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Tschernobyl: Natur erobert die Sperrzone und schafft unerwartetes Wildtierparadies

Wildlebende Przewalski-Pferde grasen in einem Wald der Sperrzone von Tschernobyl. 8. April 2026
Wildlebende Przewalski-Pferde grasen in einem Wald der Sperrzone von Tschernobyl. 8. April 2026 Copyright  AP Photo/Evgeniy Maloletka
Copyright AP Photo/Evgeniy Maloletka
Von Angela Symons mit AP
Zuerst veröffentlicht am
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Vierzig Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschornobyl ist das Gelände für Menschen noch immer zu gefährlich, und die Natur erobert sich das riesige Areal zurück.

Auf verseuchtem Land, das für Menschen zu gefährlich ist, streifen die wildesten Pferde der Welt frei umher.

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In der Sperrzone von Tschernobyl in der Ukraine weiden Przewalski-Pferde – kompakt, sandfarben und fast wie Spielzeug – in einem radioaktiv verseuchten Landstrich, der größer ist als Luxemburg.

Vor vierzig Jahren, am 26. April 1986, schleuderte eine Explosion in dem sowjetischen Atomkraftwerk Radioaktivität über Europa und zwang ganze Städte zur Evakuierung; zigtausende Menschen mussten ihre Heimat verlassen. Es war die schlimmste Reaktorkatastrophe der Geschichte.

Vier Jahrzehnte später ist Tschernobyl für Menschen noch immer zu gefährlich. Tiere dagegen haben das Gebiet zurückerobert.

Wölfe streifen heute durch das riesige Niemandsland zwischen Ukraine und Belarus, und Braunbären sind nach mehr als einem Jahrhundert zurückgekehrt. Auch Luchse, Elche, Rothirsche und sogar frei lebende Hundefamilienhaben sich wieder vermehrt.

Ein Reh läuft in der Sperrzone von Tschernobyl durch den Schnee
Ein Reh läuft in der Sperrzone von Tschernobyl durch den Schnee Chornobyl Radiation and Ecological Biosphere Reserve/Copyright 2026 The AP. All rights reserved

Przewalski-Pferde: bemerkenswerter Erfolg der Wiederansiedlung

Die ursprünglich aus der Mongolei stammenden Przewalski-Pferde standen einst kurz vor dem Aussterben. 1998 setzte man sie hier versuchsweise aus.

Auf Mongolisch heißen sie "Takhi", Geist. Die Pferde unterscheiden sich deutlich von Hauspferden: Sie besitzen dreiunddreißig Chromosomenpaare, Hauspferde zweiunddreißig. Ihren heutigen Namen tragen sie nach dem russischen Forscher, der sie als Erster wissenschaftlich beschrieb.

Dass die Ukraine heute eine frei lebende Population hat, sei "fast ein kleines Wunder", sagt Denys Vyshnevskyi, leitender Naturschutzexperte der Sperrzone.

Seit der menschliche Druck wegfällt, erinnern Teile der Sperrzone an europäische Landschaften wie vor Jahrhunderten, erklärt er und fügt hinzu: "Die Natur erholt sich relativ schnell und erstaunlich gut."

Der Wandel ist überall sichtbar. Bäume sprengen verlassene Gebäude, Straßen verschwinden unterm Wald. Verwitterte Schilder aus Sowjetzeiten stehen neben schiefen Holzkreuzen auf überwucherten Friedhöfen.

Versteckte Kameras zeigen, wie sich die Pferde auf überraschende Weise anpassen. Sie suchen Schutz in einstürzenden Scheunen und verlassenen Häusern, um Unwettern und Insekten zu entgehen – und legen sich dort sogar zum Schlafen nieder.

Die Pferde leben in kleinen Gruppen: meist ein Hengst mit mehreren Stuten und deren Fohlen. Daneben ziehen separate Junggesellengruppen junger Hengste umher. Viele Tiere starben nach der Aussetzung, andere passten sich an.

1969 galten Przewalski-Pferde in freier Wildbahn als ausgestorben. Nur Zuchtprogramme in Gefangenschaft retteten die Art, bevor Wiederansiedlungen den weltweiten Bestand wieder auf rund 3.000 Tiere brachten, berichtet Florian Drouard, Betriebsleiter eines Programms für die Pferde im Nationalpark Cévennes in Südfrankreich.

"Diese Art ist ein bemerkenswertes Beispiel für eine gelungene Wiederansiedlung", sagt er. "Ganz sicher ist ihr Fortbestand noch nicht. Aber sie zeigt, dass eine in Gefangenschaft gehaltene Art mit guter Vorbereitung ihre sozialen und ökologischen Verhaltensweisen zurückgewinnen kann, um wieder frei zu leben."

Das Pferd habe sich als erstaunlich anpassungsfähig erwiesen, sagt er. Eigentlich an offene Steppen gewöhnt, komme es inzwischen auch in der teils bewaldeten Landschaft der Ukraine gut zurecht.

Ein Luchs im Wald in der Sperrzone von Tschernobyl
Ein Luchs im Wald in der Sperrzone von Tschernobyl Chornobyl Radiation and Ecological Biosphere Reserve/Copyright 2026 The AP. All rights reserved

Strahlung und Waldbrände: Folgen für die Tierwelt

Die Tiere von Tschernobyl zu verfolgen, kostet Zeit. Vyshnevskyi ist oft stundenlang allein im Auto unterwegs und installiert bewegungsempfindliche Kamerafallen in getarnten Gehäusen an Bäumen.

Trotz der anhaltenden Strahlung beobachten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kein massenhaftes Tiersterben. Feinere Folgen sind jedoch sichtbar. Einige Frösche haben eine dunklere Haut entwickelt, und Vögel in stärker verstrahlten Gebieten entwickeln häufiger Katarakte.

Doch neue Bedrohungen sind hinzugekommen.

Mit der russischen Invasion 2022 kam es zu Gefechten in der Sperrzone, als Truppen in Richtung Kyjiw vorrückten und Stellungen in den verseuchten Boden gruben. Mit dem Militärbetrieb verbundene Brände fraßen sich durch die Wälder.

Auch strenge Winter in Kriegszeiten haben Spuren hinterlassen. Beschädigte Stromleitungen ließen die angrenzenden bewirtschafteten Flächen ohne Versorgung. Forscher berichten von mehr umgestürzten Bäumen und verendeten Tieren.

"Die meisten Waldbrände entstehen durch abgestürzte Drohnen", sagt Oleksandr Polischuk, der in der Zone eine Feuerwehreinheit leitet. "Manchmal müssen wir Dutzende Kilometer fahren, um sie zu erreichen."

Brände wirbeln radioaktive Partikel erneut in die Luft.

Heute ist die Sperrzone mehr als nur ein zufälliges Refugium für Wildtiere. Sie hat sich zu einem streng überwachten militärischen Korridor entwickelt, geprägt von Betonbarrieren, Stacheldraht und Minenfeldern – einer Landschaft, die manche als von düsterer Schönheit beschreiben.

Um die Strahlenbelastung zu begrenzen, wechseln die Einsatzkräfte regelmäßig. Tschernobyl wird wohl über Generationen hinweg Sperrgebiet bleiben – für Menschen zu gefährlich, zugleich voller Leben.

"Für uns, die im Naturschutz und in der Ökologie arbeiten, ist das ein kleines Wunder", sagt Vyshnevskyi. "Dieses Land war einst intensiv genutzt – mit Landwirtschaft, Städten, Infrastruktur. Doch die Natur hat hier gewissermaßen einen kompletten Neustart vollzogen."

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