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Strahlende Wildschweine bis heute - 40 Jahre Reaktorkatastrophe von Tschernobyl

Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986
Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 Copyright  AP/Copyright 1986 The AP. All rights reserved
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Von Kirsten Ripper & Euronews mit APTN
Zuerst veröffentlicht am
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Die größte Katastrophe in der zivilen Nutzung der Kernenergie in Tschernobyl hat 1986 in ganz Europa Angst und Schrecken ausgelöst. Doch wie war das damals, warum sind Pilze und Wildschweine bis heute kontaminiert und ist Atomenergie heute nachhaltig, wie die EU sagt?

Nur die Älteren erinnern sich noch an die Atomkatastrophe von Tschernobyl, den GAU (den "größten anzunehmenden Unfall") in einem der größten Kernkraftwerke der Welt am 26. April 1986. Eigentlich heißt das AKW auf Ukrainisch Tschernobol, aber seit der damaligen Sowjetzeit hat sich der russische Name Tschernobyl durchgesetzt.

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Es war ein 9/11-Moment in Europa, aber anders als beim Terroranschlag in New York 2001, erlebten die Menschen das Unglück nicht live an den Bildschirmen mit. Die sowjetischen Behörden - auch der Geheimdienst KGB - hatten versucht, das aus der Atomwaffenproduktion abgeleitete Mega-Projekt mit der Modellstadt Privjat geheim zu halten. Sogar die Beschäftigten vor Ort erfuhren nichts über die Zwischenfälle, die es schon vor der Havarie 1986 mit den sogenannten RBMK-Reaktoren in Russland gegeben hatte.

Die Zahl der Todesopfer ist bis heute umstritten. Offiziellen Angaben zufolge starben 31 AKW-Mitarbeiter und Feuerwehrleute. Die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) geht von 4.000 Toten aus. Wie viele Fälle von Krebs und anderen Erkrankungen auf die Belastung durch radioaktive Strahlung zurückzuführen sind, ist unklar.

Graffiti in Eppertshausen bei Frankfurt nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986
Graffiti in Eppertshausen bei Frankfurt nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 AP Photo

Die Reaktionen der Regierungen in den Wochen und Monaten nach dem GAU 1986 - dem katastrophalen Ereignis, das über den größten anzunehmenden Unfall hinausgeht - waren sehr unterschiedlich. Die Verunsicherung war in ganz Europa enorm. In Frankreich wurde den Menschen erklärt, die radioaktiven Wolken hätten die Grenze nicht überquert. Der Politologe Alfred Grosser (1925-2024) begründete die Panik in Deutschland, wo der Sand auf Spielplätzen ausgetauscht wurde, mit der besonderen Beziehung der Deutschen zum Wald.

Auf Nachfrage von Euronews erläutert Kathrin Angerer vom zuständigen Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft in Wien: "Die Kontamination nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl war in Europa stark regional unterschiedlich verteilt – teils auch kleinräumig – und hing wesentlich von den Niederschlägen während des Durchzugs der radioaktiven Luftmassen ab. Während Österreich und insbesondere Süddeutschland zu den am stärksten belasteten Regionen Westeuropas zählten, blieb die Deposition in Frankreich im Durchschnitt deutlich geringer, wenn auch ebenfalls räumlich uneinheitlich."

Wie war das mit dem Salat in der DDR?

Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl galt Blattgemüse wie Salat und Spinat durch direkte Ablagerung radioaktiver Stoffe besonders durch Regen in den ersten Tagen als stark radioaktiv belastet. In Österreich wurde am 6. Mai 1986 ein Verkaufsverbot für im Inland produziertes Freilandgemüse erlassen. In Deutschland wurde davor gewarnt, Salat und Blattgemüse zu essen. Auch die Milch war kontaminiert, wenn die Kühe belastetes Gras gefressen hatten.

Damals im kalten Krieg reagierte die DDR unter Erich Honecker anders als die BRD mit Kanzler Helmut Kohl. Der eigentlich für den Export in den Westen vorgesehene Salat wurde plötzlich den Menschen im Osten angeboten. Doch viele in der DDR schauten Fernsehsender aus dem Westen und kauften den Salat lieber nicht.

Doch Fabian Holzheid, politischer Geschäftsführer am Umweltinstitut München, erklärt Euronews zur Lage in der damaligen BRD: "Die Informationspolitik der Behörden war damals desaströs: Anfangs wurde massiv beschwichtigt, dass keine akute Gefahr bestünde – nur um kurz danach konkrete Warnungen etwa vor Pilzen, Wildfleisch oder Spinat zu veröffentlichen. Die Kommunikation der Bundesländer war auch alles andere als einheitlich: Während einige Länder vor dem Verzehr von Milch oder Blattgemüse warnten, gaben andere Entwarnung. Es gab damals ja auch keine flächendeckenden Messnetze für Radioaktivität in der Luft, im Boden oder in Lebensmitteln."

Der Staatschef der Sowjetunion Michail Gorbatschew mit SED-Chef Erich Honecker in Ostberlin im April 1986
Der Staatschef der Sowjetunion Michail Gorbatschew mit SED-Chef Erich Honecker in Ostberlin im April 1986 AP Photo

In einer Studie zur Nuklearkatastrophe schreibt das Bundesamt für Strahlenschutz über die DDR: "Das Thema wurde klein gehalten, westliche Berichte als übertrieben und gar Panikmache dargestellt. Die Skepsis, welchen Angaben man trauen konnte, wird als groß erinnert."

Eine ehemalige Kollegin aus Ostberlin berichtet, wie Journalisten aus dem Westen bei einem Empfang 1986 die Häppchen stehen ließen, weil im Osten ja alles verseucht sei.

Warum sind Wildschweine bis heute radioaktiv?

Aufgrund seiner langen Halbwertszeit von etwa 30 Jahren ist bei der Tschernobyl-Katastrophe ausgetretenes Cäsium-137 bis heute in Böden und in Nahrungsketten nachweisbar.

Fabian Holzheid vom Umweltinstitut München erklärt: "Während Cäsium-137 auf Wiesen und landwirtschaftlichen Flächen über die Jahre ausgewaschen oder in tiefere Bodenschichten verlagert wurde, reichert es sich im Wald länger in der oberen Humusschicht an. Dort wird der radioaktive Stoff vom weit verzweigten Myzel einiger Pilzarten besonders effektiv aufgenommen."

Da Wildschweine diese Pilze und verschiedene Trüffelarten aus dem Waldboden fressen, kann sich die Radioaktivität in diesen Tieren konzentrieren. In Sachsen wurden im vergangenen Jahr 109 Wildschweine registriert, die stärker radioaktiv belastet waren als der Grenzwert. Doch knapp 80 Prozent der belasteten Tiere, für die das Bundesverwaltungsamt an Jägerinnen und Jäger eine Erstattung gezahlt hat, weil das Wild wegen der Strahlenwerte nicht verkauft werden durfte, stammten aus Bayern. 2025 waren es deutschlandweit 2927 erlegte kontaminierte Wildschweine, 2308 davon in Bayern.

Zu den Pilzen sagt Holzheid: "Messungen zeigen, dass manche Pilze besonders stark belastet sind, etwa Maronenröhrlinge oder Semmelstoppelpilze, während Steinpilze und Pfifferlinge meist geringere Werte aufweisen. Wer gelegentlich Waldpilze isst, bewegt sich in der Regel innerhalb der Schwankungsbreite der natürlichen Strahlenbelastung. Da es jedoch keinen Schwellenwert gibt, unterhalb dessen Radioaktivität völlig unschädlich ist, empfehlen wir, zusätzliche Belastungen möglichst zu vermeiden – insbesondere für Schwangere und stillende Mütter."

Ist Atomkraft eine nachhaltige Energie?

Laut aktuellen Umfragen spricht sich die Mehrheit der Deutschen für Atomenergie aus. In einer Umfrage der Meinungsforschungsinstitute YouGov und Sinus im Auftrag der Deutschen Presseagentur sprechen sich 53 Prozent gegen die Abschaltung der letzten Kernkraftwerke aus, während 40 Prozent sie befürworten. Rund ein Drittel (32 Prozent) hält den Ausstieg sogar für vollkommen falsch.

Unter den Parteien in Deutschland teilt vor allem die AfD die Sorge vor den Gefahren der Atomenergie nicht. Für die AfD-Fraktion im Bundestag sieht der Abgeordnete Rainer Kraft keine Probleme in Deutschland nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl. Auf Nachfrage von Euronews sagt er: "Atomkraftwerke (AKW) können als die nachhaltigste Energiequelle überhaupt eingestuft werden. So erfüllt kein Energielieferant das Nachhaltigkeitsziel sieben der Vereinten Nationen - Bezahlbare und saubere Energie - so umfassend wie die Kernkraft."

Politiker von CDU und CSU fordern ebenfalls regelmäßig den Wiedereinstieg in die Kernenergie und die Reaktivierung der zuletzt abgeschalteten Reaktoren. So sagte jüngst Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU), wie die "Rheinische Post" berichtete, vor einem Innovationskongress der Unionsfraktion: "Es gibt Studien, die sagen, dass die stillgelegten Reaktoren der letzten Jahre mit um die neun, zehn Milliarden Euro wieder ans Netz gehen könnten.“ Im März forderte der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Markus Söder - der allerdings keine Endlagerstätten in Bayern will - in Bild am Sonntag: "Es ist Zeit für eine neue Epoche der Kernenergie. Kernenergie 2.0 bedeutet kein Zurück zu alter Technik, sondern ein neues Kapitel ohne die früheren Gefahren. Dazu zählen neuartige modulare Kleinreaktoren und die Kernfusion."

Der deutsche Umweltminister Carsten Schneider (SPD) sieht das anders und hat den Ausstieg aus der Atomenergie verteidigt. Diese ist laut Schneider extrem teuer, neue AKW brauchten Jahrzehnte bis zur Fertigstellung und "helfen uns bei aktuellen Energieproblemen nicht".

Harald Ebner, Berichterstatter für Atompolitik und Obmann im Umweltausschuss der grünen Bundestagsfraktion sagt im Gespräch mit Euronews: "Der 40. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ruft uns ins Gedächtnis, welche Gefahr von dieser Hochrisikotechnologie und ihrem Ewigkeitsmüll für Mensch und Natur ausgeht. Atomkraft ist auch kein Beitrag zum Klimaschutz. Sie bindet Investitionsmittel, die wir dringend für den Ausbau von Netzen und Speichern benötigen und ist auf staatliche Subventionen angewiesen." Und Ebner warnt: "Tschernobyl hat uns nachdrücklich gelehrt, dass Strahlung vor Grenzen nicht Halt macht, und so ist die aktuelle Kriegssituation in der Ukraine auch dauerhaft ein nukleares Risiko für Europa."

Auch Österreich spricht sich nach wie vor klar dagegen aus, dass die Kernenergie als umweltfreundlich, grün oder nachhaltig einstuft wird, erklärt das Umweltministerium in Wien.

Dass die EU in Sachen Atomenergie eine Kehrtwende vollzieht, kritisiert nicht nur die Regierung in Österreich. Fabian Holzheid vom Umweltinstitut München sagt: "Wir bezeichnen die Einstufung in der EU-Taxonomie als Greenwashing. Atomkraft ist nicht nachhaltig: Sie produziert hochradioaktiven Müll, für den es bis heute weltweit keine sichere Endlagerlösung gibt, und sie bleibt grundsätzlich mit dem Risiko schwerer Unfälle verbunden. Tschernobyl und Fukushima haben das deutlich gezeigt."

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