Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Tropennächte in Europa: das tödliche Phänomen hinter der Hitze

Zwei Frauen schützen sich an einem Geldautomaten in Madrid mit Regenschirmen vor der Sonne. In Spanien herrscht am Sonntag, 15. August 2021, eine Hitzewelle.
Zwei Frauen schützen sich an einem Geldautomaten mit Regenschirmen vor der Sonne während einer Hitzewelle in Madrid, Spanien, am Sonntag, 15. August 2021. Copyright  Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved
Copyright Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved
Von Liam Gilliver
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Expertinnen und Experten warnen: Wegen fehlender Klimaanlagen ist Europa auf mehr „tropische Nächte“ kaum vorbereitet.

Klimaforschende warnen die Menschen in Europa vor den Gefahren sogenannter Tropennächte. Zugleich hält eine weitere extreme Hitzewelle den Kontinent fest im Griff.

WERBUNG
WERBUNG

Der staatliche Wetterdienst Météo France rechnet damit, dass das Land nun eine Art Plateau der anhaltenden Hitzewelle erreicht. Entspannung erwarten die Meteorologinnen und Meteorologen frühestens am Freitag (26. Juni).

Mehr als die Hälfte der 96 französischen Départements steht inzwischen wegen „Unwettergefahr“ auf roter Alarmstufe, die Temperaturen steigen dort auf bis zu 40 Grad. Das geschieht nur wenige Wochen, nachdem Frankreich eine tödliche Mai-Hitzewelle erlebt hat, die nach Einschätzung von Fachleuten klar die Handschrift des Klimawandels trägt.

Gestern (21. Juni) haben die Behörden beim jährlichen Festival Fête de la Musique in Paris wegen der extrem hohen Temperaturen den Alkoholkonsum untersagt. Emmanuel Grégoire, der Bürgermeister von Paris, kündigte an, dass ab Mittwoch im Canal Saint-Martin geschwommen werden darf. Außerdem bleiben die Parks und Gärten der Stadt rund um die Uhr geöffnet, damit sich die Menschen abkühlen können.

Prognosen sagen in vielen Teilen Spaniens Temperaturen von bis zu 40 Grad voraus, etwa in Bilbao, Saragossa, Almería und Madrid. Auch Großbritannien stellt sich auf große Hitze ein: Der britische Wetterdienst Met Office erwartet in den kommenden Tagen Höchstwerte von bis zu 38 Grad im Süden Englands.

Ioanna Vergini, Gründerin von [wfy24.com](http://wfy24.com %28Quelle auf Englisch%29/), sagt Euronews Earth, Italien und Griechenland blieben während der Hitzewelle „vergleichsweise milder“. In Rom werden demnach bis zu 35 Grad erwartet, Athen bleibt im niedrigen 30er-Bereich.

Was sind Tropennächte?

Mit der aktuellen Hitzewelle nehmen in Europa auch die Tropennächte zu. Dann sinkt die Temperatur innerhalb von 24 Stunden nicht unter 20 Grad.

In wärmeren Klimazonen kommt das häufiger vor. Doch auch kühlere Länder registrieren solche Nächte immer öfter, besonders während Hitzewellen.

Eine Zuordnungsstudie des britischen Wetterdienstes Met Office zeigt, dass sich die Wahrscheinlichkeit von drei aufeinanderfolgenden Tropennächten im Juli durch den Klimawandel deutlich erhöht hat.

In einem vorindustriellen Klima lag die Wahrscheinlichkeit für ein solches Ereignis im Vereinigten Königreich, das für sein eher kühles Wetter bekannt ist, bei weniger als ein Prozent pro Jahr. In der heutigen Klimasituation liegt sie bei rund 20 Prozent pro Jahr.

Nächtliche Hitze: Risiken für die Gesundheit

Tropennächte können die Gesundheit stark beeinträchtigen. Der Körper ist darauf angewiesen, dass es nachts kühler wird, um die Kerntemperatur zu regulieren und sich von der Hitze des Tages zu erholen. Bleibt diese Abkühlung aus, steigt die Belastung für Herz und Kreislauf, und der Schlaf leidet.

„Nächtliche Hitze wird oft unterschätzt. Sie kann aber besonders gefährlich sein, weil die Menschen dann meist zu Hause sind und oft keinen Zugang zu kühlen, klimatisierten Räumen haben“, sagt Ruth Engel, Datenwissenschaftlerin für Umweltgesundheit und extreme Hitze am World Resources Institute (WRI), im Gespräch mit Euronews Earth.

„In Europa, wo Klimaanlagen (AC) noch relativ selten sind und die Temperaturen schneller steigen als in jeder anderen Region, werden Tropennächte zu einem großen Problem für die öffentliche Gesundheit.“

Die Zahl der Klimaanlagen in Europa hat sich seit 1990 mehr als verdoppelt; inzwischen sind schätzungsweise 110 bis 130 Millionen Geräte installiert. Dennoch entspricht das nur rund 20 Prozent der Gebäude auf dem Kontinent.

Klimaanlagen können bei extremer Hitze Leben retten. Zugleich treiben sie Europa in eine Art endlose „Kühlspirale“. Steigende globale Temperaturen und häufigere Hitzewellen infolge des Klimawandels erhöhen den Bedarf an Kühlung, und die Menschen in Europa werden immer abhängiger von Klimaanlagen, um in Innenräumen erträgliche Temperaturen zu halten.

Viele Anlagen laufen mit Strom aus fossilen Energieträgern und setzen Kältemittel wie Fluorkohlenwasserstoffe (HFC) und teilhalogenierte Fluorchlorkohlenwasserstoffe (HCFC) frei. Diese Stoffe speichern in der Atmosphäre tausendfach mehr Wärme als CO₂ und heizen die Erde weiter auf.

In Städten staut sich diese Wärme zwischen hohen Gebäuden. Asphalt- und Betonflächen nehmen sie auf und geben sie wieder an die Luft ab. Dadurch steigt die Außentemperatur weiter, und die Nachfrage nach noch mehr Klimaanlagen nimmt zu.

„Kumulative Hitzebelastung“ steigert Gesundheitsrisiken

Studien zeigen, dass hohe Nachttemperaturen mit einer erhöhten Sterblichkeit verbunden sind – vor allem bei älteren Menschen und bei Personen mit Vorerkrankungen.

Tropennächte wirken sich auch auf öffentliche Dienste wie Schulen aus. Diese erwägen, Prüfungszeiten zu ändern, um Schülerinnen und Schüler zu schützen, die wegen der hohen Temperaturen in der Nacht schlecht schlafen.

„Wir sprechen oft von der ‚kumulativen Hitzebelastung‘ – also davon, dass sich mit jeder zusätzlichen Stunde Hitzeeinwirkung die gesundheitlichen Folgen verstärken“, sagt Engel.

„Bleiben Wohnungen über Nacht heiß, fehlt den Menschen die Möglichkeit, sich von den Tagestemperaturen zu erholen. Das erhöht die Risiken – besonders für ältere Menschen und für alle mit bestehenden gesundheitlichen Problemen.“

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Sommersonnenwende: Hitzewelle in Europa, und es kommt noch schlimmer

UNICEF: Fast alle Kinder leiden unter den dauerhaften Gesundheitsfolgen der Klimakrise

Frankreich nach Hitzewelle: Vorwurf der Klimaleugnung, Klimahilfen sinken