im internationalen Vergleich außergewöhnlich: von Desinformationskampagnen mit manipulierten Fotos bis hin zu Fake-Videos, in denen Péter Magyar mit täuschend echter Stimme Sätze spricht, die perfekt in die Fidesz-Erzählung passen.
Die eigentlichen großen Skandale standen da aber erst bevor. Mit der Zeit richtete Viktor Orbán seine Attacken immer weniger gegen die Opposition und immer stärker gegen die Ukraine. Ende des Monats erklärte er schließlich, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe Ungarn unter Ölblockade gestellt und sei aus politischen Gründen nicht bereit, die zuvor von Russland bombardierte Pipeline "Freundschaft" wieder zu öffnen.
Regierungsnahe Demo vor ukrainischer Botschaft
In den folgenden Tagen griff Orbán Selenskyj ununterbrochen an. Der ukrainische Präsident antwortete am 5. März: Sollte Orbán seine Drohung wahrmachen und den von der EU für die Ukraine vorgesehenen Kredit über neunzig Milliarden Euro tatsächlich blockieren - an dem Ungarn selbst nicht beteiligt ist und dem Budapest bereits einmal zugestimmt hatte -, werde er ungarischen Soldaten Orbáns Kontaktdaten geben, damit sie persönlich mit ihm sprechen könnten.
Die Antwort der ungarischen Regierung bestand darin, eine Demonstration vor der ukrainischen Botschaft in Budapest zu organisieren. Der Skandal nahm noch zu, als am nächsten Tag bekannt wurde: Ungarische Behörden hatten einen ukrainischen Geldtransporter angehalten, die Besatzung in Handschellen gelegt und die Ladung - Bargeld und Gold im Wert von 28 Milliarden Forint - beschlagnahmt.
Nach der Fidesz-Erzählung handelte es sich um das Geld einer "Kriegsmafia". Einige Regierungsmitglieder deuteten zugleich an, dass bei diesen regelmäßigen Transporten immer wieder Summen in Ungarn "hängen geblieben" sein könnten, mit denen die Ukraine oppositionelle Kräfte unterstützt habe. Den Höhepunkt dieser Drohkulisse markierte ein paar Tage später ein Facebook-Video, in dem Orbán seine Enkelkinder anruft. Er wisse, dass seine ganze Familie in Gefahr sei, sie sollten sich aber keine Sorgen machen.
Szijjártó-Lawrow-Kontakte rücken ins Zentrum
So ging es in den Nationalfeiertag am 15. März hinein. Die wichtigste Frage lautete an diesem Tag: Zu wessen Aufmarsch kamen mehr Menschen - zur Tisza-Partei oder zu Fidesz? Beide beantworteten sie erwartungsgemäß zugunsten des eigenen Lagers. Die Regierung berief sich zur Untermauerung auf Mobilfunkdaten, doch mehrere Experten stellten diese Methode infrage. Eine unabhängige Forschungsgruppe kam schließlich zu dem Schluss, dass deutlich mehr Menschen mit der Tisza-Partei auf die Straße gingen - etwa das Dreifache.
Eine Woche später rückte Außenminister Péter Szijjártó ins Zentrum des Wahlkampfs - und dort steht er bis heute. Am 22. März veröffentlichte die Washington Post einen Bericht, wonach Szijjártó in den Pausen von EU-Gipfeln regelmäßig seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow Bericht erstattet habe. Der Minister wies die Vorwürfe zurück, doch in den Wochen darauf erschienen mehrere ähnlich gelagerte Recherchen in internationalen Medien.
Geheimdienstler und Ermittler packen reihenweise aus
Ende März begann dann ein regelrechtes Feuerwerk. Am 24. veröffentlichte das Rechercheportal Direkt36 einen Bericht, wonach der ungarische Inlandsgeheimdienst Alkotmányvédelmi Hivatal daran gearbeitet habe, die Tisza-Partei zu zerschlagen. Einen Tag später trat der wichtigste Informant des Artikels, der Ermittler Bence Szabó von der Nationalen Ermittlungsbehörde, mit Namen und Gesicht in einem Video auf und schilderte die ganze Geschichte. Der Clip schlug hohe Wellen und wurde bis heute rund 2,7 Millionen Mal abgespielt - fast so oft wie das Partizán-Interview, mit dem Péter Magyar im Februar 2024 seinen politischen Einstieg verkündet hatte.
Wieder einen Tag später geriet einer der Protagonisten der Szijjártó-Ermittlungen, der Investigativjournalist Szabolcs Panyi, ins Visier. Öffentlich wurde ein Mitschnitt, in dem Panyi mit einer Quelle über Szijjártós Telefonnummer spricht und sagt, er stehe in sehr gutem Kontakt mit der Tisza-Außenministerkandidatin Anita Orbán. Die Regierungspartei warf dem Journalisten vor, sich mit ausländischen Geheimdiensten gegen die ungarische Regierung verschworen und ihnen Szijjártós Telefonnummer weitergegeben zu haben.
Am selben Tag erschien die Dokumentation "Szavazat ára" ("Der Preis der Stimme"), die inzwischen ebenfalls über zwei Millionen Aufrufe zählt. Der Film zeigt, wie Vertreter der Regierungspartei Stimmen von Menschen kaufen, die unter so prekären Bedingungen leben, dass ein Sack Kartoffeln oder zehntausend Forint für sie eine enorme Hilfe sind. Ebenfalls an diesem Tag wurde bekannt, dass der Sohn des früheren Notenbankchefs György Matolcsy seinen Besitz nach Dubai ausfliegen lässt.
Noch vor Monatsende kam die Regierungsantwort auf die Affäre um Bence Szabó: Die Behörden veröffentlichten ein Video aus einer Geheimdienstvernehmung und behaupteten, der frühere IT-Spezialist der Tisza-Partei, der in den Ermittlungsakten unter dem Decknamen Gundalf geführt wurde, habe für die Ukraine spioniert. Gundalf, mit bürgerlichem Namen Dániel Hrabóczki, trat später ebenfalls vor die Kameras und erklärte, er habe die Vernehmer des Alkotmányvédelmi Hivatal bewusst in die Irre geführt.
Fast explodiert eine Bombe
Im März berichtete auch die internationale Presse darüber, dass Russland offenbar versucht, die Wahl zu beeinflussen, um seinen Verbündeten Viktor Orbán an der Macht zu halten. Im Netz kursierten in den vergangenen Wochen zahlreiche Falschmeldungen zur Abstimmung. Für diese Propagandakampagne wurde auch Euronews missbraucht: Eine Seite, die mit unserer Redaktion nichts zu tun hat, aber das Erscheinungsbild von Euronews kopierte, verbreitete Ende des Monats Kreml-freundliche Propaganda.
Am 2. April trat dann ein weiterer Insider mit hohem persönlichem Risiko aus den Reihen der Uniformierten heraus und stellte sich gegen das System: Hauptmann Szilveszter Pálinkás von der ungarischen Armee gab ein aufsehenerregendes Interview. Darin schilderte er, der Verteidigungsminister sei völlig ungeeignet für sein Amt, und die Streitkräfte hätten nur deshalb mit der Vorbereitung einer Militärmission im Tschad begonnen, weil dies der Wunsch des Sohns des Ministerpräsidenten gewesen sei.
Die Whistleblower erhielten aus dem oppositionellen Lager enorme Unterstützung. Gundalf, also Dániel Hrabóczki, trat bei einer Tisza-Wahlkampfveranstaltung auf, wurde frenetisch beklatscht und gab Autogramme. Für Bence Szabó startete eine Solidaritätskampagne. Insgesamt kamen 275 Millionen Forint zusammen, den Großteil des Geldes stellte der Hauptmann für wohltätige Zwecke zur Verfügung. In den darauffolgenden Tagen traten weitere Menschen "aus dem System heraus" gegen die Regierung auf - etwa ein weiterer Ermittler der Nationalen Ermittlungsbehörde oder ein ehemaliger Mitarbeiter der Wettbewerbsbehörde.
Die nächste "Bombe" platzte - oder genauer: eben nicht - an Ostersonntag. Der Ministerpräsident erklärte, die serbische Armee habe auf serbischer Seite der serbisch-ungarischen Grenze Sprengstoff in der Nähe einer Gasleitung entdeckt, die nach Ungarn führt. Es geschah nichts Schlimmeres, doch die Regierung schickte daraufhin Soldaten zum Schutz des ungarischen Abschnitts der Leitung - nur wenige Wochen, nachdem bereits das Militär zur Bewachung von Energieanlagen abgestellt worden war.
Für die letzten Tage bleibt noch Munition
Im Schlussspurt des Wahlkampfs konzentriert Fidesz seine Kommunikation auf einen neuen Audiomitschnitt, in dem Péter Magyar sagt, es werde einen "scheißgroßen Krieg" geben. In welchem Zusammenhang der Kandidat darüber spricht, geht aus der Aufnahme nicht hervor. Die Regierung nutzt sie trotzdem als Beleg dafür, dass nur Fidesz das Land vor dem Krieg bewahren könne.
In der oppositionellen Öffentlichkeit dominiert derweil eine andere Sorge: dass die Regierung mit russischer Hilfe eine gewaltsame Provokation vorbereiten könnte - möglicherweise schon beim großen oppositionellen Open-Air-Konzert am Freitagabend in Budapest. Darüber schrieben der frühere hohe Geheimdienstoffizier Péter Buda und der Außenpolitik-Experte András Rácz.
Am Ende kann es natürlich sein, dass gar nichts geschieht - oder etwas völlig anderes. Im Wahlkampf bleiben noch gut eineinhalb Tage, und gemessen an den vergangenen Wochen ist das mehr als genug Zeit für weitere Ereignisse, die die Stimmung im Land noch einmal aufwühlen.